Erbsen und Karotten

Seltsamer Titel, nicht wahr? Aber er hat mit einem nicht sonderlich spaßigen Traum zu tun, den ich heute hatte – und mit einem Kindheitserlebnis. Es ist eine sehr persönliche Geschichte. Aber da sie mich stark geprägt hat und einen Teil meines heutigen Selbst, auch als Autor, ausmacht, dachte ich, dass ich sie mal erzählen sollte.

Eine meiner frühesten Erinnerungen ist die an den Beginn meiner Kindergartenzeit. Meine Mutter war Alleinerzieherin, mit dem Geld reichte es gerade irgendwie. Aber sie war nun mal darauf angewiesen, regelmäßig arbeiten gehen zu können. Also wurde ich bei einem Kindergarten eingeschrieben, im sechsten Wiener Gemeindebezirk. Es handelte sich um einen grauen Bau in einer grauen Gasse in einem grauen Viertel der Stadt. Nichts daran war auch nur irgendwie erbaulich. Auch nicht die Räumlichkeiten selbst. Sie waren meist kahl und wenig liebevoll dekoriert, es gab ein paar Holz- und Plastikspielzeuge. Die Erinnerungen daran verschwimmen natürlich, das ist mehr als 50 Jahre her. Ich erinnere mich allerdings an die Angstzustände, die ich hatte, als ich erstmals alleine im Kindergarten zurückgelassen wurde. Ich hatte die Erklärungen meiner Mutter völlig falsch verstanden, was man denn eigentlich im Kindergarten so macht. Bis dahin war ich liebevoll behütet aufgewachsen – und nun, so dachte ich mir, würde ich in einen Hinterhofgarten verbracht und wie eine Rübe in den Boden eingepflanzt werden. Klar, so sagte es mir die Logik damals: Im Kindergarten werden Kinder in den Garten gesteckt, um zu lernen, ruhig zu stehen und nichts mehr zu reden.

Ich war einigermaßen erleichtert, als sich meine Ängste nicht bewahrheiteten, aber sie begleiteten mich dennoch viele Jahre. Was erschwerend dazukam, war, dass die Kindergarten“tanten“ wohl keinerlei pädagogische Ausbildung genossen hatten. Sie passten auf die Kinder auf, bis sie von den Eltern irgendwann wieder abgeholt wurden. Das war’s. Es gab diese paar Spielsachen und den Plan, zu Ende des Jahres irgendein Stück für die begeistert applaudierenden Eltern aufführen zu können. Der Rest war, nun ja, „sei still und red nur, wenn Du gefragt wirst.“

Ich erinnere mich an diese Frauen als zwei monumentale Gestalten, die über mir standen und bedrohlich auf mich herabblickten. Kaum einmal ein Lächeln, immer nur ausdruckslose Gesichter, schroffe Anweisungen und viel Barschheit. Ich mache ihnen nicht mal einen Vorwurf. Wir reden, wie gesagt, von den Sechzigern. Die Eltern mussten arbeiten gehen, um sich eine Existenz aufzubauen, also wurden die Kinder in eine Art von Aufbewahrungsanstalt gesteckt, mit kaum oder schlecht ausgebildetem Personal. So war es nun mal.

Ein besonderes Kriterium im Kindergarten war das Essen. Ich war stets heikel, was die Kost anging, und hatte mit vielen Speisen so mein Problem. Und damit sind wir bei meinem Traum angelangt, der mich letzte Nacht gequält hat:
Freitag war stets ein Freudentag für mich, weil es Süßspeisen gab. Meist Palatschinken. Der Tag davor, der Donnerstag, bereitete mir hingegen Probleme. Meist gab es Dosenfutter. Ich erinnere mich an diese verdammten Dinger auch heute noch gut: riesige Dosen mit einem Mischgemüse aus Erbsen und Karotten, vermengt zu einem Brei, der nicht sonderlich gut aussah und der abstoßend roch. Vom Geschmack will ich gar nicht reden. Es war ein billiges Essen, und billig war nun mal ein Kriterium in der damaligen Zeit.

Ich aß also an den Donnerstagen so wenig wie möglich von dem Zeugs, ich brachte es kaum herunter. Bis es einer der Kindergartentanten mal reichte, sie sich zu mir setzte und mir den Brei löffelweise reinschaufelte. Ich habe ihr Gesicht nicht mehr vor mir, fühle aber immer noch ihren grimmigen Zorn, mit dem sie das kleine, renitente Kind zwingt, endlich mal den Eintopf zu essen.

Mein Mund wurde voller und voller. Ich konnte das Zeugs nicht schlucken. Es war widerlich. Der Geruch war abscheulich. Diese Frau schob mir einen Löffel nach dem anderen rein, obwohl ich den Kopf nach links und rechts drehte und den Mund nicht aufmachen wollte. Sie redete mit scharfer Stimme auf mich ein, ich solle endlich runterschlucken. Und ich tat es. Irgendwann. Ich schluckte das Zeugs, würgte es irgendwie runter. Zehn Bissen, zwanzig Bissen. Bis der Teller halbleer war.

