Das Schwert, so kühl …

… so der Titel einer Story, die mir Michael Tinnefeld zugeschickt hat (wer mehr über Michael erfahren möchte – hier wird man fündig: Interview mit Michael Tinnefeld .
Was die Geschichte für mich so interessant macht, ist, daß es sich dabei um Fan-Fiction handelt, die lose auf Elementen meines Fantasy-Buchs Der Gottbettler beruht. Und nicht nur das: Sie spiegelt wiederum eine Kurzgeschichte von Gerhard Huber, die sich ebenfalls auf meinem Blog findet: Der Weg des Schwerts

Es ehrt mich, wenn meine Romane die Phantasie von Lesern anregen. Und ich freue mich, Michaels Geschichte hier vorstellen zu dürfen. Viel Spaß beim Lesen!

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DAS SCHWERT, SO KÜHL

von Michael Tinnefeld

Rauch wallt träge über dem Schlachtfeld. Rauch oder Nebel. Ich habe meinen Geruchssinn verloren. In meiner Linken ruht die Hand eines Sterbenden. Seine Finger sind kalt. Mein Blick ist auf einen Horizont gerichtet, der von den Rauchschwaden verborgen wird. So, als könne ich die Nebelwand durchdringen, wenn ich nur lange genug starre. Vielleicht erhoffe ich, das Antlitz meiner Frau und meiner Tochter zu gewahren. Falls es ein Jenseits gibt.

Für einen Moment blitzt ein Strahl der Morgensonne durch den Nebel. Ich spüre die Wärme auf meinem geschundenen, blanken Arm, wie ein flüchtiger Trost. Dann ist es vorbei. Der Strahl verblasst, meine Sicht ins Jenseits ist versperrt. Ich bin nicht todessüchtig und bezweifle eine Fortexistenz nach dem Sterben. Aber dieses Leben ist an sein Ende gelangt.

Ich senke den Kopf. Der Nebel gibt schmerzverzerrte Gesichter, blutverkrustete Münder frei, abgehackte Gliedmaßen, offenliegende Bäuche. Es muss erbärmlich stinken, doch davon bemerke ich nichts. Hier und da dringt ein Stöhnen zu mir, wie durch Daunenkissen gedämpft. Zu meiner Rechten, zwei Dutzend Schritte entfernt, hockt Bigove, fast ein Spiegelbild meiner selbst. Er spricht leise mit jemandem, der vor ihm hingestreckt liegt. Bigove, Freund aus Kindertagen, auch sein Hof niedergebrannt, Frau und Tochter erschlagen. Keine Kunde gibt es jedoch von seinem sechsjährigen Sohn, sodass Hoffnung ist, dieser habe das Grauen in einem Versteck überstanden.

Vor der Schlacht sammelte sich unsere erbärmliche Streitmacht. Sie bestand aus wenigen Reitern und vielen Bauern, Handwerkern und Fischern. Während wir uns dem heranrollenden Untergang entgegenstemmten, schickte der Gottbettler Handlanger seines riesigen Heers voraus, um unser Dorf und die umliegenden Höfe in Brand zu stecken. Und, um unsere Moral zu brechen, unsere Familien abzuschlachten wie das Vieh. Ich sah die Rauchsäulen von der Anhöhe aus, auf der wir uns sammelten, und erfuhr die Kunde vom Tod meines Weibs Vlaare und meiner kleinen Sira.

Was hatte es für einen Sinn, jetzt noch in den Krieg zu ziehen? Was galt es noch zu verteidigen? Und dennoch loderte eine Flamme in mir. Dieser erbarmungslose Feind sollte ebenfalls Schmerzen erleiden. Soviel wie möglich.

Wie überrascht ich war, als mich vor der Schlacht Bigoves Blick traf wie ein Blitz. Das war, als das Signal ertönte, in die Schlacht zu ziehen. So viel Wissen und Verstehen für das Kommende lag darin, ein stilles Einverständnis zwischen uns. Eine Abmachung, zu überstehen, was immer geschehen würde.

Wir wurden überrannt, gemetzelt, vernichtet.

Die hasserfüllte, versengende Flamme in meinem Unterleib kühlt ab und lastet schwer in mir wie der Nebel auf dem Schlachtfeld. Ich verharre sitzend auf einem Holzscheit und warte auf das Ende. Blut sickert aus dem tiefen Schnitt in meinem rechten Schenkel und tränkt den Grund.

Etwas bewegt sich auf dem Leichenfeld. Eine Lücke im Nebel gibt die Sicht frei auf das verabscheuungswürdigste Wesen, das ich kenne: auf Methraul, den Schlächter.

Als habe er im Kampf Mann gegen Mann nicht genug Tod gesät, setzt er sein gnadenloses Handwerk fort. Ein Schwerthieb zur Rechten, ein letztes Aufzucken eines offenbar noch Lebenden. Ein Zustoßen zur Linken, und er erteilt auch dort die letzte Gnade, ohne sich darum zu scheren, auf welcher Seite der Sterbende kämpfte.

