Andreas Findig

Vor einigen Tagen ist der ehemalige PERRY RHODAN-Autor Andreas Findig gestorben. Ich möcht gar nicht mit „nach langer, schwerer Krankheit“ anfangen, sondern das Kind beim Namen nennen: Andreas hatte Krebs. Die Krankheit wurde vor bald zwei Jahren diagnostiziert. Seit damals mußte er sich immer wieder mit den üblichen Behandlungen herumschlagen. Was das bedeutet, kann sich jedermann vorstellen.

Ich bin erschrocken, als ich darüber nachdachte, wie lange ich den Andreas denn kannte. Ich kam auf zwei Jahrzehnte.
Ich hatte ihn im Rahmen eines Kurzgeschichten-Wettbewerbs kennengelernt, den die PERRY RHODAN-Redaktion ausgelobt hatte, das muß etwa im Jahr 1997 gewesen sein. Andreas hatte erfahren, daß ich ihm den dritten Platz weggeschnappt hatte und wollte mich unbedingt treffen.

Ich war gebührend beeindruckt von Andreas, als wir uns in einem innerstädtischen Caféhaus in Wien erstmals trafen. Er hatte schon eine Menge Veröffentlichungen und Stipendien auf seiner Erfolgsliste stehen. Und er besaß Persönlichkeit, ganz schön viel davon sogar. Er war aber auch ein unglaublich sensibler Mensch, leicht verletzbar, stets im Zweifel, mit sich selbst nicht immer im Reinen. Vor allem, wenn es ums Schreiben ging.

Wäre der Andreas nicht gewesen, wäre ich heute nicht der, der ich bin. Er hat mich dazu überredet, ein Wolfenbüttel-Seminar zu besuchen, er hat mich mit Leo Lukas, Reinhard Habeck  und Michael Wittmann bekanntgemacht, er hat mich beim Bastei-Verlag empfohlen. Beim oben angesprochenen Kurzgeschichten-Wettbewerb liegt übrigens der Verdacht nahe, daß er bewußt hinter mich gereiht wurde. Sein Text war schlichtweg besser. Aber er war halt schon ein etablierter Autor, und gesucht wurden von der Redaktion ja neue, bislang unbekannte Talente.

Andreas hat meine ersten Kurzgeschichten und Romanentwürfe überarbeitet – und wie! Mit einer Präzision, die fast schon schmerzhaft war. Da wurde um jedes Wort gerungen, um Formalismen, um Satz- und Wortstellungen, um Zeitbezüge und um überhaupt alles. Er gestaltete mir mit seiner sprachlichen Genauigkeit den Einblick in eine Gedankenwelt, die mir bis dahin völlig fremd gewesen war.
Andreas war Sprach- und Wortkünstler. Für ihn war die deutsche Sprache manchmal ein zähes, schwer zu bearbeitendes Gut. Er kämpfte mit sich, rang um jedes einzelne Wort, haderte mit Textstellen, warf um, gestaltete neu, begann wieder von vorne.  Aber die Endresultate, die konnten sich sehen lassen. Ich behaupte, es waren die sprachlich geschliffensten Texte, die bei PERRY RHODAN jemals erschienen sind.  Diese (wenigen) Romane waren vollgestopft mit grandiosen Ideen. Mit Bildern, die der Phantasie eines großartigen Künstlers entsprangen.

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Andreas mit Gucky und Walter Ernsting/Clark Darlton in dessen Salzburger Wohnung. Bild: ©Reinhard Habeck

In dieser Genialität steckte auch der Grund seines Scheiterns bei PERRY RHODAN. Er konnte einfach nicht loslassen und wollte immer noch weiter verfeinern und bearbeiten und ziselieren. Ein jeder Satz mußte gelungen sein. Zwei, drei Monate brauchte er für ein Manuskript, und selbst, nachdem er es abgegeben hatte, blieb er unzufrieden.
Ein derartiger Zeitaufwand ist mit den Erfordernissen einer Serie wie PERRY RHODAN nicht zu vereinbaren. Ich glaube, das hat Andreas letztlich selbst eingesehen, zumal er mit heftigen Schreibblockaden zu kämpfen hatte.

Andreas war schrecklich, wenn es um Termine ging, um das Einhalten von Versprechen. (Wohlgemerkt – ich beziehe mich da ausschließlich auf Dinge, die mit dem Schreibberuf zusammenhängen.) Es war teilweise richtig, richtig mühsam mit ihm. Andreas wußte natürlich um seine Schwächen. Er hatte ein unglaublich schlechtes Gewissen, wenn er mal wieder jemanden im Stich gelassen hatte. Er verkroch sich, machte sich wochen- und monatelang unsichtbar, haderte mit sich selbst.
Ich muß zugeben, daß ich mit diesem Verhalten Probleme hatte. Ich hab es oftmals nicht verstanden. Ich war auch lange noch nicht so weit, Leute so zu akzeptieren, wie sie sind. Heute weiß ich’s besser.

Andreas hatte ein großes, ein riesiges Herz. Er mochte Gesellschaft. Er wollte Dinge bewegen und Leute zusammenbringen. Die „Sentenza Austriaca“, die geheime Geheimgesellschaft zur Verösterreichisierung PERRY RHODANS,  beruhte großteils auf seinem Engagement. (Auch wenn hier anzumerken ist, daß es die Sentenza in Wirklichkeit gar nicht gibt. Sie ist so streng geheim, daß man nichts von ihr und ihren Umtrieben weiß. Rein gar nichts.)

Als Andreas von seiner Erkrankung erfuhr, wollte er sich mit mir treffen. Wir hatten davor lange Zeit nicht mehr gesprochen. Es hatte Mißverständnisse gegeben, an denen ich auch nicht ganz unschuldig war.
Ich sagte zu. Ich hätte mich sehr gefreut, ihn wieder mal zu sehen. Andreas meinte, er würde sich bei mir rühren, sobald er die ersten Chemos hinter sich hätte.
Nun, ich habe darauf gewartet, daß er sich melden würde. Ein großer Fehler. Ich hätte von mir aus auf ihn zugehen müssen, weil ich um seinen Charakter wußte.
So ist es nie mehr zu diesem Treffen gekommen …

Es zahlt sich übrigens immer noch aus, einen Blick auf Andreas Findigs Homepage zu werfen. Sie wurde das letzte Mal 2004 aktualisiert, aber sie beinhaltet immer noch einige interessante Gustostückerln und Informationen zu seinem Werdegang.
Homepage Andreas Findig

 

 

Die verwendeten Bilder sind © Andreas Findig und stammen von seiner Homepage.

 

 

 

2 Kommentare Gib deinen ab

  1. Gerhard Hauer sagt:

    Danke.

  2. Melanie sagt:

    Einfach nur traurig! 😥

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