Die Sprache in der Fantasy

Jery(Ein Gastkommentar von Jery Schober.)

Kanan fühlte, wie das Adrenalin durch seinen Körper raste und die Schmerzen zurückdrängte. Das hatte er davon, dass er Dampf ablassen wollte. In wenigen Sekunden würde die verdammte Stadtwache auftauchen und ihn festnehmen, und das alles wegen eines kurzen Schwertkampfes.

Zugegeben, eine solche Ballung problematischer Ausdrücke findet sich selten in Fantasy-Romanen, aber ich habe mehr als ein Buch gelesen, in dem „Adrenalinrausch“ und „verdammt“ zuhauf vorkamen, ohne dass diese Begriffe durch einen entsprechenden medizinischen oder religiösen Hintergrund erklärt wurden.

Welche Sprache in Fantasy-Geschichten verwendet wird, hängt in erster Linie von den Präferenzen der AutorInnen ab. Ich rede hier nicht von Elbisch, Zwergisch, Orkisch oder einer sonstigen Fantasie-Sprache, die sich die AutorInnen mit mehr oder weniger Geschick und Fachwissen ausdenken.

Mir geht es um die Wortwahl in Werken, die der Fantasy zuzuordnen sind, und zwar klassischer Secondary Fantasy, in der sich die Welt in mindestens einem Punkt von unserer realen Primärwelt unterscheidet, sei es Geografie, Tier- und Pflanzenwelt oder die Existenz von Magie. Nicht dazu zähle ich Urban Fantasy, wo unserer Welt Magie und übernatürliche Wesen hinzugefügt werden. Bei dieser kann man vom heutigen Wissensstand ausgehen, ebenso in alternativen Zeitlinien.

Fantasy-AutorInnen schreiben aus der Sicht von Charakteren, die kein Wissen über unsere Welt haben, sondern in einem völlig anderen kulturellen Umfeld aufwuchsen, welches in den meisten Fällen einer früheren Zeitepoche unserer Erde ähnelt, aber eben nicht gleich ist. Sie schreiben das Buch allerdings auf Deutsch, nicht in der Sprache des Charakters, und sind gezwungen, Wörter zu benutzen, für die es in ihrer erfundenen Welt und Kultur keine Entsprechung gibt.

Damit kann man prinzipiell alle Fantasy-Geschichten als Übersetzungen ansehen. Eine wortwörtliche Übersetzung ist selten eine gute Übersetzung, es geht immer auch um Kulturtransfer. Mit dieser Ansicht gewinnen die AutorInnen mehr Freiheit, aber dennoch bleiben eine Menge problematischer Ausdrücke.

Normales Deutsch ist durchsetzt mit Redewendungen und Phrasen, die bei genauerer Betrachtung keinen Platz haben in einer erfundenen Fantasy-Welt, in der es keine Bezugspunkte für diese Begriffe gibt.

Manche sind so offensichtlich, dass sie von AutorInnen bewusst nicht verwendet werden. Man liest in Fantasy nicht von Sisyphusarbeit, hört Charaktere nicht Jesus Christus um Hilfe anflehen und niemand versteht „Bahnhof“. Bei einer Vielzahl anderer Begriffe wird es schwieriger – entweder ist ihre Herkunft den AutorInnen nicht bekannt, oder sie werden benutzt, weil die ursprüngliche Referenz nicht mehr relevant ist und der Ausdruck nur mehr im übertragenen Sinn verwendet wird.

Anachronismen:

Diese sind am häufigsten anzutreffen – sie beziehen sich auf etwas, das in den meisten Fantasy-Welten, die sich an ein europäisches Mittelalter anlehnen, (noch) nicht existiert.

Alle Referenzen auf Schusswaffen sind mit Vorsicht zu genießen, weil sich diese erst später zu einer Massenwaffe entwickelten, und noch länger dauerte es, bis diese Begriffe in den normalen Sprachgebrauch übergingen. Darunter fallen Ausdrücke wie „Kanonenfutter“, „die Lunte riechen“, „jemanden aufs Korn nehmen“ oder „das Ziel anvisieren“. Die Redewendung „das kannst du dir an den Hut stecken“ stammt aus der Musketier-Ära. Selbst das simple „abfeuern“, welches das Entzünden von Schießpulver voraussetzt, wurde erst viel später im Zusammenhang mit Pfeil und Bogen benutzt.

