Wir werden alle sterben!

Gedanken zur Figuren- und Autorenentwicklung

Gerhard Huber ist ein Autorenkollege, den ich bei meinem allerersten Schreibcamp in Hinterzarten/Schwarzwald als höchst interessanten Menschen kennengelernt habe. Er beschäftigt sich intensiv mit der Materie des Schreibens, mit seinen Mechanismen – und schreibt darüber hinaus gelungene, spannende, lustige und zum Nachdenken anregende Geschichten.

Vor einigen Jahren habe ich als Fingerübung eine bewusst einfache Story geschrieben, die im PERRY RHODAN-Universum angesiedelt ist. Dabei schickte ich ein paar Figuren auf eine kurze Expedition, bei der es das ein oder anderen Opfer geben sollte. Als Nebenfigur ließ ich einen amöbenartigen Matten-Willy agieren, der während der Reise als selbsterfüllende Prophezeiung oftmals ein »Wir werden alle sterben!« von sich gab und der ebenfalls zu den Opfern gehören sollte.

Doch manchmal geschieht es, dass sich Figuren anders entwickeln, als der Autor das plant. Als Autor ist man nicht, wie man meinen könnte, stets Herr über seine Figuren. Eine der etwas spezielleren Erfahrungen, die ich recht früh beim Schreiben machte.

Bei aller Freude, aber auch den Mühen, die einem das Schreiben bereiten kann, gibt es solcherlei unvorhergesehene Entwicklungen immer wieder. Die Überarbeitung eines Textes ist meist zeitraubend und eher mühsam, da man konzentriert arbeiten sollte. Beim Überarbeiten kann man solch eine eigenwillige Figurenentwicklung natürlich rückgängig machen oder einschränken, doch meist empfiehlt es sich, die Figur so zu akzeptieren, wie sie sich ungewollt entwickelt hat.

Warum dergleichen überhaupt passiert, ist vermutlich eines der unter- und unbewussten Phänomene des weitläufigen kreativen Feldes, wo so manches im Schreibfluss entstehen kann, was man nicht unbedingt erklären kann oder gar muss.

Ein Autor ist dabei vielleicht vergleichbar mit einem Rennfahrer vor dem Rennen, der tausendfach die zu fahrende Rennstrecke durchgegangen ist, exakt weiß, in welcher Kurve er wann und wie stark bremsen sollte, um eine Schikane ideal zu durchfahren. Aber im Rennen, genau in der eigentlich bekannten Schikane, ergibt sich dann intuitiv eine nicht genau bestimmbare Änderung, die zudem nicht unbedingt bewusst abläuft, und dazu führt, dass der Fahrer etwa eine Millisekunde früher bremst als sonst – und damit unter Umständen den gesamten Rennverlauf verändert.

Im Lauf der Jahre begegnete ich dem ein oder anderen Schriftsteller und hatte Gelegenheit, mich im Gespräch mit diesen auszutauschen. Dabei erfuhr ich auch das ein oder andere über dieses Phänomen der »spontanen Figurenentwicklung« aus Sicht anderer Autoren.

Der Dramatiker und Übersetzer Harald Mueller erzählte mir von Archetypen gleichenden Figuren, die er vor Beginn des Schreibens eines neuen Theaterstücks durch Aussehen, Auftreten und dergleichen relativ fest definiert und vor allem durch ihre Sprache, die zumeist alltags- und dialektgefärbt ist, je nach Rolle der Figur. Und gerade diese Festlegung sollte es erleichtern, ein Theaterstück entsprechend durch die festgelegten Figuren zu lenken und entsprechend zu schreiben. Durch die Festlegung scheint eine Figur recht einfach zu schreiben zu sein, aber gerade dann melden sich diese Figuren im Schreibprozess, sodass sie ihrer festgelegten Rolle oft genug entwachsen.

Eine ganz andere Herangehensweise durfte ich im Gespräch mit Galsan Tschinag erfahren. Tschinag ist Mongole, hat in Deutschland Germanistik studiert und schreibt seine Romane, die zumeist mit der mongolischen Lebenswelt zu tun haben, in deutscher Sprache. Und Tschinag, der eigentlich Irgit Schynykbai-oglu Dshurukuwaaxx heißt, ist Oberhaupt seines Stammes und Schamane. Damit kennt er zwar die westliche Literaturwelt und Schriftstellerei, steht jedoch eigentlich in einer ganz anderen Erzählertradition, der des Geschichtenerzählers. Ein Schamane ist als Geschichtenerzähler auch Traditionsbewahrer und -überlieferer. Als Schamane versteht sich Tschinag in gewisser Weise außerdem, wie er es nennt, als »Showman«.

Tschinags Autorenlesungen sind nicht einfach Lesungen von Texten, sondern überwiegend freie Erzählungen, in denen Tschinag auch gerne abschweift und improvisiert, sich von der Erzählerintuition leiten lässt. Intuition und Improvisation sind wichtige Elemente dieses Erzählens, aber auch Schreibens, wobei die Figuren und die Geschichte an sich im Mittelpunkt stehen.

Und das Element der Unterhaltung ist wichtig, egal ob mündliche Erzählung oder geschriebener Text. Eine Unterteilung in unterhaltende und ernsthafte Literatur gibt es nicht. Und erst recht keine Bevorzugung oder Abwertung eines literarischen Genres oder einer Literaturgattung.

Eine Ansicht, die ich als Autor uneingeschränkt teile. Es geht um die Geschichte und die Figuren, Genre oder Form sind zweitrangig, ergeben sich aus der Idee und der Geschichte. Von daher macht es für mich als Autor keinen Unterschied, ob ich mich an einem hochkomplexen, tiefschürfenden Sonettenkranz versuche oder eine Science Fiction-Story als Fingerübung ohne große Planung und »einfach so« schreibe.

In der Schule und an der Universität erlebte ich Lehrer und Professoren, die dem Genre Science Fiction und speziell PERRY RHODAN durchaus freundlich gesinnt waren, der eine oder andere kanzelte Science Fiction und vor allem den Heftroman, egal in welcher Ausprägung, dagegen als Schund ab oder Trivialliteratur – »akademisch« ausgedrückt.

2014 hatte ich Gelegenheit, mich mit Roger Willemsen über die PERRY RHODAN-Serie auszutauschen. Nach einer szenisch-musikalischen Aufführung des ersten PERRY RHODAN-Romans im Rahmen eines Literaturfestivals, dessen Schirmherr Willemsen war, sprachen wir auch über die Unterteilung in unterhaltende und ernsthafte Literatur. In Bezug auf PERRY RHODAN merkte Willemsen an, dass ein derartiges literarisches Projekt wie diese Serie doch alles andere als trivial sei.

Da nahm ich auch gern die Mühen der Überarbeitung in Kauf für die eingangs erwähnte Geschichte. So eine Schreibübung darf man durchaus ernst nehmen – und sei es nur, um zu lernen, dass der Autor nicht stets Herr seiner Schöpfung ist. Für besagte Geschichte hieß das übrigens, dass sämtliche Figuren überlebten, dank der Einmischung einer aufsässigen Nebenfigur.

Gerhard ist, unschwer zu erkennen, PERRY RHODAN-Fan. Gemeinsam mit Co-Autor Michael Tinnefeld hat er den Fan-Roman Die Heilerin von Hangay verfasst. Hier gibt’s mehr Infos dazu: Die Heilerin von Hangay

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google Foto

Du kommentierst mit Deinem Google-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s