Das erste Seminar bei MMT

(Ein Gastbeitrag von Andreas Prodehl.)

Ich erinner mich noch, als wäre es gestern gewesen, mein erstes Zusammentreffen mit Michael Marcus Thurner – bei dem ich immer die beiden Vornamen vertauschen möchte, keine Ahnung, weshalb.

Es war 2016, das sogenannte Herbstcamp – ein zehn Tage anhaltender (Alb)Traum. Wieso (Alb)Traum, wird sich der geneigte Leser fragen. Dafür gab es drei Gründe:

Zuerst einmal: Gebucht hatte ich das Teil auf Empfehlung von Christoph Dittert, dem freundlichen Lektor meines Erstlings, welcher der Meinung war, ich solle weiterschreiben, mir aber professionelle Unterstützung holen (ja, hört sich irgendwie nach Therapie an). Leider hatte ich in den Tagen vor dem Schreibcamp eine Nierenstein-OP und der obligatorische Nieren-Stent machte große Probleme. (Solltet Ihr irgendwann die Urologie im Krankenhaus in Wiener Neustadt benötigen, ich kann die Ärzte und Schwestern dort nur empfehlen.) Trotz großartiger Unterstützung von Seiten Michaels und seiner Mutter, die unermüdlich Flüssigkeiten bereitstellten und in mich hineinpumpten, waren die Schmerzen während des Schreibcamps permanent im hellroten Bereich, was die Konzentration auf das Wesentliche – das Schreiben – erheblich beeinträchtigte.

Erschwerend (Wortwitz!) hinzu, kamen die Kochkünste von Michaels Mutter, die für die geordnete Nahrungsaufnahme der Teilnehmer zuständig ist und in der Küche wahre Heldentaten vollbrachte. Nur so viel: Kaum wieder zuhause, versagte mir die Körperwaage den Dienst. Der gemessene Wert war exorbitant und sicherlich gelogen. Ich entfernte eine Batterie von dreien – ich vermutete eine Art Übermotivation auf Grund zu hoher Stromstärke. Aber es half alles nichts, und ich benötigte einen ganzen Monat, um mich zurück auf Normalgewicht zu hungern.

Schlussendlich war da noch Herr Thurner höchstselbst, der mir das Leben schwer machte. Ich litt wie ein Hund, war ich doch bis zu diesem Zeitpunkt der Meinung, das Schreiben mindestens erfunden zu haben. Gut, eine Freundin fragte mich einmal nach welchen Kommaregeln ich die in Österreich Beistriche genannten Gemeinheiten einsetzen würde, worauf ich antwortete: »Wenn ich einen von mir geschriebenen Text durchlese und währenddessen atmen muss, kommt da ein Komma hin. Funktioniert immer!«

»Hast Du Asthma?« Eine Antwort, die tief blicken lässt.

Herr Thurner ärgert mich bis heute erfolgreich, was Beistrichsetzung(en) betrifft.

buch_fossil_kleinUnverschämterweise kam dann auch noch Kritik an meinen durchaus genialen Texten. Nach drei Tagen war ich davon überzeugt, bis ans Lebensende auf dem Bau arbeiten oder sogar irgendwo in einer Fußgängerzone mein Dasein zu fristen zu müssen. Die Peitsche der Unbarmherzigkeit wurde gnadenlos geschwungen und es wurde mir mit regelmäßiger Regelmäßigkeit die Nase in Wortwiederholungen oder unnötige Redewendungen tingiert. Fremdwörter wurden ebenso radikal gestrichen wie sämtliche Hilfsverben. Von Erklärungen, die die diversen Vorvergangenheiten betroffen hatten, will ich hier gar nicht anfangen tun.

Was er auch nicht leiden mochte, war mein sehr schwach ausgeprägter, fast schon rudimentär zu nennender Hang zum humorigen Schreiben. Den trieb er mir bis heute komplett aus. Selbst mein berechtigter Einwand, Leo (Anm.: Leo Lukas, Schriftsteller, Freund von MMT und sein Kollege bei PERRY RHODAN und immer wieder Gastdozent bei Schreibcamps in Wiener Neustadt) würde doch ebenso schreiben (stilistisch sah ich mich wenigstens auf Augenhöhe), nutzte so gar nichts.

