Über die Entstehung einer Anthologie

Der heutige Gastbeitrag stammt von Jacqueline Mayerhofer, die ich bei einem Seminar in Eggenburg kennen und schätzen lernte. Sie ist eine junge, engagierte und kompetente Autorin – und sie wurde heuer von einer Fachjury zur „Eggenburger Stadtschreiberin“ gewählt.  Auf der Homepage von Jacqueline gibt’s mehr zu ihren Erfolgen als Autorin.

Nun aber zu ihrem Gastartikel, in dem es um die redaktionelle Arbeit an einer Story-Anthologie geht:

Über Verlage, HerausgeberInnenschaften, AutorInnen und Ausschreibungen

Autorenfoto_-_Jacqueline_Mayerhofer_(2019)Viele von uns haben (zumindest schon einmal am Rande) mitbekommen, wie Anthologien – also Kurzgeschichtensammlungen – auf herkömmlichem Weg entstehen: „Verlag XY hat gerade eine neue Ausschreibung online gestellt! Es geht um Dinosaurier-/Hexen-/Piraten-Geschichten! Schreibt ihr etwas dazu?“

Was bedeutet das aber letzten Endes für einen Verlag, für HerausgeberInnen und schließlich für die LeserInnenschaft? Welche Schritte gibt es bis zum fertigen Buch im Handel, das Sie dann mit nach Hause nehmen, um sich an den Geschichten verschiedener AutorInnen zu einem vorgegebenen Thema zu erfreuen? Beginnen wir mit einem Beispiel, das aktueller nicht sein könnte und von dem ich selbst betroffen bin:

Vor ungefähr zwei Jahren, während einer unserer langen Autofahrten nach Deutschland zu einer Buchmesse, haben Melanie Vogltanz, Werner Graf und ich an irrwitzigen Ideen gefeilt. Schließlich, wie es bei kreativen Köpfen (und langen Autofahrten) so ist, kamen wir auf die Idee, dass Geschichten aus dem Keller spannend wären. Provokant, weil wir ÖsterreicherInnen sind. Aktuell, weil in jedem von uns die eine oder andere düstere Geschichte lauert, die an die Öffentlichkeit gebracht werden will.

Da wir von unserem Einfall überzeugt waren, beschlossen wir damit zu Verlegerin Ingrid Pointecker (Verlag ohneohren) zu gehen, um sie zu fragen, was sie denn von solch einer Ausschreibung hielte. Natürlich waren wir nervös, war es doch ein heikles Thema, inspiriert von der Horror-Fernsehserie „Geschichten aus der Gruft“. Überraschenderweise war sie sofort dafür und meinte: „Schickt mir ein Konzept!“.

Gut, wir waren also nun drei HerausgeberInnen mit einer Idee, die wir erfolgreich an einen Verlag gebracht hatten. Wie sollte nun aber unser Konzept aussehen? So setzten wir uns zusammen und begannen mit dem Brainstorming. Wir entwarfen einen Ausschreibungstext sowie ein Bewertungssystem für die eingereichten Geschichten, das wir schließlich abgaben.

Verlegerin Ingrid Pointecker erinnert sich an dieser Stelle noch gut: „Als Jacqueline, Melanie und Werner mir das Konzept geschickt hatten, war schnell klar, dass diese Anthologie super werden muss. Drei HerausgeberInnen, die gleichzeitig viel Schreiberfahrung mitbringen,  sind genau die Quelle, aus der neue Ideen sprudeln. Die Masse an Einsendungen brachte einen neuen Ausschreibungsrekord im Verlag mit sich. Das war ein Vorgeschmack darauf, wie gut das Kellerthema ankommt.“

Die Frist nach Vertragsabschluss und Planung bis zur Veröffentlichung unserer Ausschreibung verstrich wie im Flug. Im Hintergrund wurde indes eine Menge an Arbeit von der Verlags- sowie HerausgeberInnenseite erledigt. Die Monate, die die AutorInnen zur Verfügung hatten, um zu unserem Thema „Geschichten aus dem Keller“ eigene Texte zu verfassen, schossen nur so dahin.

Wie bei jeder entstehenden Anthologie, die darauf wartet, mit guten Geschichten gefüllt zu werden, trudelten zu Beginn nur wenige Einreichungen ein. Kurz vor Ultimo jedoch wurde das Postfach des Verlages gesprengt. Es bestätigte sich immer mehr: Das ist ein Thema, das offenbar wirklich den Nerv der Zeit trifft.

