Kein Mensch ist eine Insel

schrieb der englische Dichter und Prediger John Donne. Wobei der metaphysische Charakter dieser Behauptung im englischen Original noch tiefer greift, als da steht: „No man is an Iland“. Also, sinngemäß: „Kein Mensch ist ein Ich-Land.“
Donne untermauert in seinem gleichnamigen Gedicht diese Behauptung. Wir seien alle Teil eines Kontinents, und wenn ein Stück Land wegbräche, also ein Mensch sterbe, würden wir allesamt ärmer und geringer werden.
Er schließt mit: „Jedes Menschen Tod ist mein Verlust, denn ich bin Teil der Menschheit; und darum verlange nie zu wissen, wem die Stunde schlägt; sie schlägt dir selbst.“

Es geht also um Zusammenhalt, um Zusammengehörigkeit. Auch um eine Mahnung, sich nicht selbst „außerhalb“ stehen zu sehen.

Aus gegebenem Anlaß denk ich grad darüber nach, was mit all dem geschieht, was ein Mensch während seines Lebens so in sich abspeichert. Was ist mit unseren Erinnerungen? Mit all den komplexen, ineinander verwurschtelten Wahrnehmungen, die wir anhäufen und in uns ablegen, in unserem Kopf, wo wir subjektiv sein dürfen.
Erst, wenn wir diese Gedanken aussprechen oder sie niederschreiben, gestalten wir sie so, daß sie in ein Werte- und Verständnissystem hineinpassen. Wir zensurieren uns dabei selbst, weil wir Andere nicht verletzen wollen. Wir lügen, wir verheimlichen und wir bringen nur sorgfältig gefilterte Meinungen zum Ausdruck.

Im Kopf hingegen, da lagern sich die puren, originären Erinnerungen ab. Natürlich: Je älter sie sind, desto geringer ist ihr Wahrheitsgehalt. Manche von ihnen polieren wir auf, damit sie umso mehr strahlen, wenn wir sie aussprechen. Andere unterdrücken wir, weil sie wehtun. Sie verkümmern. Werden weniger. Oder werden in einem abgeschlossenen Karteikästchen verwahrt, von dem wir hoffen, daß der Schlüssel dazu niemals mehr wieder auftaucht.

Aber es sind nun mal diese urtümlichen Gedanken, die uns ausmachen und die uns zeit unseres Lebens formen. Sie bilden eine in sich geschlossene Welt. Unsere Welt. Die einzige, die wir kennen und in der wir uns blind zurechtfinden.
Manchen Menschen gelingt es, den einen oder anderen Blick auf fremde Welten zu werfen und sie stückchenweise zu verstehen. Wir bezeichnen diese Genies als empathisch.
Andere wiederum verharren für immer in ihrem eigenen Denken. Sie haben kein Gefühl, kein Verständnis dafür, daß es Leute geben könnte, die nicht ihrer Denkweise folgen. Nennen wir diese Menschen Narzißten.

Es spielt letztlich keine Rolle, wo ein Mensch auf der Bandbreite zwischen Empath und Narzißt angesiedelt ist. Wenn er stirbt, geht seine innere Welt für immer verloren. Sein Bezugssystem, sein Wesen. Das, was ihn ausmacht und das in keinem Buch, in keinem Lied, in keinem Gedicht festgehalten ist. Dann ist die Welt rings um uns um eine Insel ärmer.
Wenn der Tote einen selbst einmal berührt hat und im persönlichen Lebens-Koordinatensystem nahe angesiedelt war, betrifft das auch die eigene Insel. Selbst wenn die Berührungspunkte nur klein und scheinbar unbedeutend waren. Man merkt, dass das eigene Stückchen Land ein klein wenig ärmer und trostloser geworden ist.

In Gedenken an zwei Freunde, von deren Ableben ich heute erfahren mußte.

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  1. Uwe sagt:

    Sehr beeindruckende und berührende Gedanken, die Du da niedergeschrieben hast. Über die Inhalte kann ich lange nachdenken. Manches kann ich greifen und begreifen. Manches entgleitet mir sofort wieder und anderes erhält beim wiederholten Lesen eine weitere Bedeutung.

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