So gehört’s gemacht

Heute enthülle ich ein großes Geheimnis. Es geht um Abgabetermine – und um die Wahrheit, die dahinter steckt. Aber bitte redet mit niemandem darüber. Denn die Häscher sind überall.

Ich traue es mich fast nicht zu sagen und ich schäme ich dafür – aber es besteht aktuell die Gefahr, daß ich mein Manuskript vor dem Abgabetermin fertiggetippt habe. Und das geht gar nicht.
Ich schwöre euch: Ein einziger Autor, der pünktlich abgäbe, würde ein sorgfältig aufgebautes und über die Jahrzehnte perfektioniertes System zusammenbrechen lassen. Die Autorengilde würde mich ächten oder vierteilen lassen, sobald sie von meinem Verrat erführe.

Also bleibt mir gar nix anderes übrig, als das fertige Werk liegen zu lassen. Einige Tage nach dem Abgabetermin muß ich den Redakteur händeringend und Zerknirschtheit heuchelnd um weitere zehn Tage Aufschub bitten. Beliebte Ausreden sind Krankheiten wie ein eingewachsener Zehennagel oder „private Umstände“ wie der Tod des geliebten Hamsters Rudolph, dem letzten Trost meiner geliebten Urstrumpftante.

Der Redakteur wird vorgeben, tiefstes Verständnis für meine Notlage zu haben – und mich in Gedanken zwischen zwei Mühlrädern zermahlen lassen. Denn er weiß ganz genau, daß weder Zehennagel noch Hamster Rudolph schuld sind an meinem verspäteten Abgeben. Er weiß aber auch, daß er gegen die Gilde nicht ankommt. Er lebt mit der Gewißheit, daß er derartige Ausreden bis ans Ende seines Berufslebens hören wird. Also wird er sich drei, vier Beruhigungsmittel einschmeißen, eine Weile lang leise vor sich hingreinen und damit beginnen, selbst ein Buch zu schreiben. Frei nach dem Motto: „Was Du nicht willst, das man Dir tu, das füge einem Andern zu.“

Doch was interessiert mich das Schicksal eines Redakteurs, eines natürlichen Feindes des Autors? Es geht um mich, um meinen guten Ruf und mein Überleben!
Etwa zehn Tage nach dem Abgabetermin überprüfe ich die Lage und hole so geschickt wie möglich weitere Erkundigungen ein. Wie viel Zeit bleibt noch bis zur Drucklegung? Wollte mich der Redakteur schmählich täuschen und hat er etwa den Abgabetermin deutlich vorgezogen, um zu signalisieren, daß die Zeit knapp wird, während eh noch drei, vier Wochen Puffer sind?

Wenn nein, dann sind alle Anstandsregeln zwischen Verlag und Autor gewissenhaft erfüllt worden. Ich schicke mein Werk etwa eine Woche vor Drucklegung weg. So, daß der First Reader, der Redakteur, der Lektor und Korrektor gerade noch über den Text drüberfliegen können. Wenn Fehler übersehen werden sollten, sind selbstverständlich diese Falotten dran schuld, hätten sie bloß besser und schneller gearbeitet. Ich habe nach bestem Wissen und Gewissen gehandelt.

Wenn mich die Redaktion allerdings mit einem falschen Abgabetermin reinlegen wollte, dann warte ich dementsprechend ab. Schließlich mußte das Weiblein des geliebten Hamsters, Elisabeth, der wirklich letzte Trost der geliebten Urstrumpftante, ebenfalls beerdigt werden. Die Verscharrung im Hinterhof löste mehrere Traumata und eine Schreibblockade in mir aus, auch der Zehennagel begann wieder zu schmerzen. Ich liefere den Text erst nach dem eigentlichen Drucktermin ab und der Redakteur soll zusehen, wie er damit zurechtkommt. Das hat er davon, wenn er mich anlügt. Er kann den Schmerz ja mit einem ähnlichen Lügenkonstrukt bei seiner eigenen Buch-Redakteurin kompensieren.

Nach Abgabe muß ich noch auf allen verfügbaren Social Media-Kanälen lautstark vor mich hin jammern. Über den ständigen Termindruck und daß ich völlig erschöpt sei, über die Begleitumstände (eventuell verbunden mit einem Spendenaufruf, um Kränze für die beiden verblichenen Hamster kaufen zu können), über das streßige Leben als Autor im allgemeinen.

Glaubt mir: Es geht nicht anders. Nur so wahre ich mein Gesicht vor den Kollegen. Andernfalls kann ich mir gleich selbst mein Grab im Hinterhof schaufeln (neben Rudolph und Elisabeth).
Und wenn jetzt jemand glaubt, daß ich mich mit diesem Artikel von der Arbeit ablenken wollte, um nur ja nicht pünktlich mit dem Manuskript fertig zu werden – dann könnte er durchaus recht haben.

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3 thoughts on “So gehört’s gemacht

  1. Boah, Melanie! Ich kann dem Herrn Kollegen da nur beipflichten. Er hat das alles korrekt dargestellt und vor allem ausgeführt. Mein Beileid für Rudolph und Elisabeth. Das waren prachtvolle Tiere. *schluchz*

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