Sporterinnerungen (2)

Es war 1982, mein Matura-/Abi-Jahr. Die schriftlichen Prüfungen hatte ich mit ach und weh hinter mich gebracht, auf die mündlichen Prüfungen war ich leidlich gut vorbereitet. Im Fach „Betriebskunde“ hatte ich spekuliert und war auf nur etwa zwei Drittel der möglichen Prüfungsfragen vorbereitet. Natürlich kam eine aus dem letzten Drittel, und ich hatte den Scherben auf. Der Befund hieß: leider, Thurner, durchgefallen, der nächste Termin ist im Herbst.

Aber da war dieses klitzekleine Problem: Mein Vater hatte mir zur bestandenen Matura eine Reise zur Fußball-Weltmeisterschaft in Spanien versprochen, und da man solche Reisen einige Zeit im voraus buchen mußte, war schon alles bezahlt. Ich bin also unmittelbar, nachdem ich mir die negative Note abgeholt hab, zum Flughafen Wien-Schwechat gerast, hab mich in eine AUA-Maschine gesetzt, um bei einer Zwischenlandung in Zürich meinen Vater zu treffen, mich für mein Maturageschenk zu bedanken und ihm zu gestehen, daß ich leider, leider durchgefallen wäre. Aber wir würden ja trotzdem nach Spanien weiterfliegen, oder?
Na, frage nicht.
Er hat mich nicht angeschrien, hat auch kein Wort drüber verloren. Aber es hat gewisse Spannungen während des Urlaubs gegeben und ich glaube, daß er sich in der einen oder anderen Nacht aus der Pension geschlichen hat, um irgendwo auf einem offenen Feld seinen Zorn in die Welt hinaus zu schreien.

Es ging also nach Oviedo. Im Norden Spaniens hatte die österreichische Fußballmannschaft Quartier bezogen und würde dort zwei ihrer drei Spiele bestreiten.
Der Anflug mit der Iberia gestaltete sich mühsam; von Madrid aus ging es mit einer kleinen Maschine weiter nach Asturien, doch kurz vor der Landung mußten wir wegen starker Regenstürme am Zielhafen umkehren. Und so versäumten wir das erste Gruppenspiel, das gleich eines der großen Sensationen des Turniers brachte. Die deutsche Mannschaft verlor gegen Algerien. Die Spanier jubelten allerorts über den Sieg des Underdogs. Und in den Quartieren der österreichischen Fans gab es eine, naja, eine gewisse Schadenfreude zu spüren

Wir lernten in den nächsten Tagen Land und Leute kennen. Mein Vater schleppte mich kreuz und quer durchs Land. Unter anderem sah ich das erste Mal in meinem Leben eine Stierkampfarena von innen und mußte miterleben, wie ein völlig unfähiger Matador x-mal zustechen mußte, bevor der Jungstier endlich in den Vorderläufen einknickte. Die Zuseher winkten mit weißen Handtüchern, als Zeichen ihrer Empörung, als der Depp mit stolz erhobenem Haupt aus der Arena schritt. Noch schlimmer in meiner Wahrnehmung war allerdings, daß ein Traktor durch den Sand des Innenfeldes pflügte, schwere Ketten um die Fesseln des Tieres warf und es so nach draußen schleifte. In diesen Augenblicken blieb von der großen Kunst des ehrbaren Tötens aber auch gar nix mehr übrig.

Österreich gewann knapp gegen Chile (0:1) und mit deutlichen Vorteilen gegen Algerien (0:2). Beide Spiele fanden in Oviedo statt. Wir waren in den Spitzen richtig gut besetzt. Der pfeilschnelle Schachner kam gern von der Seite, zentral beziehungsweise links stürmte der Krankl Hans. Die beiden harmonierten überraschend gut, hinter ihnen gaben Leute wie Pezzey und Prohaska das Tempo vor. Die Mannschaft war vielleicht ein bißl in die Jahre gekommen, aber sie schien zu funktionieren.

Das letzte Gruppenspiel würde in Gijon stattfinden, und das gegen einen Gegner, der so richtig „heiß“ war. Deutschland mußte gewinnen, um aufsteigen zu können, und damit begann unter den Fans die Rechnerei. Österreich könnte sich ja eine knappe Niederlage leisten, um weiterzukommen, obwohl die Algerier mittlerweile ebenfalls zwei Siege und damit vier Punkte hatten.

Es ging mit einem Bus nach Gijon. Er war gefüllt mit jubelnden und schon Stunden vor dem Spiel heftig illuminierten Fans. Sie stammten fast alle aus der Steiermark; es waren einfache Leute, die für ihre Verhältnisse richtig viel Geld in die Hand genommen hatten, um die österreichische Mannschaft anfeuern zu können. Sie hatten ihre Fremdsprachenkenntnisse während der letzten Tage aufpoliert und konnten bereits perfekt ihr „una cerveza mas“ aufsagen, „noch ein Bier“.

