Autorenkatzen – eine Gebrauchsanweisung

(Ein Gastbeitrag von Eva Waiblinger.)

Aus der Werbung für Autorenkatzen (Hersteller: Evolution Pharmaceuticals)

„Wenn Sie sich vollkommen auf ein bestimmtes Problem konzentrieren wollen, insbesondere auf einen Text (…), sollten Sie sich eine Katze anschaffen. Sobald Sie mit der Katze allein im Arbeitszimmer sind, wird sie auf Ihren Schreibtisch springen und dort die Lampe aufsuchen, deren Licht sie in grosse Zufriedenheit versetzt. Sie wird sich mit einer Gelassenheit hinlegen, die über alles Verstehen hinausreicht. Und die Ruhe der Katze wird nach und nach auch Sie überkommen, wenn Sie dort an Ihrem Schreibtisch sitzen. All die Erregung, die Ihre Konzentration beeinträchtigt hat, verschwindet, Sie sammeln sich und Ihr Geist erhält die verlorene Selbstkontrolle zurück. Sie müssen dazu die Katze nicht einmal dauernd beobachten. Ihre Präsenz allein genügt. Der Einfluss, den die Katze auf Ihre Konzentration ausübt, ist so beeindruckend wie geheimnisvoll.“

(Übersetzt aus Muriel Spark, A Far Cry from Kensington, Kap. 7, 1988, Hachette Digital)

Dies ist ein Heilmittel. Lesen Sie die Packungsbeilage oder fragen Sie Ihre Verhaltensbiologin/Ihren Verhaltensbiologen.

Informationen für Autorinnen und Autoren

Diese Katze haben Sie entweder persönlich von Ihrem Redaktor oder Schreibcampleiter verschrieben erhalten, oder Sie haben sie rezeptfrei vom Tierheim, Bauernhof oder einem Züchter bezogen, oder sie ist Ihnen zugelaufen. Wenden Sie die Katze gemäss Packungsbeilage an, um den grössten Nutzen aus ihr zu ziehen.

Was ist eine Katze und wie wird sie im Autorenleben angewendet?

Eine Katze ist ein hundertprozentig natürliches Heilmittel. Sie wird eingesetzt zur Förderung der Produktivität beim Texten. Die therapeutisch-literarischen Eigenschaften von Katzen lassen sich wie folgt zusammenfassen:

  • Katzen senken durch ihre blosse Anwesenheit wie auch bei direktem Körperkontakt den Stresshormon-Spiegel und fördern die Ausschüttung des Wohlfühlhormons Oxytocin. Katzen erhöhen damit die Konzentrationsfähigkeit und den Kreativitätsoutput von Autorinnen und Autoren.
  • Katzen sorgen für regelmässige Pausen, indem sie die Autorin / den Autor jeweils mittels Lautäusserungen, Pfotendruck und zuletzt Kralleneinsatz eskalierend auf Fütterungszeiten, Spielsessionen und die Verabreichung von Streicheleinheiten hinweisen. Eine häufig von Katzen angewendete Methode zur Pauseneinforderung ist ihre räumliche Positionierung zwischen der Schreibarbeit und dem Sichtfeld der Autorin / des Autors, bei Bedarf auch direkt AUF der Schreibarbeit. Nichtbeachtung dieser felinen Ansagen kann zu traumatischen Nebenwirkungen bei der Autorin / beim Autoren führen (siehe Risiken und Nebenwirkungen).
  • Katzen übernehmen ferner die Verpflegung finanziell herausgeforderter Autorinnen oder Autoren, indem sie frisch erlegte Nahrungshäppchen ausgewogener und vollwertiger Nährstoffzusammensetzung herbeischaffen und diese im Wohnbereich weitverteilt zur Konsumation darbieten (Hinweis: Federn sind nicht zum Verzehr durch Autorin/Autor geeignet)
  • Katzen führen ein Element der Unberechenbarkeit ins Autorenleben ein, indem sie die Tastatur des Laptops passieren. Im besten Fall führt dies zu kryptischen Pfotenbotschaften in der unentzifferten Schrift Linear C, im schlimmsten Fall zu komplettem Datenverlust fertiger Manuskripte. In milderen Fällen publiziert die Katze dabei auf Twitter die nicht für die Öffentlichkeit gedachten Tiraden der Autorin / des Autors über den Chefredaktor.
  • Katzen konditionieren die Autorin/den Autor auf für diese/diesen angenehme Weise zu erhöhter Cat-Compliance: je mehr eine Autorin/ein Autor auf die Interaktionswünsche der Katze eingeht, desto eher ist die Katze bereit, umgekehrt auf die Interaktionswünsche der Autorin/des Autors einzugehen. Als Belohnung für folgsames Verhalten schenkt die Katze Aufmerksamkeit, als Bestrafung behandelt sie die Autorin/den Autor wie Vakuum.

