Was beim Schreibcamp so geschieht …

DSCN6631Um anschaulich zu machen, worum es bei einem Schreibcamp denn eigentlich geht, möchte ich mal eine der Übungen beispielhaft erklären – und euch die Ergebnisse zeigen.

Ich setzte meine Schüler beim Frühjahrs-Schreibcamp 2016 immer wieder neuen Reizen aus und zwang ihr Denken in ungewöhnliche Bahnen. Da das überspannende Thema Action-Szenen hieß, ging es viel um Spannungsaufbau, ums Dialogisieren, um das Handhaben von Handlungsbögen, um das Auflösen einzelner Szenen.

Ich hatte für die Übung ein recht schwieriges Setting vorgegeben, und zwar:

Das Simulans …

 … ist ein Raum, ein Gebilde, eine Sphäre, in dem Wesen zusammenfinden, um ihrem herkömmlichen Leben zu entkommen. Das Simulans mag ein virtueller Raum sein oder eine Art „Tauschbörse“, durch die man mit anonymisierten Virtual Reality-Brillen wandert, um sich mit Gleichgesinnten auszutauschen.

Charaktakus Berlin ist ein „Verirrter“. Er weiß nicht mehr, wie er ins Simulans geraten ist, er hat sich darin verloren. Sein Augenbereich ist nahezu ausgebrannt, er sieht nur noch dank „verschärfter“ VR-Brillen ausreichend gut. Er weiß, daß er nicht mehr lange zu leben hat, denn dieser „Augenbrand“ brennt sich immer tiefer in seinen Verstand. Irgendwann einmal wird er leer sein und sterben. Er muß rasch einen Ausweg aus dem Simulans finden, will er gerettet werden; doch als Verirrter wird er verfolgt. Er ist ein Störfaktor in diesem Geflecht virtueller Daseinsformen und soll eliminiert werden. Gejagt wird er von einem Eradikator, einem Kerl namens Kott. Dieser stellt ihn.

Die beiden begegnen sich in einem „Ruheraum“, einer neutralen Zone inmitten des Simulans, in dem die Anmutung beinahe völliger Dunkelheit gegeben ist. Nur die Hände und die Gesichter sind zu erkennen, sie sind ausgeleuchtet. Berlin und Kott sitzen sich gegenüber. Es beginnt eine Unterhaltung über Sinn und Wert dieser Verfolgung. Sie wissen beide: Nach Beendigung dieser Unterhaltung verlassen sie den Ruheraum und werden wieder zu erbitterten Feinden. Es ist dies ein Moment des Atemholens, in dem Berlin seine Chancen auszuloten versucht, in dem jeder seine Vorteile sucht, in dem sich die beiden abtasten, in dem Berlin nach Schwächen sucht.

Aufgabe war, diese Szene in möglichst prägnanten Dialogen einzufangen. Hier sind nun drei der Ergebnisse. Sie zeigen anschaulich, wie unterschiedlich und wie qualitativ hochwertig die Lösungen meiner Schreibschüler sind.
Sie sind innerhalb eines Zeitlimits von neunzig Minuten entstanden. Nachbearbeitet wurde, abgesehen von einigen Schreib- und Tippfehlern, nichts mehr.

 

Lösung 1:

Berlin glitt aus der Lebendigkeit des Simulans. Alles um ihn herum verschwand. Eine Blase aus Dunkelheit umfing ihn. Als er unter seinem Gewicht eine Sitzfläche verspürte, entspannte er sich.

Leuchtfelder schälten Gesicht und Hände des Eradikators aus der Schwärze. Kott saß auf Augenhöhe, verzog die dünnen Linien seiner Lippen zu einem Lächeln, das die Iriden nicht erreichte, die Fingerspitzen vor sich auf der Tischplatte aneinandergelegt.

»Charaktatus Berlin, du weißt, du bist verloren. Du kannst es uns einfach machen. Beenden wir es.«

»Ich soll mich opfern?«

Wie sein Gegenüber auch legte Berlin seine Hände offen auf den Tisch. Er streifte die Handschuhe ab. Mit der linken Hand fasste er an den Brillenbügel. Er zog die VR-Vorrichtung von seinem Gesicht. Das Austreten aus dem Simulans erfüllte ihn mit Erleichterung und einem zupfenden Schmerz zugleich. Er fühlte sich nackt vor dem Eradikator.

Kott atmete geräuschvoll aus, unfähig seine Überraschung zu überspielen. »Augenbrand.«

»Ich bin hier, um zu verhandeln.« Berlin legte die Fingerspitzen an die Stirn. Als könnte er die Blöße seiner zerfressenen Augenhöhlen so verdecken.

»Du lügst, Charaktatus Berlin.«

»Ich bin hier, um zu verhandeln.«

»Du schindest Zeit.«

»Dann sag mir, warum du hier bist.«

Das Zögern in Kotts Stimme verriet seine Irritation. »Das weißt du ganz genau. Das Simulans ist harmonisch. Aber du bist der Störfaktor im Geflecht. Du hast die Harmonie gebrochen.«

»Du sollst mich eliminieren.«

Kott ließ das Wort zwischen ihnen im Raum stehen. »Ich nehme an, dein Egoismus bleibt aufrecht. Du weigerst dich gegen eine Eradikation.«

»Und die wäre selbstlos?«

»Bis zu dem Moment, als du eine Disharmonie erzeugt hast, hat es im Geflecht kein einziges Selbst gegeben. Du bist eine Bazille. Du bringst Krankheit. Du zerstörst das Simulans.«

»Lüge«, strafte Berlin den Eradikator mit seinen eigenen Worten.