„Auf den Wecker gehen“ setzt die Erfindung von eben diesem voraus, und „in die Röhre schauen“ kommt erst mit der Erfindung des Fernsehens auf. Für „alle Register ziehen“ braucht man Orgelpfeifen, und zum „Dampf ablassen“ Kenntnis von Dampfkraft.

Mythologie:

Schwierig wird die Sache bei Wortursprüngen, an die heute niemand mehr denkt. „Vulkan“ stammt vom griechischen Gott gleichen Namens, ohne Hermes gäbe es kein „hermetisch abgeriegelt“ und ohne Sparta keine „spartanische Einrichtung“. „Stark wie Herkules“ oder „schön wie Aphrodite“ wird ohnehin kaum mehr verwendet, aber was ist mit einer „platonischen Beziehung“?

„Albtraum“ kommt von den Alben der germanischen Mythologie. Natürlich kann ich einfach „schlechter Traum“ verwenden, aber Albtraum ist kürzer, und generell gilt, wenn ich statt zwei Wörtern eines benutzen kann, welches das Gleiche ausdrückt, dann sollte ich das auch.

Religion:

Ausdrücke wie „Schutzengel“, „rettender Engel“, „Teufel in Menschengestalt“ werfen die Frage auf, ob es in der vorherrschenden Religion überhaupt Engel und Teufel gibt. „Ich schwöre bei Gott“ wird problematisch bei Polytheismus. Im Deutschen eher nicht (mehr) gebräuchlich sind Ausrufe wie „Jesus Christus!“ oder „Jesus und Maria“ (von meiner Oma gern benutzt als „Jessasmaria!“).

Vor allem bei Flüchen wird die Hölle („Fahr zur Hölle“, „zum Teufel“) angesprochen. „Verdammt“ setzt ein Leben nach dem Tod voraus, in dem es überhaupt eine Verdammnis gibt.

Modernen englischsprachigen Fantasy-Romanen wird gerne der übermäßige Gebrauch von fuck vorgeworfen, womit ich keinerlei Probleme habe. Solche Wörter aus der Fäkalsprache werden seit Jahrhunderten, wenn nicht gar seit Jahrtausenden benutzt, während es bis ins 19. Jahrhundert als verpönt galt, Flüche zu benutzen, die einen religiösen Hintergrund haben, was ein simples damn it inkludierte (im viktorianischen England erregte man mit einem herzhaften „fuck!“ weniger Aufsehen als mit einem „goddammit!“).

Maßangaben:

Eine Angabe von „Metern“ macht für die meisten Leser keinen Sinn in einer Welt, in der das metrische System nie eingeführt wurde. Andererseits funktioniert es für diejenigen, die einen Fantasy-Roman als Übersetzung eines Ursprungstextes ansehen, hervorragend. Es ist weit weniger verwirrend, als wenn der Leser versucht herauszufinden, welche Entfernungen mit Elle, Spanne, Yard oder Zoll gemeint sind, zumal manche dieser Maßeinheiten nicht einmal in unserer Vergangenheit überall die gleiche Länge bedeuteten.

Zeitangaben:

Die Einteilung in Stunden und Minuten gibt es seit dem Altertum, aber sie setzte sich bei der breiten Bevölkerung erst durch, als Uhren zum Massengut wurden. Selbst bis ins 20. Jahrhundert hinein waren Begriffe wie „wir treffen uns in fünf Minuten“ unter der einfachen Bevölkerungsschicht nicht bekannt, da war die kleinste Einheit eine Viertelstunde.

Beispiel aus meinen eigenen Romanen: Ich habe einen Charakter mit einem hohen Bildungsgrad, der Begriffe wie „wir haben 90 Sekunden“ verwendet, weil er damit aufgewachsen ist, im Gegensatz zu seinem Freund, der statt Sekunden Herzschläge zählt.

Medizin:

In einer pseudomittelalterlichen Welt gehe ich davon aus, dass weder Existenz noch Funktionsweise von Hormonen bekannt ist. „Adrenalinschub“ reißt mich sofort aus dem Text heraus, weil ich mich frage, wie weit die medizinische Forschung dieser Welt gediehen ist. Gleiches gilt für Ausdrücke und auch Anwendungen aus der Psychotherapie. Traumabewältigung kann durchaus in einem Fantasy-Roman vorkommen, aber bitte nicht mit „kognitiver Verhaltenstherapie“.