Ekel erfüllt mich. Und Wut. Dachte ich, das Feuer in mir sei erloschen, so sehe ich mich eines Besseren belehrt. Es ist erneut entfacht und versengt mein Inneres. Ich hasse dieses Wesen mehr als den nie geschauten Gottbettler oder die unmenschlichen Magicae und Sibyllen.

Es schüttelt mich. Und plötzlich stehe ich. Das Feuer in mir strahlt heller als der Schmerz in meinem verwundeten Bein.

Ich wende den Kopf. Bigove schaut mich an, traurig, trotzig. Ein Bild entsteht in unseren Köpfen, eine Absicht, ein Plan. Bigove nickt und presst die Hand auf den Waffengürtel. Sollte mir unser Vorhaben eine letzte Genugtuung verschaffen, heiße ich den Tod willkommen. Bigove soll das hier überstehen und seinen Sohn suchen, der vielleicht lebte. Noch leben musste.

Wie aus der Ferne kommend rollt ein Schrei über das Schlachtfeld. Verwirrt horche ich auf. Es ist mein Schrei, den ich vernommen habe.

Methraul hält in seiner mechanischen, verständigen Tötungsroutine inne und wendet mir sein Antlitz zu. Letzte Nebelfetzen zwischen uns fliegen hoch und erlauben freie Sicht auf klare, grüne Augen. Sein Gesicht wird größer, es springt hin und her, als sich meine steifen Beine in Bewegung setzen. Humpelnd, schneller werdend, ergreife ich eine geborstene Streitaxt, die mir ein Toter wie in einer letzten Aufforderung entgegen reckt. Als sich mein Fuß in Eingeweideschlingen verfängt, verbeiße ich mir einen weiteren Schrei. Den Kopf wende ich ab, während ich ziehe und zerre, um die Würdelosigkeit des Toten nicht noch zu vergrößern. Wie auch meine eigene.

Mein Fuß kommt frei. »Bringen wir es zu Ende, Söldner!«, brülle ich Methraul entgegen. Dieser wartet gelassen auf mich, bis ich heran bin. Wie ein Schatten gleitet er zur Seite und prellt mir mit einer fast eleganten, bogenförmigen Bewegung mit der Breitseite seines Schwertes die Axt aus der Hand. Ich taumle ein paar Schritte zurück, sammle mich, nehme erneut Anlauf und springe ihn an, als wolle ich einen kräftigen Baumstamm zum Umfallen zwingen. Mit meinen Armen umschlinge ich ihn, verkralle mich in seiner auf dem Rücken zusammengeschnürten Rüstung.

Methraul leistet kaum Widerstand. Er betrachtet mich durchdringend, prüfend, fast liebevoll, während sein Schwert mit einer fließenden Bewegung in meinen Bauch gleitet. Ein seltsamer Schmerz durchzieht mich, als fahre ein langer Eiszapfen in meine Flanke und treffe dort auf das Feuer meiner Rache. Ich spüre, wie die zerstörerische Hitze zum kühlen Metall des Schwertes hin abströmt. Ebenso wie mein Leben. Und ich sehe in Methrauls Augen, die mich mehr erstaunen als das abfließende Brennen in meinem Leib. In ihnen brandet grünes Meer gegen karge Küste. Ich erahne, wie er als Sohn eines Fischers entbehrungsreich in der elterlichen Kate aufwuchs. Seine Menschlichkeit überrascht mich. Nichts Mechanisches oder Teuflisches ist in diesen Augen zu entdecken, so sehr ich auch suche.

Mein Lebensfaden ist bereits dünn, und das Augenlicht schwindet. Meine verhakten Finger verlieren ihre Kraft. Noch wenige Atemzüge, dann falle ich tot zu Boden.

Hinter Methraul wankt eine Gestalt heran. Zunächst glaube ich, einen Boten des Todes wahrzunehmen. Der vermeintliche Bote entpuppt sich jedoch als Bigove, und für eine Weile kann ich die nahende Dunkelheit beiseite drängen. Bigove hält etwas Blankes, Metallisches in der Hand. Ich strenge mich an, es zu erkennen. Es ist ein Dolch. Mein Freund schleicht sich heran, hebt den Arm und findet eine Lücke in Methrauls Panzer. Er treibt den Dolch in seine Achselhöhle, zielsicher bis ins Herz. Ein Zucken durchläuft den Körper des Schlächters.

Endlich endet meine Umklammerung. Ich löse mich von Methraul, sacke zusammen und gleite zu Boden, während Bigove einen Schritt zur Seite macht. Ein letztes Mal treffen sich unsere wissenden Blicke. Nun bin ich es, der nickt. Wir verabschieden uns – Bigove von mir, und ich vom Leben.

Tanzende Schatten verdunkeln mein Augenlicht. Der Faden reißt. Kein Schmerz ist mehr in mir.

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