Save the Cat

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Unter diesem etwas sonderbaren Artikel stellt die Schweizer Autorin Eva Waiblinger in ihrem Gastbeitrag ein ganz wichtiges Element modernen Schreibens vor. Denn jeder Held sollte im Laufe eine Geschichte einmal „seiner“ Katze begegnen und sie retten …   

Das Krönchenvirus bringt es mit sich, dass viele Kursangebote im Creative Writing, die bisher in weiter Ferne stattfanden, sprich in den USA, plötzlich via Cyberspace und Zoom auch für Europäer in greifbare Nähe rücken. Ich wäre nie für einen Wochenendkurs nach NY oder gar Los Angeles geflogen, so aber fand ich mich eines späten Samstagabends im Mai um 23 Uhr (3pm Pacific Time) vor dem Laptop auf dem Sofa wieder und nahm mit dem reinsten Umweltgewissen am dreiteiligen Webinar von Jessica Brody teil, der Autorin von «Save the Cat Writes a Novel». Kurz darauf ließ ich mein historisches Romanprojekt und mich noch an einem Workshop mit Drehbuchautor Jamie Nash durch die «Save the Cat»-Mangel drehen. Die Amis sind keinesfalls zahmer als die berüchtigten SchreibcampinstruktorInnen aus Wiener Neustadt, auch sie fahren ihre Krallen aus und zerfetzen mit Genuss Plot und Autorin, also besser mal Rüstung anziehen bzw. Schutzschirm einschalten.

Halt, was soll das Gerede vom Katzenretten, sind wir etwa beim Tierschutz? Fast – immerhin war ich Forschungsassistentin von Katzenpapst Dennis C. Turner und habe 13 Jahre beim Schweizer Tierschutz gearbeitet, das aber nur nebenbei. Offenbar komme ich nun auch beim Schreiben nicht von den Katzen weg. Es war Blake Snyder (1957 – 2009), ein amerikanischer Drehbuchautor, der den Begriff «Save the Cat» prägte. Blakes Drehbücher haben ihm allerdings weniger Bekanntheit verschafft als sein Talent als Dozent fürs Drehbuchschreiben. In seinem ersten Buch («das letzte Buch über Drehbuchschreiben, das du je brauchen wirst», verspricht der Untertitel) liefert er eingängige Tipps, wie Fallen im Storytelling vermieden werden können, so auch «Save the Cat». Und das geht so: Sollte ein Protagonist als unsympathisch, hart oder abstossend rüberkommen, so braucht er einen «Save the Cat»-Moment. Das ist ein Augenblick früh in Film oder Roman, in dem er selbstlos einem schwächeren Wesen hilft, zum Beispiel eine Katze aus dem Feuer rettet. Das rehabilitiert ihn, macht ihn sympathisch und sorgt hoffentlich dafür, dass die LeserInnen für den Rest des Buchs oder Films mit ihm mitfiebern.

Nun wimmelt es in Hollywoodfilmen und Romanen deswegen nicht gleich von Feliden, wie die folgenden zwei Beispiele zeigen: In «Batman Begins» hat sich der junge Bruce Wayne aufgemacht, das Wesen des Verbrechens zu ergründen, indem er selber zum Verbrecher wird – er stiehlt, prügelt sich, klaut einem Händler Früchte. Diese Beute teilt er aber mit einem Bettlerjungen, sein «Save the Cat»-Moment, der beweist, dass der Typ eigentlich schon in Ordnung ist. Für die PERRY RHODAN-Fans sei folgendes Beispiel erwähnt: Lordadmiral Monkey ist ein kalter, berechnender (Kotz-)Brocken, der eigentlich gar nichts hat, was ihn liebenswert macht, so dass sich selbst sein ebenso taffes wie gefährliches Haustier, ein Okrill, von ihm abgewandt hat. Statt Monkey nun in jedem Roman eine Katze retten zu lassen, bekam er in «Sandschwimmer» von Kai Hirdt einen ganzen Roman lang die Möglichkeit, sich um ein anderes Lebewesen zu kümmern, wenn auch widerwillig. In seinem Fall war das natürlich keine Katze, sondern ein monströser, mehrere Meter langer Sandwurm, Dune lässt grüssen. «Der Sandschwimmer legte den Kopf auf die Schulter des Markgrafen (Monkey). Der verharrte, schien die Berührung geradezu zu genießen. Dann klopfte er dem Tier sanft auf die Nüstern.» Seinen Untergebenen ist das schon fast peinlich: «Was immer wir gerade mitverfolgt hatten: Keiner von uns würde es jemals wieder erwähnen. Zumindest nicht, solange wir in der USO waren. Nicht unter einem Lordadmiral namens Monkey.» Für Monkey muss das also wieder für ein paar Dutzend Romane lang reichen mit dem Katzenretten.

Blake Snyder ging es aber nicht nur um einzelne Tricks, wie Klippen im Plot umschifft werden können. Die «Save the Cat»-Methode liefert ein eigentliches Plot-Skelett für Drehbücher und Romane, das ursprünglich auf dem Storygerüst der Heldenreise basiert. Bevor hier jetzt jede und jeder schreit: «Igitt, eine Formel, weiche, Satan, weiche von mir!», sollte sie/er vielleicht wissen, dass unser primitives Höhlenbewohner-Hirn genau auf solche Stories anspringt, wie Lisa Cron in «Wired for Story» und vor ihr Joseph Campell («The Hero with a Thousand Faces») und Christopher Vogler («A Writer’s Journey») darlegten, und dass die meisten Hollywood-Drehbücher genau auf diesem Skelett aufgebaut sind, egal ob Science Fiction, Thriller, Komödie, Gesellschaftsdrama oder Superheldenepos.