Und ich den Brei erbrach, zurück auf den Teller. Ich kotzte mich aus, weinend, der Rotz lief mir aus der Nase, ich spürte ungeheure Demütigung. Vielleicht das erste Mal in meinem Leben. Man hatte mich gezwungen, etwas zu tun, was ich einfach nicht vertrug.

Die Frau wurde noch wütender. Ich musste mir lautes Geschimpfe gefallen lassen, Ziehen an den Ohren und den Haaren, aber das reichte ihr noch lange nicht. Als nächstes kam der Löffel dran. Denn damit zwang sie mich, das Erbrochene erneut zu essen, erneut runterzuschlucken. Grausigen Brei, vermengt mit Magenflüssigkeit, Rotz und Tränen.

Ich kann mich nicht mehr erinnern, was danach geschehen ist. Habe ich ein weiteres Mal erbrochen, hab ich diesen Brei bei mir behalten? Habe ich jeglichen Widerstand aufgegeben?
Das ist alles weg. Blank. Ich weiß, dass ich meiner Mutter erst Wochen oder gar Monate später davon erzählt habe und ich von da an kaum noch in den Kindergarten gehen wollte.

Es dauerte Jahrzehnte, bis ich wieder Erbsen essen konnte. Bei Karotten tu ich mir heute noch schwer. Der Geruch von Süßkartoffeln erinnert mich markant an diesen Eintopf; ich muss davonlaufen, wenn ich ihn irgendwo in die Nase bekomme.
Die Kindergartentante ist mir kaum in Erinnerung geblieben. Was ich aber vermute, ist, dass mir der Hass auf Autoritäten geblieben ist, die mir ihre Macht demonstrieren wollten. Ich hab mich später mit Lehrern geprügelt, wurde beim Bundesheer für unzurechnungsfähig erklärt, hatte Schlägereien mit Vorgesetzten im Berufsleben.
Es war, so schätze ich mal, ein Tag, der mein Leben deutlich verändert hat.

Heute Nacht habe ich wieder davon geträumt, von erbrochenem Erbsen- und Karottenbrei in meinem Mund, vermengt mit Rotz und Tränen.

4 Kommentare Gib deinen ab

  1. Manuela sagt:

    Ganz so traumatische Kindheitserlebnisse habe ich zum Glück nicht, aber ich kann mich auch daran erinnern, dass ich gezwungen wurde Hascheeknödel zu essen. Das war aber daheim, nicht im Kindergarten. Mein Körper hat mit einem Nesselausschlag reagiert und weil der Kinderarzt gefragt hat, was ich gegessen habe und ich laut „Hascheeknödel“ geschrieen habe, musste ich sie von da an nicht mehr essen. Ich mag die bis heute nicht.
    In dem ersten Kindergarten, in den man mich gesteckt hat, wollte ich nicht bleiben. Da waren böse Kinder! Meine Mutter behauptet zwar, es lag daran, dass mich der Kindergartenbus einmal dort vergessen hatte, aber daran kann ich mich nicht erinnern. Ich kam dann in einen anderen, wo wir zwar eine halbe Stunde zu Fuß hingehen mussten, aber dort hat es mir gefallen. Mein damaliger Freund „Maxi“ ging auch dort hin, wahrscheinlich deshalb …

    1. mmthurner sagt:

      Interessant, wie prägend solche Dinge sind, nicht wahr? Wie lange und wie intensiv sie uns beeinflussen …

  2. Michi sagt:

    Dein Erlebnis kann ich gut nachfühlen, denn so was ähnliches ist mir als Kind auch passiert. Ich war vielleicht 7 und hatte eine Phase, in der ich sehr langsam gegessen habe. Bei vielen Gerichten musste ich gegen einen Würgereiz ankämpfen. Mein Vater versuchte es mal mit Zuckerbrot („wenn du in weniger als einer Stunde fertig gegessen hast, bekommst du eine Mark!“), mal mit der Peitsche. Als er mich mal wieder lautstark dazu verdonnerte, jetzt endlich alles aufzuessen (ich glaube, es waren Salzkartoffeln, die mochte ich damals nicht), erbrach ich mich auf den Teller.
    Mein Vater wollte mich zwingen, mein Erbrochenes zu essen, meine Mutter lief derweil zur Nachbarin rüber, um eine Zeugin zu holen. Das wurde meinem Vater dann doch peinlich, und so verließ er wütend die Küche, noch bevor die Nachbarin da war. Und ich kam drum herum, meine Kartoffeln ein zweites Mal zu essen.
    Heute liebe ich Kartoffeln aller Art und verstehe mich auch mit meinem Vater gut. Hat aber beides einige Jahre gedauert. Wirklich geredet haben wir darüber nie mehr.

    1. mmthurner sagt:

      Arg. Vor allem, weil bei Dir halt auch eine starke persönliche Komponente mit reinspielt. Freut mich, daß das Verhältnis zwischen euch heutzutage gut ist.
      Ohne ihn zu kennen, könnte ich mir vorstellen, daß er das seitdem tausendfach bereut hat.

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