Er mäkelte und krittelte weiter, was das Zeug hielt, auch meine Absätze wurden bis zum Trauma korrigiert. Seit diesen Tagen trage ich keine High Heels mehr.

»Andreas, Du hast in einem Absatz dreimal die Perspektive geändert!« Perspektiven? Gibts das beim Schreiben?

»Andreas, Du hast zwei Seiten ohne Absatz und ganz ohne Beistriche geschrieben und schau mal da, der Satz hat achtundneunzig Wörter … findest Du das net ein bisserl laaaaang?«

Ah, das wäre dann also mal ein sogenannter Schachtelsatz.

»Andreas, da schau. Wieder dreimal ›war‹ in einem Satz.«

Das ist wahr.

»Andreas, da, schau genau hin. Das nennt man Vorvergangenheit!«

»Andreas, AKTIIIIV, net passiv!«

»Phrasen brauchts net. Da, schau, schon wieder eine …«

»Show, don`t tell! Du beschreibst hier. Da fühlt doch niemand was …«

Ich war am Ende, obwohl die Kritik nie anmaßend und mit ausreichend Interpretationsspielraum übermittelt wurde.

Bis sich – nach sieben, acht Tagen, die ersten Erfolge einstellten. Vereinzelt wurde gelobt – meine damaliger Romanansatz besser beurteilt – auch mal der Kopf (verbal) gestreichelt und ich begann, das erste Mal, seitdem ich Tastaturen mit schriftstellerischer Ambition bearbeitete, zu denken wie ein Autor. Dafür bin ich sehr dankbar.

buch_neckarstadt-sinfonieDie weiteren Schreibcamps ermöglichten mir, bis heute drei Bücher zu veröffentlichen, für die ich mich laut der Lektorin nicht schämen muss. Ich führe jede Menge Lesungen durch – auch hier kann man von den Dozenten einiges lernen -, und aus dem Romanansatz vom ersten Camp, wurde inzwischen eine Heftromanserie. Ich freue mich über die Fortschritte, die ich den mehreren Camps zu verdanken habe.

Bevor ich es vergesse: Als ich nach dem ersten Camp im Zug zurück in die Heimat saß – Großraumabteil, ich hatte es mir gerade bequem gemacht und war ob des Lobes gegen Ende des Camps so richtig zufrieden mit mir – setzte sich in den Sitz an meiner Rückseite eine ältere Dame. Kaum fuhr der Zug aus dem Bahnhof, fummelte sie einen Parfümzerstäuber aus der Handtasche und nebelte mich und die Umsitzenden mit wahrscheinlich zerstoßenen Mottenkugeln ein. Der Gestank – nicht zum Aushalten. Der Zug war übervoll, eine Flucht unmöglich. Die Dame blieb bis Frankfurt sitzen. Bald darauf schlief sie schnarchend ein, und – kein Witz – ließ einen Wind! Es war ein einziges Tohuwabohu im Abteil. Die Frau bekam es nicht mit, sie schnarchte ja selig, aber es gab Aufrufe zur Lynchjustiz. Und wäre das alles nicht genug, erhielt ich zum guten Schluss eine Mail von Michael, der meine letzten im Schreibcamp geschriebene Absätze korrigiert hatte. Gott sei Dank saß ich IM Zug, es hätte sonst zur gefürchteten »Person im Gleisbereich- Verspätung« kommen können.

To be continued. Uff alle Fäll, wie der Pfälzer sagt!

Andreas Prodehl arbeitet derzeit an seiner zehnteiligen Fossil-Serie. Hier gibt’s mehr Infos zu ihm und seinen Arbeiten: Homepage Andreas Prodehl

 

Ein Kommentar Gib deinen ab

  1. Melanie sagt:

    Oi, hat da einer an Selbstmord gedacht? Michael, was machst Du?

    Wenn die Frau schon gepennt hat, hätten sie ja auch das Fenster öffnen können. 😛

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