Aus dem Alltag einer Übersetzerin (Teil 2)

(Ein Gastbeitrag von Jery Schober. Der erste Teil ihres Textes ist am 5. Dezember 2018 erschienen.)

 

Wie läuft nun so ein Auftrag ab?

Ich bekomme eine Anfrage vom Verlag oder direkt vom Autor. Nach den Preisverhandlungen (üblich sind Bezahlung pro Normseite oder pro Wort des Ausgangstextes) vereinbaren wir eine Frist, bis der die Übersetzung komplett vorliegen muss. Manchmal bekomme ich zur Auftragsbestätigung eine formlose Email, manchmal ist es ein fünfseitiger Vertrag, ähnlich einem Autorenvertrag.

Ich erhalte den Originaltext als Word-Dokument oder pdf und kann dann loslegen. Läuft der Auftrag über einen Verlag, ist dieser mein Ansprechpartner bei Fragen und Problemen. Bei Selfpublishern kann ich die AutorInnen direkt fragen.

Bei der Rohübersetzung schaffe ich zwischen 1000 und 2500 Wörtern in der Stunde (ich diktiere den Großteil der Übersetzung, weil ich damit wesentlich schneller bin). Danach erfolgt meine Überarbeitung des gesamten Textes.

Nachdem ich meine Übersetzung eingereicht habe, nimmt sich die Lektorin des Werkes an, und ich bekomme das Manuskript nach 1-3 Monaten mit Anmerkungen zurück. Zur Einarbeitung des Lektorats brauche ich maximal 2 Tage, da es nur stilistische Fragen zu klären gilt. Mein Rekord liegt bei 11 Minuten (es gibt auch Aufträge, wo kaum etwas angemerkt wird).

Danach geht das Manuskript zurück an den Verlag, wo es ins Korrektorat geht. Meistens ist damit mein Job erledigt, und ich kann meine Honorarnote stellen. Manche Verlage legen mir noch die fertigen Druckfahnen vor, die ich freigeben muss (letzte Chance, noch etwas zu ändern).

Wenn das Buch gedruckt wird, erhalte ich wie AutorInnen Belegexemplare.

Bei Selfpublishern ist das Prozedere für mich aufwendiger, da ich selbst eine Lektorin beauftrage und nach diesem Lektorat auch noch das Schlusskorrektorat mache (für einen 100k Roman brauche ich allein dafür 12-15 Stunden).

Wichtig sind mir Zuverlässigkeit und reibungslose Zusammenarbeit, und das von beiden Seiten.

Ich halte meine Deadlines ein. Ausnahmslos. Ja, da waren einige dabei, die mich Nachtschichten gekostet haben, aber ich liefere pünktlich ab, was meine GeschäftspartnerInnen natürlich zu schätzen wissen.

Ich bemühe mich, zeitnah auf Emails zu antworten, und überlege mir genau, welche Schlachten ich mit der Lektorin (ich hatte tatsächlich bislang immer nur Lektorinnen) ausfechte und auf welche ich verzichten kann. Es kommt selten vor, dass ich von meinem Recht Gebrauch mache, auf meiner Formulierung zu bestehen. Ich kann mich nur an 2 Fälle erinnern, wo ich Veto eingelegt und meine Übersetzung durchgeboxt habe, weil die Verbesserung schlicht und einfach falsch war. Auch LektorInnen sind Menschen und machen Fehler 😉

Ich versuche, mich stetig zu verbessern und meine Fachgebiete zu erweitern. 2019 übersetze ich zum 1. Mal einen historischen Roman, für den ich mir auch einen Vorlauf von 9 Monaten erbeten habe, damit ich genug Zeit für die Recherche der deutschen Begriffe habe (was bedeutet, Blogs, Sachbücher und Romane über die Zeitepoche zu lesen). Auch übersetze ich seit diesem Jahr endlich High Fantasy, was ich privat am liebsten lese.

Neben den üblichen Tätigkeiten, die mit einer Selbstständigkeit einhergehen (Steuerkram, Buchhaltung, Verhandlungen mit Versicherungen etc.), geht ein weiterer großer Teil meiner Zeit für Neukundenakquise und Informationsarbeit drauf. Ich schreibe Selfpublisher und Verlage an und biete meine Dienste an. Ich bin ständig bemüht, auf dem Laufenden zu bleiben, was Entwicklungen am Buchmarkt und v.a. in den Genres, in denen ich übersetze, angeht.