Wieso aber sind wir so fasziniert davon? Schrecken Geschichten aus dem Keller uns nicht eigentlich ab? Mitherausgeber und Autor Werner Graf meint dazu ganz euphorisch: „Das Thema dreht sich nach bester österreichischer Tradition um Keller, wobei dieser Begriff auch metaphorisch interpretiert werden darf. Unglaubliche 191 Beiträge wurden eingesendet! Da gibt es irre viel zu lesen und zu bewerten, aber bisher haben die meisten Geschichten auf ihre Weise Spaß gemacht – von Splatter bis dezentem Grusel ist schließlich alles dabei.“

Farbe JacquelineMitherausgeberin und Autorin Melanie Vogltanz ergänzt: „Für mich behandelt das Thema unserer Ausschreibung ein altes Motiv der Horrorliteratur: die Banalität des Bösen. Beängstigendes, das sich unter der Maske des Vertrauten verbirgt. Das ist meine liebste Form des Horrors, obwohl oder gerade weil sie so viel anspruchsvoller ist als jener Horror, der mit Axt und Blutfontänen aus den Seiten springt. Wie findet man die Balance zwischen unheimlich vertraut und irrelevant banal? Für viele EinsenderInnen schien das eine Herausforderung zu sein.“

Ich kann Melanie und Werner nur absolut recht geben. Denn auch für mich ist es eine Thematik, aus der man unglaublich viel herausholen kann. Handelt es sich tatsächlich um die sprichwörtlichen Leichen im Keller, oder gibt es auch jene in der eigenen Psyche? Traumata, die einen heimsuchen und dafür sorgen, dass unser ganz persönlicher Horror in den dunkelsten Abgründen lauert? Bei unseren Kellern muss es sich nicht zwanghaft um greifbare Orte handeln, sie können so viel mehr sein. Und tatsächlich haben die meisten EinsenderInnen den Kern des Themas sehr gut getroffen.

Wie geht es aber nun weiter, nachdem wir es geschafft haben, unsere Idee erfolgreich an den Verlag zu bringen, ein Konzept inklusive Ausschreibungstext abzugeben und der Zeitraum bereits beendet ist, in dem AutorInnen ihre Texte bei uns einreichen konnten?

Wir haben einen Ordner mit knapp 200 eingereichten Geschichten vor uns liegen, was für uns Folgendes bedeutet: lesen. Viel lesen. Und nochmal lesen.

Natürlich wurden alle Kurzgeschichten von unserer Verlegerin vorab anonymisiert, damit wir nicht von bekannten Gesichtern beeinflusst werden.

10 von 191 eingereichten Geschichten wurden im Vorhinein aussortiert, weil sie unsere technischen Kriterien nicht erfüllten. Sie waren signifikant zu lang, die Datei war leer/kaputt, die Datei wurde auf Nachfrage nicht ersetzt. Von den restlichen 181 Geschichten, die nun von Melanie, Werner und mir gelesen werden, erhält unsere Verlegerin für die Endauswahl knapp 30 Stück. Aus diesen wählt sie dann die finalen Stories. Melanie, Werner und ich besitzen aber auch den Joker, dass wir auf die eine oder andere Geschichte bestehen dürfen, auch wenn sie Ingrid nicht zusagen sollte.

Darüber hinaus haben wir AutorInnen in der Anthologie, deren Beiträge ganz sicher abgedruckt werden, weil sie von uns HerausgeberInnen persönlich angefragt wurden und sie für uns Koryphäen innerhalb dieser Sparte der Phantastik sind. Ich darf öffentlich noch nicht darüber sprechen, wer diese sogenannten FixautorInnen sind. Aber ich verrate an dieser Stelle zumindest eines: Michael Marcus Thurner – dessen Blog Sie ja gerade lesen –, hat einen Text eingereicht.

Keine Sorge aber nun für alle EinsenderInnen: Es ist genug Platz für alle da. Uns ist bewusst, dass viele von ihnen wie auf heißen Kohlen sitzen und auf unsere Auswahl warten. Dennoch bitten wir um Geduld. Solch eine Menge an Geschichten benötigt einfach viel Zeit, da wir gewissenhaft lesen, bewerten und Entscheidungen treffen. Wir werden übrigens in einer redaktionellen Sitzung nochmals drüber diskutieren, warum wir welche Geschichten ausgewählt haben, bevor wir unsere „Top 30“ der Verlegerin übergeben.

Eine HerausgeberInnenschaft ist, wie man sieht, – ein zeitintensiver, aufwendiger Prozess. Doch eines ist sie ebenso: eine spannende Erfahrung. Das Endprodukt, unsere Anthologie „Geschichten aus dem Keller“, wird sich ganz sicher sehen lassen können und eine Mischung von unterschiedlichsten Stories darstellen, die Sie so schnell nicht wieder vergessen werden.

Die Bilder sind ©Jacqueline Mayerhofer bzw. Peter Gludovatz (Portraitbild).

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