Autorendasein – eine Klagschrift

Es ist reichlich kompliziert, einem Außenstehenden den „Beruf“ eines Autors zu erklären. Aber ich würde gerne mal ein paar Stichworte aufzählen, die den Rahmen des Autorendaseins bilden:

  • Er ist immer an der Arbeit. Immer. Wenn er grad mal nicht an der Tastatur sitzt, dann denkt er übers Schreiben nach.
  • Er kennt keine fixen Arbeitszeiten. Wenn’s denn sein muß, steht er schon mal um drei Uhr morgens auf, folgt seinen natürlichen Trieben und schreibt. 24 Stunden und mehr durcharbeiten? – Das gehört dazu, das ist Teil der Routine.
  • Wochenende? Feiertage? Urlaub? Was soll das sein?
  • Da ist dieses ganz spezielle Thema mit den Abgabeterminen: Sie sind manchmal weit weg und man ignoriert sie als Autor. Man steht drüber. Schließlich ist man Künstler, den gefälligst die Muse zu packen hat, damit er das neueste Meisterwerk vollbringen kann.
    Wenn dieser Abgabetermin bedrohlich näher rückt, dann wird die Muse schon mal zum Erscheinen gezwungen, und wenn der Abgabetermin überzogen ist, regiert die Panik. Eine Muse hat da nix mehr verloren, die stört nur noch.
  • Der Autor ist nie zufrieden. Seine Arbeit ist niemals so, wie sie sein sollte. Das tut er auch seiner Umgebung kund. Ausgiebiges Jammern ist Teil des Berufsbilds. Er liebt es, andere Leute zu nerven.
  • Die Welt hat gefälligst Rücksicht auf den Autor zu nehmen. Schließlich dreht sie sich ausschließlich um ihn. Er hegt den Verdacht, daß die Welt nur da ist, weil er da ist und sie sich geschaffen hat.
  • Er weiß, daß es einen wie auch immer gearteten Zusammenhang zwischen Zeitaufwand und Geldnot gibt, versteht ihn aber nicht so richtig.
  • Familienleben? Ja, das mag es geben. Aber es ist ständig belastet und erfordert einen Partner mit schwer masochistischen Charakterzügen.
  • Gesundheit und soziale Kontakte? Darum kümmert sich Autor, sobald er das aktuelle Projekt abgeschlossen hat. Oder vielleicht nach Beendigung des übernächsten.
  • Autor verzweifelt gerne mal an dem Gedanken, daß er in seinen Büchern über das pralle Leben erzählen soll – in Wirklichkeit aber die meiste Zeit seines Lebens vor einem verdammten Bildschirm verbringt und allmählich an seinem Sessel festwächst.
  • Die Angst, sie ist immer da. Die Angst, nichts mehr zustande zu bringen und auszubrennen. Die Angst, den Anforderungen an sich selbst nicht zu entsprechen. Die Angst, es finanziell am Ende des Monats nicht zu schaffen.
    Es gibt übrigens Statistiken, die zeigen, daß im Bereich der Kreativberufe der Autor am stärksten suizidgefährdet ist.

Diese Liste kann problemlos erweitert und ergänzt werden. Auch treffen nicht alle Punkte auf jeden einzelnen Autor zu. Aber das Grundproblem ist stets dasselbe: Wir sind fürchterlich kompliziert und belasten unsere Umgebung.
Leider leben und lieben wir unsere Arbeit. So sehr, daß wir uns gar nicht vorstellen können, jemals wieder was anderes zu tun.

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7 thoughts on “Autorendasein – eine Klagschrift

  1. Ich bin ja nur eine Schreiberich und kein Autor im obigen Sinne, also kann ich zu den Punkten, die das liebe Geld betreffen nicht wirklich was sagen, außer dass es sehr lästig ist, es sich auf andere Art verdienen zu müssen, weil man die Zeit viel lieber mit Schreiben verbringen würde.
    Aber ich habe die Lösung für Punkt 7 (Familienleben): Man heirate eine Schreiberin oder einen Schreiberich. Zu zweit jammert es sich viel besser und die/ der andere versteht einen sogar 🙂

  2. Das ist eine ausgezeichnete Zusammenfassung des Autorenelends, deckt sich weitgehend mit meinen Erfahrungen.
    Nur das mit dem masochistischen Partner … am Schreiben zu leiden, das tun auch die eher selten. Die Spielart des Masochismus scheint mir eher wenig verbreitet. 😉

    Glaubst du, solch eine Klagschrift hilft der Umgebung, den Autor zu verstehen und zu nehmen, wie er ist? Weil dann … 😉

  3. Ich leite diese Aufzählung, in der ich mich selbst als „Hobbyautor“ viel zu gut wiederfinde, mal ein paar Freunden weiter. Über Reaktionen werde ich berichten.
    Jetzt schreib ich aber erstmal weiter, in weniger als zwei Wochen ist Abgabetermin … obwohl … ist ja noch lange hin eigentlich…

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