Wann dürfen Katzen nicht angewendet werden?

Bei Überempfindlichkeit auf das Katzenspeichelallergen Fel-D1 dürfen Katzen nicht angewendet werden.

Dürfen Katzen während Schwangerschaft und Stillzeit angewendet werden?

Katzen sollen sogar in diesen Situationen angewendet werden (Ausnahmen: Risiken und Nebenwirkungen). Unzählige wissenschaftliche Studien belegen, dass ihre Anwendung die spätere Immunkompetenz des Un- bzw. Neugeborenen fördert und seine Allergieanfälligkeit verringert.

Wie verwenden Sie Katzen?

Die Anwendung ist denkbar einfach, denn Katzen sind …

  1. selbstreinigend …
  2. bei Freilauf teilweise selbstversorgend, sonst aber mit abgepackter Fertignahrung betreibbar …
  3. zu 95.83% der Zeit schlafend …
  4. weitgehend autonom in der Befriedigung ihrer Jagd-, Bewegungs-, Beschäftigungs- und Ausscheidungsbedürfnisse …
  5. selbstreplizierend

Eine veterinärchirurgische Unterbindung von 5.) wird empfohlen bzw. ist regional gesetzlich vorgeschrieben (A, nicht aber D und CH). Der Wechsel zwischen Sommer- und Winterbefellung erfolgt automatisch (unter Haarimmission).

Was ferner zu beachten ist:

  • Katzen müssen innerhalb der Reichweite von Kindern und bei Raumtemperatur (15 bis 25 °C) aufbewahrt werden, sie sollten jedoch die Möglichkeit haben, Kinder und Temperaturbereiche nach Bedarf aufzusuchen oder zu meiden.
  • Katzen muss jederzeit die volle Bewegungsfreiheit und die Nutzung sämtlicher Einrichtungsgegenstände des Autorenhaushaltes, inklusive Zeitung, Esstisch, Sofa, Laptop und Kopfkissen, sowie der Autorenperson, insbesondere Händen, Armen, Bauch, Kopf und Herz, zugestanden werden.
  • Katzen dürfen nicht durch übermässigen Gebrauch von Reinigungswerkzeug wie Staubsaugern beeinträchtigt werden.

Welche Risiken und Nebenwirkungen sind mit der Anwendung von Katzen verbunden?

Die Anwendung von Katzen ist häufig mit harmlosen Kratzmarken an Händen und Armen der Autorin/des Autors, selten mit Bissverletzungen verbunden. 

Eva mit Luchs 2007

Warnhinweis: Wenn Sie das Heilmittel Katze weiterhin unvoreingenommen nutzen möchten, lesen Sie nicht weiter!

Bei Anwendung von Katzen werden Autorinnen/Autoren von diesen manipuliert. Unter anderem wenden Katzen zur Beeinflussung der Autorin/des Autors das fordernde Schnurren an, um diese/-n zum Öffnen abgepackter Nahrung und geschlossener Fenster/Türen zu bewegen. Dieses „fordernde Schnurren“ enthält eine hochfrequente akustische Komponente, die einem menschlichen Babyschrei gleicht und somit höchste Dringlichkeit kommuniziert. Katzenanwender können sich dem „fordernden Schnurren“ nicht entziehen, sind sich aber der Manipulation nicht bewusst.

