Zehn Mal schlafen

Ich habe in den letzten Tagen darüber nachgedacht, wie das so mit der Phantasie ist. Immer wieder werde ich gefragt, wo denn all diese Ideen fürs Schreiben herkommen. Eine der Antworten auf diese Frage lautet: Vieles davon ist aus dem Leben übernommen. Mit der Ergänzung versehen: Reisen bildet.
Dinge, die mir unterwegs so passierten, sind kurios, unglaublich, gefährlich, überraschend. Sie wirken in mir nach und finden oft in abgeänderter Form Eingang in meinen Romanen. Um das mal zu verdeutlichen, möchte ich von zehn sonderbaren Nächten erzählen, die sich mir eingeprägt haben.
Anmerkung: Auf Anraten eines Testlesers hab ich drei Geschichten aus diesem Blogeintrag rausgelöscht und durch andere ersetzt. Sie wären doch gar zu … hm … widerlich gewesen.

 

  • Platz 10: Das wäre wohl die Nacht auf einem Campingplatz bei Saint-Florent in der Nähe von Bastia auf Korsika. Ich beschloß, einen ruhigen Tag zu genießen und mit dem Motorrad eine gemütliche Tour übers Cap Corse zu machen, der fingerähnlichen nördlichen Halbinsel. Unterwegs bekam ich ein Donnerwetter ab, das sich gewaschen hatte. Das ärgste, das ich je erlebt hatte. Ich atmete Wasser, ein Vorwärtskommen war kaum möglich. Und als ich durchnäßt zum Campingplatz zurückkehrte, mußte ich feststellen, daß ich vergessen hatte, das Zelt zuzumachen. Ich hatte zehn Zentimeter hoch stehendes Wasser im Inneren und nichts – ich wiederhole: nichts! – Trockenes mehr, und Geld für eine Pension war keines mehr da. Ich schlief also im Kauern, an einen Baum gelehnt, in nassem Gewand.
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    Sieht ja schön aus, das Cap Corse, aber der Regen kündigt sich bereits an.
  • Platz 9: Diese Nacht war zu meinem Glück gar keine. Ich war in London gestrandet und saß relativ ratlos auf dem Piccadilly Circus herum. Ich kam mit einem Mann ins Gespräch, er war nett und aufmerksam. Ein Computer-Fachmann, was Anfang der Achtziger durchaus beeindruckend klang. Er lud mich ein, ihn in seine Wohnung zu begleiten. Ahnungslos, wie ich war, hätte ich beinahe zugesagt, hab mich dann aber doch dazu entschlossen, einen Zug Richtung Manchester zu nehmen und während der Fahrt ein paar Stunden Schlaf zu finden.
    Jahre später erfuhr ich, daß der Piccadilly Circus DER Treffpunkt für Schwule war und dort Lustknaben auf Kundschaft warteten.
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    Nochmals Korsika. Eine Stunde nach der Entstehung dieses Photos brach die Regen-Apokalypse aus.

    Platz 8: Interrail-Fahren ist lustig, interessant, völkerverbindend und lehrreich. Als ich mit zwei Schulkameraden im Alter von 17 Jahren im hohen Norden unterwegs war, durften wir feststellen, daß die Gepäcknetze über den Köpfen der Passagiere erstens einmal sehr breit waren und zweitens das Gewicht eines Achtzehnjährigen trugen. Also schaukelten wir im Rhythmus eines finnischen Zugs durch die Nacht.