Erfundene Ausdrücke können hilfreich sein, um die Illusion aufrechtzuerhalten, dass alles in einer anderen Welt und Kultur spielt. Die Bedeutung sollte klar aus dem Kontext hervorgehen, allgemeingültige Konzepte wie Eltern, Farben oder Gefühle brauchen keine neuen Ausdrücke. Diese sollten sparsam benutzt werden, um die Leser nicht zu überfordern, und für besonders wichtige Dinge eingesetzt werden, die sich öfter wiederholen. Andererseits können sie auch bei trivialen Dingen benutzt werden, um der Kultur größere Authentizität zu verleihen. Dabei empfiehlt es sich, z.B. nicht generell „Wein“ mit einem neuen Wort zu benennen, sondern eine bestimmte Sorte.

Wie sollen wir nun mit diesem Problem umgehen?

Das muss jede Autorin und jeder Autor selbst entscheiden. Die einen denken einfach nicht darüber nach, was die einfachste Lösung ist und v.a. bei humorvollen Romanen wenig stört.

Man kann eine Erklärung anbieten. Dabei wird die Illusion aufrechterhalten, dass es sich bei der Geschichte um eine „Übersetzung“ aus einer fiktionalen Sprache handelt, mit der eine Analogie zu unserer Welt gefunden werden soll.

Oder die AutorInnen erfinden ihre eigene Etymologie. Jeder Ausdruck unserer Welt, der merkwürdig im Fantasy-Setting klingt, wird zu einem Begriff umgemodelt, der dem Setting entspricht (besonders bei Eigennamen): Sisyphusarbeit wird zu Hedriansarbeit. Das funktioniert bei einzelnen Ausdrücken gut, sofern der Kontext klar ist, wird bei langen Werken und dutzenden Namen aber mühsam.

Der aufwendigste Weg ist eine vollständige erfundene Sprache. Wenn man gerne neue Sprachen erfindet, eine wunderbare Möglichkeit, mit dem Nachteil, dass man den Lesern auch klarmachen muss, was die neuen Begriffe bedeuten. Nicht jeder Leser will sich durch 100 Seiten Appendix durcharbeiten, um den Roman zu verstehen.

Es ist wichtiger, sich dieses Problems bewusst zu sein, als jedes Wort in einem Text darauf abzuklopfen, ob es stimmig ist. Sonst sitzt man nur mehr mit einem etymologischen Lexikon vor dem Bildschirm oder Ausdruck und braucht Monate, um jeden Hinweis auf Ausdrücke aus unserer Welt auszumerzen. Das kann zu Lasten des Leseflusses und vor allem des Verständnisses gehen.

Am wichtigsten ist es, dass die Leser den Inhalt verstehen, die verwendeten Begriffe sie nicht aus dem Lesefluss reißen und damit in unsere reale Welt zurückschleudern, wo sie vorher in der erfundenen Welt der AutorInnen abgetaucht waren. Die Verwendung einer gestelzten, altertümlichen Sprache in dem Bemühen, ein pseudomittelalterliches Sprachgefühl zu erzeugen, zwingt den Leser, mehr Mühe für den Text aufzuwenden, was auf Kosten des Genusses geht. Sprache verdient Aufmerksamkeit, doch weder AutorInnen noch Leser sollten sich von ihr gestört oder irritiert fühlen.

Wer sich weiter für dieses Thema interessiert, dem empfehle ich zwei Artikel von Django Wexler, selbst Fantasy-Autor, auf der Website von Fantasy-Faction:

http://fantasy-faction.com/2014/the-fantasy-language-problem

http://fantasy-faction.com/2014/the-fantasy-language-problem-continued

 

Jery Schober arbeitet als literarische Übersetzerin und schreibt völlig unepische Fantasy-Romane, in denen die Protagonisten nicht daran interessiert sind, die Welt zu retten, weil sie genug damit zu tun haben, den nächsten Tag zu erleben.
Auf www.marmorundton.wordpress.com bloggt sie von den Kämpfen und Kompromissen mit ihrer Muse. Ihr findet sie auf Twitter unter https://twitter.com/Jery22 und auf Instagram unter https://www.instagram.com/jeryschober.

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