Alte Eisen auf Reisen (4) – Die Vorbereitungen

Womit ich teilweise konfrontiert werde, ist  Unverständnis für die komplexen Vorbereitungsarbeiten, die ich für meine Reise absolvieren muß. „Pack dein Zeugs zusammen, setz dich aufs Motorrad und fahr halt weg“ – das oder ähnliches bekam ich in den letzten Wochen immer wieder zu hören. Dann muß ich langwierig erklären, warum das alles nicht so einfach ist.

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Vorab möchte ich eines klipp und klar sagen: Meine Reise ist alles, nur kein Urlaub. Ich gehe davon aus, daß Körper und Geist ziemlich malträtiert werden. Ich komme, wenn alles so funktioniert, wie ich es mir vorstelle, durch unzählige Zeit- und Klimazonen. Ich habe es mit unterschiedlichen politischen Systemen zu tun, mit schlechter bis exzellenter Gesundheitsversorgung, mit sprachlichen Hindernissen, selbst mit grundsätzlichen Problemen wie der Nahrungs- und Benzinversorgung in den Weiten mancher Weltgegenden. Ich muß das bestmögliche Material für Mensch und Maschine mit mir führen, Ersatzteile fürs Motorrad, kleine Servicearbeiten am Motorrad selbst erledigen können,
Darüber hinaus muß ich mich körperlich und mental auf diese Reise vorbereiten. Ich muß lernen, meinen Tag so einzuteilen, daß ich ausreichend Kilometer zurücklege. Daß ich Land und Leute so kennenlerne, daß ich letztlich sagen kann: Ich habe ein Gefühl für die Gegenden bekommen, die ich durchreise. Ich muß mein tägliches Soll beim Schreiben schaffen. Ich habe Verpflichtungen im Social Media-Bereich (dazu folgt noch ein weiterer Beitrag in den nächsten Tagen).

Nun bin ich seit einigen Wochen immer wieder unterwegs, um erste Erfahrungen mit dem „System“ zu sammeln, also mit all den Ausrüstungsgegenständen, die ich mir bereits für die Alte-Eisen-auf-Reisen-Tour zugelegt habe.
Zuoberst steht dabei der Gedanke: Habe ich Platz für dieses oder jenes? Ein Motorrad hat nun mal sehr beschränkte Kapazitäten. So habe ich bereits jetzt festgestellt, daß ich keine Motorradstiefel tragen und mitnehmen kann. Klingt blöd, ist aber so. Schließlich möchte ich während meiner Reise mehrtägige Wandertouren durchführen, und für drei Paar Schuhe (darunter leichte Turnschuhe für den Alltagsgebrauch abseits vom Motorradfahren) ist nun mal kein Platz. Also sitze ich mit sehr robusten Wanderstiefeln auf dem Bike.
IMG_0731Andererseits denke ich darüber nach, einen gefinkelt zusammenlegbaren Campingstuhl mitzunehmen. Der läßt sich auf einen meiner Seitenkoffer draufschnallen und würde mir das Schreiben/Arbeiten unterwegs erleichtern. Bei meinen bisherigen „Trainings“  ich im Stehen geschrieben, mit dem Rechner vor mir im Topcase des Motorrads. Das klappt auch zufriedenstellend – aber eben nicht mehr. Zufriedenstellend ist in diesem Fall nicht gut genug. Ich muß mir fürs Arbeiten am Rechner die bestmöglichen Bedingungen schaffen. Es macht einen riesigen Unterschied, ob ich pro Tag 5.000, 7.000 oder gar 10.000 Anschläge tippen kann. Und diese Unterschiede entscheiden darüber, unter welchen Bedingungen ich diese Reise bewältigen kann. Weil, wie gesagt: Ich muß mir mein Geld unterwegs verdienen.

Ein großes Thema sind Sprachen und Schriften. Der erste Teil meiner Tour stellt da kaum Herausforderungen. Mit einigermaßen gutem Englisch, ein bißl Französisch und rudimentären Kenntnissen in Spanisch und Italienisch komme ich durch große Teile Europas. Kompliziert wird’s im Kaukasus, in Rußland, im Iran, in Nordwestafrika. Ganz banal gesagt: Ich muß ja auch Verkehrsschilder lesen können. Also heißt es für mich, während der nächsten Monate zumindest einen Russischkurs zu belegen. Für Farsi werden die Zeit und vermutlich auch nicht die Kapazitäten meines Gehirns reichen, fürs Arabische auch nicht. Es ist aber gut möglich, daß ich meine ganz, ganz bescheidenen Kenntnisse im Türkischen ein bißl aufpolstere. Auch damit kommt man in manchen Weltgegenden gut weiter.