  • Platz 7: Im Stadtgebiet von Hastings an der Südküste Englands gibt es einen wunderschönen Pitch & Putt-Platz, ganz weit oben auf den Kreidefelsen. Dort hatten wir, drei Jungs, am späteren Nachmittag in einer Gebüschinsel unser Gepäck samt Zelte deponiert und waren in die Stadt aufgebrochen. Als wir mitten in der Nacht zurückkehrten, war das ganze Zeugs weg. Was soll ich sagen – Geld hatten wir keines, an eine Pension war nicht zu denken. Was allerdings gratis war, waren die öffentlichen Toiletten. In der ersten drang nachts allerdings der Regen rein, also mußten wir einen Ortswechsel vornehmen und unsere Schlafstätte in eine der öffentlichen Luxus-Toiletten am Kai von Hastings verlegen. Ich vergesse nie, wie mein Freund das Gebläse zum Händeabtrocknen umarmte und alle paar Minuten draufdrückte, um sich an dem Ding aufzuwärmen.
  • Platz 6: Das South Sea Hotel auf einer Insel namens Stewart Island südlich der Südinsel Neuseelands hat lange Zeit damit geworben, das südlichste Hotel der Welt zu sein. Warum ich ausgerechnet oberhalb der Bar ein Zimmer bekam und man schwermütige Musik aus dem höchsten Norden, also aus Finnland, spielte, bleibt mir für immer ein Rätsel. An ein Schlafen war keinesfalls zu denken, und als der letzte wehmütige Tango so etwa gegen vier Uhr in der Früh verklang, wechselten sich Mord- mit Selbstmordgedanken ab.
  • Platz 5: Noch einmal Interrail: Mit zwei Freunden war ich im Süden Frankreichs unterwegs. Genauer gesagt, schliefen wir am Steinstrand eines keinen Nests an der Côte d’Azur namens Èze-sur-Mer. Dort lernten wir britische Mädchen kennen. Blasse, hübsche Mädels, die einen prächtigen Sonnenbrand abbekommen hatten und von denen wir begeistert waren. Also beschlossen wir, ihnen nachzureisen, als sie ihren Urlaub beendet hatten. Quer über den Kontinent, bis nach Norwich, Norfolk. Um dort, die Nacht irgendwo auf einer Baustelle zu verbringen und die Mädels am Morgen zu besuchen. Sehr zur Freude der Eltern, übrigens. Nach einer Tasse Tee wurden wir wieder auf die Straße geschickt.
    Die Distanz zwischen Èze und Norwich beträgt etwa 1.500 Kilometer.
  • Platz 4: Auf dem Hungaro-Ring im Vorfeld des Formel I-Grand Prix, irgendwann in den späten Achtzigern. Ich war als Security eingeteilt, die Strecke sollte während der Nacht von einer Gruppe Österreicher abgesichert werden. Allerdings hatten wir die Rechnung ohne die heimischen Securitys gemacht. Die wollten sich während der Nachtstunden mit ihren Privat-PKWs auf der Strecke vergnügen – und wir mußten sie gewähren lassen. Mit dem Lauf einer Pistole an der Schläfe fällt eine solche Entscheidung leicht.
    Untertags hatten wir frei und wurden in einem Massenquartier gekarrt, um bei 40 Grad Hitze und umschwärmt von Gelsen herumzulungern. An Schlaf war nicht zu denken.
    Die darauffolgende Nacht hatte ich wieder Dienst, er dauerte bis in die Mittagsstunden. Anschließend bin ich nach Hause gefahren, nach mehr als 50 Stunden ohne Schlaf. Der Grand Prix war mir so was von wurscht geworden.

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    Da freut sich doch der Gast, wenn im Flur einer Pension solch nette Puzzles aus den Achtzigern an der Wand kleben.
  • Platz 3: Im einem öden, kleinen Ort, irgendwo im französischen Zentralmassiv, steht eine Pension, die vermutlich den Erben von Norman Bates gehört. Der Besitzer war gewiß nicht der Hellste. Mein Freund und ich hörten auch die Mutter in der Küche plaudern. Aber war das wirklich die Stimme der Mutter, oder hatte sie der Besitzer bloß imitiert?
    Es war die abgefuckteste Pension, die ich jemals betreten hatte. Der Plastik-Trinkbecher auf dem Photo ist bloß ein Beispiel für all das, was dort nicht paßte. Die Stromleitungen lagen offen, die Seitenwand der Duschkabine krachte zusammen, obwohl sie mit einem Klebeband fixiert gewesen war, das Wasser rann beim Syphon so raus, wie es oben reinkam, der Haltearm des Fernsehers war mit Klebeband fixiert … Es hat nicht viel gefehlt, und wir hätten den Kasten zur Sicherheit vor die Türe gestellt. Das ließ sich allerdings nicht  bewerkstelligen, weil beim Verschieben zwei der vier Beine wegknickten.