Da ich bei den englischen und amerikanischen Selfpublishern auch einen Großteil des Marketings übernehme, muss ich wissen, wo und wie ich werben kann, um dem Buch die größtmöglichen Chancen auf Erfolg zu geben. Also bin ich auf diversen Social-Media-Kanälen präsent, betreibe Werbung und mache auf neue Übersetzungen aufmerksam.

Ich muss zugeben, die ganzen Promoaktionen gehören nicht zu meinen Lieblingstätigkeiten, aber sie sind nun mal Teil meines Jobs. Und durchs Netzwerken lernt man tolle BloggerInnen, AutorInnen und LeserInnen kennen, die mir irgendwann einmal auch bei meinen eigenen Büchern helfen können.

Falls sich nun jemand denkt, he, toller Job, ich will auch übersetzen, dann traut euch. Ein Studienabschluss in dieser Richtung (wie bei mir) hilft, ist aber keine Voraussetzung. Am wichtigsten für ÜbersetzerInnen sind exzellente Kenntnis der Ausgangssprache, eine noch viel bessere Kenntnis der Zielsprache und Sprachgefühl.

Jeder Satz lässt sich auf vielerlei Arten übersetzen. Ich muss täglich tausendfach entscheiden, für welche deutsche Entsprechung ich mich entscheide. Bleibe ich nah am Stil des Autors, was auf Kosten des Leseflusses gehen könnte? Wie weit kann ich mich vom Ursprungstext entfernen? Wie viel Lokalisation verträgt, ja erfordert der Text? Welche Begriffe muss ich für deutschsprachige LeserInnen zusätzlich erklären, welche kann ich voraussetzen? Rechne ich Größenangaben immer um oder nur fallweise?

Bei literarischen Übersetzungen kommt es nicht auf präzise technische oder rechtliche Details an, sondern auf eine bestmögliche Übertragung in die Zielsprache unter Beibehaltung der stilistischen Eigenheiten des Autors, soweit dies möglich ist. Der deutsche Text muss rund und stimmig sein und sollte sich so lesen, als wäre er auf Deutsch geschrieben worden.

Eine hervorragende Kenntnis der deutschen Grammatik und Rechtschreibung ist ebenfalls unumgänglich, um LektorInnen und KorrektorInnen möglichst wenig Arbeit zu bescheren.

Mittlerweile sind der Duden und ich beste Freunde, und ich korrigiere auch deutsche Manuskripte für andere AutorInnen. Ein weiterer Vorteil meiner Arbeit: Ich spüre gnadenlos Anglizismen auf, die deutschsprachige AutorInnen oft unbewusst verwenden.

Übersetzen ist dem Schreiben ähnlich. Zwar ist die Handlung vorgegeben, aber ich schreibe das fertige Buch in einer anderen Sprache neu. Jedes Buch hält neue Herausforderungen bereit, mit jedem Buch lerne ich dazu. Am Inhalt darf ich nichts ändern, aber wenn jemand sagt »schöner Stil, gut geschrieben«, dann gönne ich mir 50 % von diesem Lob, weil es meine Worte sind, die positiv aufgefallen sind 😉

Auch wenn meine Arbeit in den seltensten Fällen gewürdigt wird (wer erwähnt in einer Rezi schon den Übersetzer?), ist es doch der beste und erfüllendste Job, den ich je hatte. Abgesehen vom Schreiben 🙂

 

Jery Schober arbeitet als literarische Übersetzerin und schreibt völlig unepische Fantasy-Romane, in denen die Protagonisten nicht daran interessiert sind, die Welt zu retten, weil sie genug damit zu tun haben, den nächsten Tag zu erleben.
Auf www.marmorundton.wordpress.com bloggt sie von den Kämpfen und Kompromissen mit ihrer Muse. Ihr findet sie auf Twitter unter Jery Schober auf Twitter und auf Instagram unter Jery Schober auf Instagram.

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Jery Schober sagt:

    Hat dies auf Marmor und Ton – Autoren schreiben mit MUT rebloggt und kommentierte:
    Und weiter geht’s mit Teil 2 meines Arbeitsalltag als Übersetzerin 🙂

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