Bei Anwendung von Katzen besteht das Risiko, sich mit Toxoplasmose anzustecken. Etwa zwei Prozent der Katzen sind Träger von Toxoplasma gondii, der Anteil infizierter Autorinnen/Autoren beträgt etwa 20% bei den 20- bis 30-Jährigen und steigt mit dem Alter auf über 77% an (D).

Eine Toxoplasma-Infektion während einer Schwangerschaft kann zur Schädigung des Ungeborenen führen. Bei Infektion vor der Schwangerschaft sind keine Folgen für das Ungeborene zu befürchten. Die Infektion nicht-schwangerer Autorinnen / Autoren verläuft meist symptomlos. Im Autorendarm schlüpfen die Parasiten, durchbohren die Darmwand und übersiedeln in verschiedene Organe, insbesondere in Hirn, Augen und weibliche Geschlechtsorgane. Dort beginnen sie ihre geschlechtsspezifische Manipulationstätigkeit.

Infizierte Autoren werden dogmatischer, introvertierter und misstrauischer, verhalten sich weniger regelkonform, übergehen die Meinung anderer (zum Beispiel die ihres Lektors) und werden in Hinblick auf ihr Äusseres eher nachlässig. Sie werden aber im Durchschnitt 3cm grösser, zudem schätzen Frauen ihr Gesicht als maskuliner und dominanter ein als das eines nicht-befallenen Autorenkollegen, da Toxoplasma den Testosteronspiegel erhöht. Als Folge steigt aber auch die Risikofreude und damit die Wahrscheinlichkeit, bei einem Verkehrsunfall ums Leben zu kommen.

Infizierte Autorinnen dagegen werden warmherziger, vertrauensseliger, extrovertierter und sexuell freizügiger, sie sind bei ihrer Bekleidung und ihrem Aussehen sehr auf Sauberkeit, Ordentlichkeit, ja generell um ihr Image besorgt und befolgen Regeln peinlich genau. Zudem erhöht sich die Wahrscheinlichkeit, dass sie Söhne gebären, von normal 50% auf über 70%. Weiter wurden Toxoplasma-Infektionen in Verbindung gebracht mit der Entwicklung von und dem Hirnmassenverlust bei Schizophrenie, mit der Entwicklung von Angststörungen und suizidalen Tendenzen bei beiden Geschlechtern. Je länger die Infektion schon zurückliegt, desto stärker sind diese Veränderungen.

(Sie waren gewarnt!)

Was ist in einer Katze enthalten?

Eva und Kleopatra 2

Wirkstoff: 100% Felis catus (oder kostenlos mehr, falls trächtig)

Hergestellt auf natürlichem Weg, ohne künstliche Farb-, Aroma- oder Konservierungsstoffe. Sieben bis neun Leben lang haltbar.

Zulassungsnummer: 666 (Catmedic)

Haftungsausschlussklausel:

„Diese Hinweise betreffen nur die Tatsache, dass eine Katze die Konzentration fördert, nicht, dass sie das Buch für Sie schreibt. Unter Einfluss von Katzen können auch überaus öde Bücher entstehen.“ (Frei übersetzt nach Muriel Spark)

 

Als Schweizerin vermeidet Eva Waiblinger die ß, also bitte nicht wundern. – Ich habe Eva bei meinen Schreibcamps als sehr witzige und intelligente Autorin mit breitgefächertem Allgemeinwissen kennengelernt – und als höchst talentiert.
Das SRF (Schweizer Radio und Fernsehen) vertont derzeit eine Kurzgeschichte von ihr.

Alle Photos sind ©Eva Waiblinger.

 

 

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Sehr schöner Artikel! Ich behaupte ja, dass Katzen Außerirdische sind. Wenn sie mit den Ohren wackeln, nehmen sie Kontakt zum Mutterschiff im Orbit auf. Seit 2 Monaten haben wir auch wieder zwei Außerirdische bei uns, sie sind gleichzeitig auch noch Zeitreisende:
    https://volkerhoff.com/neue-zeitreisende-aufgetaucht/
    Tagsüber verschwinden die beiden teilweise stundenlang und tauchen plötzlich im Haus wieder auf. Alles sehr mysteriös…

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