NkRFMTkyNDQtQTdGMS00MThDLThGRTAtQ0ZGQkVEM0M0OUZCQGhvbWU;jsessionid=222FBC2A615EC787B42FD2688DD6B625-n4Blake Snyder schrieb vor allem für Drehbuchautoren. Zum Glück hat Jessica Brody die Methode für uns RomanautorInnen angepasst. «Save the Cat Writes a Novel» ist süffig geschrieben und unterdessen auch auf Deutsch erhältlich, so dass alle, die nicht wie ich dem englischen Binge-Reading verfallen sind, in den Genuss der geretteten Katzen kommen. «Save the Cat» ist unterdessen eine eigene Franchise, mit einer Reihe von Büchern, Kursen, eigener Plotting-Software und kostenpflichtigem Beratungsservice bei akuten und chronischen Plot-Zipperlein. Das soll aber niemanden davon abschrecken, sich der Ideen und der Methode zu bedienen. Das Buch von Brody reicht dazu vollauf.

Und wie sieht denn nun dieses Story-Skelett nach der Katzenmethode aus? Die drei klassischen Akte von Aristoteles teilt Snyder in 15 sogenannte «Beats» ein, das sind Wegmarken auf dem Pfad, den eine Story vom Anfang bis Ende nehmen sollte, wenn sie eine einigermassen solide Erzählstruktur und einen Spannungsbogen haben soll. Die «Beats» auf dem «Beatsheet» tragen oft eingängige Namen, wie «Bad Guys Close In», wenn im zweiten Teil des zweiten Aktes der Antagonist und seine Lakaien den Druck auf den Protagonisten massiv erhöhen, oder «All Is Lost», der absolute Tiefpunkt für den Protagonisten gegen Ende des zweiten Aktes. Manche «Beats» bestehen aus nur einer einzigen Szene (Die 7 «Pillar»-Beats, also die tragenden Säulen der Story: Opening Image, Catalyst, Break into 2, Midpoint, All is Lost, Break into 3, Final Image), teilweise aus mehreren (Setup, Debate, Fun&Games, Bad Guys Close In, Dark Night of the Soul, 5-Point-Finale). Snyder bestand darauf, dass diese Beats in einem 120seitigen Drehbuch an einer spezifischen Stelle kommen müssen, Brody gibt uns RomanautorInnen da mehr Spielraum. Das «Save the Cat»-Beatsheet ist kein Korsett, das schreibende Freigeister einengt, und es liefert auch keine Schienen, die todsicher zum Bestseller führen, sondern soll einfach ein Werkzeug sein, das sowohl beim Plotten eines Romans als auch bei seiner Überarbeitung hilft, den Fokus primär auf das Funktionieren des ganzen Storybogens zu legen.

Mir jedenfalls halfen die Katzen, mich aus dem Sumpf eines historischen Romans zu ziehen, bevor ich zur Moormumie verkam: ich saß vor einen Riesenhaufen Haftnotizen, jede beschrieben mit einer zumeist historisch belegten Szene, säuberlich und in historisch korrekter Reihenfolge angepinnt auf der Zeitachse – was beim Schreiben rauskam, glich eher der Abhandlung eines Geschichtsprofessors, inklusive Fussnoten, denn einem lesbaren Roman. Nach den «Save the Cat»-Workshops fegte ein Hurrikan durch die Haftnotizen. Jede Szene musste ihren Platz auf der Erzählzeitachse verdienen und beweisen, welche Funktion sie im «Save the Cat»-Storyskelett erfüllt bzw. wo sie diese Rolle am besten erfüllt – ungeachtet der historischen Reihenfolge. Nun ja, es gibt unverrückbare Pfeiler, die sich auch von der Kausalität her nicht schieben lassen. Meine Figuren können schlecht babylonisches Bier trinken, bevor es gebraut ist, oder in Babylon einreiten, bevor sie die Perserarmee plattgemacht haben. Ganz viele Szenen landeten aber dennoch im Friedhof getöteter Darlings, zu meiner Erleichterung auch die Mehrzahl der Schlachten. Ich hasse es, Schlachten zu schreiben. Und so rettet mich nun Blake Snyders Katze aus dem historischen Szenen- und Schlachtengetümmel.

Jessica Brody (2018). Save the Cat! Writes a Novel: The Last Book On Novel Writing You’ll Ever Need. Ten Speed Press. Online-Ressourcen: https://www.jessicabrody.com/stc-masterclass/ und Starterkit

Joseph Campbell (1949). The Hero with a Thousand Faces. Princeton University Press

Lisa Cron (2012) Wired for Story: The Writer’s Guide to Using Brain Science to Hook Readers from the Very First Sentence. Ten Speed Press

Kai Hirdt (2019). Perry Rhodan 3032: Sandschwimmer: Perry Rhodan-Zyklus „Mythos“

Blake Snyder (2005). Save the Cat! The Last Book on Screenwriting You’ll Ever Need. Publishers Group UK.

Christopher Vogler (2007). The Writer’s Journey: Mythic Structure For Writers. Michael Wiese Productions.

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