Die Großtante im Häfn

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Ich bin vor kurzem an einen Stoß lange vermisster Familienunterlagen rangekommen. Diese Schriftstücke stammen aus der Zeit von etwa 1910 bis 1965 und werfen ein Licht auf Lebensumstände, die sich beständig änderten. Eine Kontinuität, wie wir sie heute kennen, gab es schlichtweg nicht.  Es kam immer wieder zu Umbrüchen, politischen Verwirbelungen und Veränderungen, Wirtschaftsproblemen.

Viele dieser Schriftstücke wären für Außenstehende einfach nur banal. Da gibt es harmlose Briefe und Postkarten, Rechnungen, Kaufverträge, Hochzeitstelegramme. Sie sind in einer ganz anderen Sprache verfasst, als wir sie heute kennen. Es gibt viel mehr Höflichkeitsfloskeln, die Sätze sind länger, immer wieder tauchen lateinische Abkürzungen oder Begriffe auf. Der Respekt voreinander erscheint größer. Aber hinter fein gedrechselten Bemerkungen tauchen Hass, Neid und Missgunst auf. Dies alles ist bloß besser versteckt als heutzutage.

Mir sind diese Unterlagen lieb und wert. Sie erlauben mir, einen Blick auf Menschen zu werfen, auf Familienmitglieder, die ich als Jugendlicher erlebt und gekannt habe. Beziehungsweise: die ich meinte, gekannt zu haben.

Ein Dokument, das aus dem Konvolut hervorstach, war eine einfach wirkende „Bestätigung“. Beinahe hätte ich darüber hinweggesehen, dass es sich um den Brief des „Landesgerichts-Gefangenenhauses“ an eine Großtante von mir handelte. Sie war im „Häfn“ (im Gefängnis) gesessen und nach vierzehn Tagen wieder entlassen worden.

Tante Grete, so hatte ich sie stets genannt, ist also vom 2. – 16. Mai 1941 im Gefängnis gewesen. Aber warum? Hatte sie in irgendeiner Form Widerstand gegen die Nazis geleistet, war sie von jemandem vernadert/angezeigt worden? Hatte sie Schulden nicht bezahlen können? Handelte es sich um eine banale Verwaltungsstrafe, für die sie das Geld nicht auftreiben konnte? War die als lebenslustig bekannte Dame wegen Ehebruchs eingekerkert worden? (Oh ja, das war dazumals durchaus ein Grund, ins Gefängnis zu wandern.)

Das alles wirkte nicht stimmig. Tante Grete war mit dem Nazi-Regime durchaus konform gegangen. Sie war wohl mehr als eine Mitläuferin. Sie hatte einen Adligen geheiratet, um trotz des in Österreich bestehenden Verbots von Adelstiteln mit „Grete von H.“ angesprochen werden zu können. Bis zu ihrem Tod. Sie hatte es sich stets „gerichtet“. Warum also war sie im Gefängnis gesessen?

Es gibt keine Zeitzeugen mehr, keine unmittelbare Verbindung zu ihr und ihrem Leben. Nur noch das, was in Erinnerungen von anderen Verwandten weitergetragen wird und wurde. Vieles davon ist verschwunden. Unwiderruflich dahin. Aber den Grund für Tante Gretes Gefängnisstrafe, den konnte mir meine Mutter erklären. Sie war deren erklärte Lieblingsnichte und hatte zu der alten Dame ein gutes Verhältnis.

„Tante Grete war im Jahr 1941 bereits räumlich von ihrem Mann getrennt und musste selbst für sich aufkommen“, erzählte mir meine Mutter. „Das Geld reichte nicht. Also verkaufte sie „am Schleich“ (im Schwarzhandel) persönliche Besitztümer. Wertvolle Parfumflaschen, Spiegel, Handtäschchen. Sie wurde prompt dabei erwischt, wurde verurteilt und musste vierzehn Tage lang ins Gefängnis.“

Eine banale Antwort, fast enttäuschend.
Und dennoch: Sie wirft ein ganz persönliches Licht auf eine düstere Zeit, die ich sonst nur aus dem Geschichtsunterricht und aus Büchern kenne. Menschen kamen ins Gefängnis, weil sie kein Geld mehr hatten, um sich Gegenstände des täglichen Bedarfs oder Nahrungsmittel kaufen zu können. Alles war knapp, es gab Repressionen.
Die Gesetzeslage war deutlich schärfer als heutzutage. Doch die Not zwang die Menschen, verbotene Dinge zu tun. Trotz aller möglichen Konsequenzen.

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