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    Immerhin hatten wir zu zweit einen Pappbecher.
  • Platz 2: Naja, eigentlich geht es um eine ganze Serie von Nächten.
    Ich hatte den Job gekündigt, hatte mir alles Geld geschnappt und war mit dem Motorrad in den hohen Norden gefahren. Zuerst kreuz und quer durch Schweden und Norwegen. Irgendwann setzte ich von Bergen nach Newcastle über und fuhr hoch nach Schottland, in die Highlands, meinem Lieblings-Reiseziel.
    Hier muß ich einfügen, daß ich so etwas wie ein Regengott bin. Wo immer ich mich entlangbewege, nieselt, regnet oder schüttet es.
    Bei dieser Tour traten meine göttlichen Fähigkeiten besonders stark zutage. An gezählten 43 von insgesamt 46 Tagen regnete es, so gut wie durchgehend. Alles war naß. Die (Leder)Stiefel verschimmelten, die Füße quollen in der Feuchtigkeit auf, jeden Morgen schlüpfte ich ein feuchtes Gewand. Und obwohl meine Ausrüstung sehr gut war, mußte ich doch einen Großteil des Urlaubs in einem feuchten Schlafsack in einem feuchten Zelt schlafen.
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    Der Frühstücksraum-Alptraum
  • Platz 1: Ich war mit dem Motorrad im Süden Schottlands unterwegs. Sehr erschöpft von einem langen Tag mit vielen, vielen Kilometern durch wunderschöne Gegenden.
    Nebel brach herein, und bald war die Suppe so dicht, daß ich die Hand nicht mehr vor den Augen erkennen konnte. Ich suchte verzweifelt nach einem Platz, an dem ich mein Zelt aufbauen konnte. Links und rechts waren meist Steinmauern, unmittelbar neben der Straße. Was war ich erleichtert, als ich unmittelbar vor mir eine Wiese entdeckte, leicht erhoben. Links und rechts davon gingen Straßen ab, aber das war mir herzlich egal, so müde war ich. Also baute ich mein Zelt auf und störte mich nicht weiter an den Lichtern von Autos, die ab und zu den Innenraum des Zelts erleuchteten. Ich schlief bald ein und erwachte dann am frühen Morgen von lautem Gehupe und ungewöhnlich starkem Verkehrslärm.
    Als ich aus dem Zelt gekrochen kam, war mir auch klar, warum. Ich hatte das Zelt auf der Insel eines zweispurigen Roundabouts/Kreisverkehrs errichtet, von dem aus ein Motorway/eine Autobahn ihren Beginn nahm. Geschätzte hundert Autofahrer starrten mich an und deuteten mit dem Finger auf mich.

8 Kommentare Gib deinen ab

  1. Melanie sagt:

    Oh Mann, lebst Du wirklich noch oder bist Du nur ein Geist? 😀

    1. mmthurner sagt:

      Ich fühl mich noch recht lebendig, keine Sorge.

  2. Andi P aus F sagt:

    Danke für Deine „Hitparade“. Platz 1 ist mindestens sensationell! Ich könnt ja auch so einiges über Schottland erzählen 🙂

    1. mmthurner sagt:

      Ja, das glaub ich Dir aufs Wort. 🙂

  3. Melanie sagt:

    Hallo, hast Du Teil 2 wieder entfernt? In meiner Mail wurde darauf hingewiesen, aber wenn ich es öffnen will, ist es hier nicht zu finden.

    1. mmthurner sagt:

      Ja, richtig, es gab einen 2. Teil. Aber ich habe die fünf Einträge von dort mit dem ersten Teil zusammengelegt und den – nunmehr leeren – zweiten Eintrag gelöscht. Im ersten Teil hast Du also jetzt die volle Liste mit allen zehn „Schlafplätzen“. Sorry für das kleine Durcheinander …

      1. Melanie sagt:

        Ach so, dann ist ja nichts verloren gegangen. Danke für die Erklärung.

  4. Galaktischen Dank für diese wilden Schilderungen aus deinem Leben!
    Wow, da hast du aber schon so einiges erlebt!
    LG Volker

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