Wie ist das mit dem Motorrad? Wird es diese Reise denn überhaupt durchstehen?
Ich habe schlichtweg keine Ahnung. Das gute Ding wird vor der Abfahrt einem absolut gründlichen Service unterzogen. Ich nehme einige Verschleißteile mit und einen Basissatz an Werkzeug. Auch da gilt, daß ich mit dem Platz sparsam umgehen muß. Also kommen Lämpchen, Kupplungs- und Bremsseile, Reifenflick-Kit, vielleicht Bremsklötze und Kleinteile mit. Von früheren längeren Fahrten her weiß ich, daß Draht und ein Textilklebeband unabdingbar sind. Man glaubt gar nicht, was man damit alles zusammenhalten kann, wenn man einmal in einer Notsituation ist.
Ganz klar ist, daß ich unterwegs einige Services durchführen lassen muß. Mag sein, daß ich fünf Hinterreifen verbrauche. Der Riemenantrieb gehört sicherlich irgendwann einmal gewechselt, vermutlich die Federbeine, und ich darf mich auch nicht drauf verlassen, daß der Motor die komplette Reise durchhält. Ich kann derzeit nicht einmal die Länge der Reise abschätzen, das hängt noch von viel zu vielen Unbekannten ab. Aber 50.000 Kilometer können da rasch einmal zusammenkommen. Da meine BMW bereits 15 Jahre alt ist und knapp 40.000 km drauf hat, kann es zu allen möglichen Problemen kommen, zumal einige Teilstrecken durch Wüstenlandschaften oder unbefestigte Straßen das Motorrad enorm belasten werden.

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Viele Dinge sind also nicht planbar. Eines aber kann und muß ich bereits jetzt bestmöglich für diese Reise präparieren: nämlich mich selbst. Ich muß definitiv einige Kilogramm abnehmen und Muskelsubstanz aufbauen. Einige Arztbesuche stehen an, da werde ich mein Bestmögliches in der Prophylaxe unternehmen. Wer schon mal mit Zahnschmerzen irgendwo in der Pampas gestrandet ist, weiß, wie wertvoll eine gesamtgesundheitliche Vorbereitung ist.
Eine Einschränkung in den nächsten Monaten muß ich mit dem größten Bedauern hinnehmen: Ich spiele gerne Fußball, und da werde ich mich bis kommenden April gehörig zurückhalten müssen. Ein gerissenes Band oder eine andere einschränkende Verletzung wären so ziemlich das Blödeste, was mir derzeit passieren könnte.
Ich muß eine für mich unübliche Regelmäßigkeit ins Leben bringen, ich muß mich vor allem mental vorbereiten. Wie wird es sein, die nächsten Monate mit mir alleine zu sein? Ohne Freunde und Bekannte? Ohne Ansprache? Ohne Unterstützung? – Nun, ich habe es mir selbst so ausgesucht. Ich möchte diese Reise unter keinen Umständen zu zweit oder zu dritt absolvieren. Dazu bin ich schlichtweg zu egozentrisch.

Es mag ungewöhnlich klingen – aber ich beschäftige mich auch mit dem Gedanken, daß ich von meiner Reise nicht unversehrt oder gar nicht zurückkomme.
Was bedeutet das für mein Umfeld, für meine Familie? Was kann und muß ich hinterlassen? Wie kann ich die Gefahren so weit wie möglich reduzieren, um alles zu schaffen, was ich mir vorgenommen habe? Wie konditioniere ich mich selbst, mit diesem Was-wäre-wenn-Gedanken im Hinterkopf?
Ich werde ganz sicherlich nicht mit Angst im Gepäck abreisen. Angst ist der schlechteste Ratgeber, den man nur haben kann. Ich habe also enormen Respekt vor den Herausforderungen, die auf mich warten.  Und ich werde die Monate bis zur Abreise sehr, sehr bewußt leben.

Hier geht’s zu Teil 1 meiner Gedanken zur Reise: die Übersicht
Hier findet sich Teil 2 zum Thema PERRY RHODAN Stammtisch-Tour
Und hier schreibe ich im dritten Teil über mögliche Reisehindernisse

6 Kommentare Gib deinen ab

  1. Zum Thema Stiefel ganz kurz: zur Zeit habe ich https://www.genxtreme.at/lowa-phantom-hi-g3-laufsohle.html, die sind wasserdicht, zum Moppedfahren und Wandern gleich gut geeignet. Vorher hatte ich etwa 10 Jahre lang (ca. 100.000 km) ein paar Feuerwehrstiefel von Steitz Secura (https://www.feuerwehrbedarf-dagdas.de/alle-kategorien/feuerwehrstiefel/steitz-secura-feuerwehrstiefel-steitz-rettungsdienststiefel/10605/steitz-feuerwehrstiefel-fire-fighter-gore-ii), die waren etwas schwerer, aber unglaublich robust und trotzdem bequem. Inzwischen fahre ich nicht mehr so viel, da reichen mir die leichteren Stiefel von Lowa.

    1. mmthurner sagt:

      Danke für die Tipps!
      Die hohen Feuerwehrstiefel sind sicherlich zu schwer fürs Wandern, aber die anderen von Lowa sehen toll aus und sind preislich im Rahmen. Ich habe ähnliche, allerdings mit einem flacheren Profil und vielleicht nicht ganz so hoch.
      Es lohnt sich bei Bekleidung immer, über den Tellerrand zu schauen. Für einige Jahre hatte ich fürs Fahren im Winter Tankwart-Handschuhe. Innen stark gefüttert, außen robuster Gummi. Die waren großartig.

      1. Bei Motorradstiefeln empfiehlt es sich, die Schafthöhe nicht zu niedrig zu wählen. Bei längerer Fahrt im Regen rutscht ratzfatz das Hosenbein ein bisschen hoch und dann läuft dir die Soße oben rein.

      2. mmthurner sagt:

        Ja, das kenn ich nur zu gut …

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