Das Stadion in Gijon war ein Rundbau mit eher düsteren Eingängen. die Decken der Betonschüssel waren niedrig, überall sah ich Gitter und Abtrennungen zwischen den Sektoren. Wir als österreichische Besucher waren über mehrere Teile des Stadions aufgeteilt, eine Trennung zwischen den Fan-Gruppen gab es bloß rudimentär. Das Stadion war gut besucht. Anhänger aller vier Gruppenmannschaften hatten sich eingefunden. Für die Algerier ging es um noch um viel, die Chilenen waren bereits ausgeschieden, Österreicher und Deutsche fieberten dem Spiel entgegen und die neutralen spanischen Zuseher erhofften sich viel Spannung.

Die Deutschen begannen, als wollten sie uns auffressen. Der Druck war groß, die österreichische Mannschaft überfordert. Es dauerte auch nicht lange, bis der Hrubesch Horst vom HSV einköpfelte. Oder war es das Knie? – Ich wußte es nicht, das Tor fiel auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions.
Und danach begann dieses unsägliche Hin- und Herschieben in den eigenen Reihen, das heutzutage als „die Schande von Gijon“ bekannt ist. Das 0:1 reichte den Österreichern für den Aufstieg – und die Deutschen wollten kein Risiko mehr eingehen, um nur ja nicht den Ausgleich zu kassieren.
Es war schrecklich, dieses Spiel mit ansehen zu müssen. Ich wußte nicht mehr, was ich hier zu suchen hatte, zweitausend Kilometer von der Heimat entfernt. Ich sah 22 Kickern zu, die einfach nichts taten – und das 75 Minuten lang.
Das Stadion schien immer enger zu werden. Ringsum wedelten die spanischen Zuseher mit ihren weißen Tüchern, so, wie ich es vor wenigen Tagen in der Stierkampfarena erlebt hatte. Algerische Fans zu unserer Rechten hielten Geldscheine in die Höhe, um zu zeigen, daß diese Partie gekauft worden wäre. Fahnen wurden angezündet, die Stimmung war explosiv.
Vor meinem Vater und mir saßen Deutsche. Fans aus gutbürgerlichen Verhältnissen, hätte ich mal gesagt, die zu Hause gewiß ihre Gartenzwerge pflegten und über die Mainzelmännchen im Fernsehen lachten. Als ich mich wieder mal über eine endlos lange Rückpaßorgie ärgerte, drehte sich einer von ihnen um und sagte in einem unsäglichen deutschen Akzent, den ich nicht nachmachen kann: „Was willst du denn, Junge? Ist doch gut so! So steigen wir beide auf.“

Ich hab dann etwas getan, worauf ich heute nicht sonderlich stolz bin, was mir aber damals ungeheure Erleichterung bereitete. Es gab ein wenig Unruhe, aber die Polizisten mischten sich nicht weiter ein, nachdem mich mein Vater wieder beruhigt hatte. Und von der Reihe vor uns kam kein Ton mehr, die Leute gingen dann auch vorzeitig.

Wir haben uns das Spiel bis zum bitteren Ende angesehen. Haben all den Spott und die Wut und die Demütigungen ertragen. Haben gesehen, wie sich die Spieler nach dem Abpfiff gegenseitig auf die Schulter klopften.
Ja, Österreicher und Deutsche sind aufgestiegen – aber sie haben etwas Unverzeihliches getan. Sie haben dem Spiel die Würde genommen. Zumindest habe ich es damals so empfunden, mit meinen 19 Jahren.

In der Zwischenrunde schied Österreich sang- und klanglos aus. Ich hätte die Möglichkeit gehabt, mir diese Spiele in Madrid anzusehen. Aber ich verzichtete. Ich wollte nicht mehr.
Eine der österreichischen Tageszeitungen brachte als Bericht zum Spiel eine leere Seite im Sportteil, überall sonst wurde von „Schande“ und „Verrat“ gesprochen. Hans Krankl trat, wenn ich mich recht erinnere, recht bald nach dem Turnier vom Team zurück (und machte seine Entscheidung später wieder rückgängig). Diese Weltmeisterschaft hatte auch Auswirkungen auf das Gefüge im Team, dessen bin ich mir ziemlich sicher. Eine Mannschaft, die ohnehin nicht mehr allzu gut funktionierte, brach endgültig auseinander.

Und ich war um einige Illusionen ärmer. Aber immerhin schaffte ich die Matura im zweiten Anlauf.

 

 

3 Kommentare Gib deinen ab

  1. Melanie sagt:

    Hauptsache, Du hast die Matura geschafft. Wolltest Du den Deutschen etwa an den Kragen? Und wie denkst Du heute über das Spiel?

    1. mmthurner sagt:

      Ich bin beim Schreiben wieder zornig geworden. Es fühlt sich für mich selbst aus einer Distanz von mehr als 35 Jahren widerlich und würdelos an, was die beiden Teams damals aufgeführt haben.

  2. Melanie sagt:

    Kommst Dir von den beiden Teams verraten vor, stimmts? Das sind aber nicht die einzigen Teams, die sich so verhalten. Hat es in der Vergangenheit schon mehrfach gegeben. Aber von den Fans wird das definitiv gehasst. Ist halt ein langweiliges Spiel. Wobei: Eigentlich kann man das ja nicht mehr Spiel nennen.

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