»Zerstörer!«

»Unwahr. Ich bin die Korrektur. Ich bin der Beweis für deine Lüge.«

Ruhig setzte Berlin die Handflächen auf die glatte Oberfläche der Tischplatte, stützte sich auf und erhob sich. Er tastete nach der VR-Brille und schloss die Finger darum. Noch war die Verschärfung der Brille ausreichend. Noch bestand die Möglichkeit. Kott hatte Recht. Mehr Zeit konnte Berlin nicht für sich rausholen. Ihm war jetzt klar, was er wissen musste, um die Entscheidung zu treffen. Kotts Worte hatten es bestätigt.

Das Simulans war infiziert und Berlin der Auslöser. Fand er einen Ausweg, dann war er gerettet. Oder das, was von ihm übrig war. Schaffte er es hingegen, im Simulans weiter zu existieren, würde hier nichts so bleiben, wie es war. Die Subversion schritt voran.

Berlin schob den Sessel beiseite, trat zurück.

»Fangen wir an.«

Lösung 2:

Du bist ein Verirrter, ein Nichts. Das Simulans frisst euch alle. Die Bösen und die Guten. Berlin, dein Leben neigt sich dem Ende zu. Der Augenbrand zerstört nicht nur deinen Körper. Er zersetzt deinen Verstand. Lockt die Urinstinkte. Schmerzen, immerwährende Qualen überschwemmen dich. Deine Augen sind schwarze Löcher. Deine Finger tasten ins Leere, bis sie die Nerven berühren. Dein Gehirn, ein Meer aus Leid, unerträgliche Pein. Du schreist dein Elend in die Welt hinaus. Du schreist, schreist, schreist, bis dir die Stimme versagt.

Der Augenbrand trägt schuld, dass du die Orientierung verloren hast. Zunächst ein schwelendes Feuer, ein Glimmen, wie eine zarte Berührung. Doch die liebkosenden Finger fahren ihre Krallen aus, zerfetzen deine Augäpfel, dein Verstand explodiert. Das Licht der Welt erlöscht für immer. Du tastest dich voran, durchschreitest das Tor. Das Simulans erwartet dich.

Du bist ein Fremder, ein Eindringling, deine Blindheit öffnete dir den Weg in die Simulans. Das Simulans ist selbst für die Sehenden ein unheimlicher Ort. Auf Menschen wie dich wartet Kott, der Eradikator. Kott ist ein Jäger. Seine Welt ist das Simulans. Er kennt nichts anderes. Was den Frieden stört, will er eliminieren.

Berlin, du hast nur ein Ziel, das Simulans zu verlassen. Du willst in deiner Welt sterben. Kott stellt dich, fordert dich zum Kampf heraus, ein ungleiches Duell. Der Blinde gegen den Berserker. Das Simulans greift ein. Es schickt euch in die Sphäre, einen Ort jenseits von Raum und Zeit. Hier haben alle die gleichen Voraussetzungen. Der Krieg wird mit Worten geführt, mit der Macht des Geistes. Worte sind bisweilen schärfer als ein Schwert …

Berlin tauchte in die Simulans. Eiseskälte streckte ihre Finger nach ihm aus. Er materialisierte in der Sphäre, begleitet mit einem Gefühl des Verlustes, als hätte die Simulans einen Splitter seiner Seele verschlungen.

Berlin öffnete die Augen. Er konnte wieder sehen. Es war kein Wunder. Das Simulans schaffte die gleichen Bedingungen für die Duellanten. Seine Schmerzen erloschen. Ja, er konnte wieder sehen. Er sah Dunkelheit. Aus der Schwärze schälte sich ein Kopf heraus. Er erkannte Kott. Er wusste, dass er Kott gegenüberstand, obgleich er ihn noch nie zuvor gesehen hatte. Kotts Kopf, riesige Augen, wie schwarze Seen, ein breites Maul, Nüstern, aus denen Rauchwolken drangen. Um den Kopf schwebten Hände, Kotts Hände, wie eigenständige Wesen.

Berlin bot den gleichen Anblick für seinen Gegner. Ein Wesen aus drei Teilen, zwei Hände und ein Kopf.

„Ich werde dich töten“, erklang Kotts gutturale Stimme.

„Ich bin bereits tot“, sagte Berlin. „Der Augenbrand zerreißt mich.“

„Der Augenbrand ist ein harmloser Husten, im Vergleich mit dem, das ich dir antun werde.“

„Ich weiß, dass ich keine Chance habe. Am Ende wartet der Tod auf mich.“

„Also lass uns dieses Schauspiel beenden.“

„Kott, ich bedauere dich.“

„Du … bedauerst … mich?“

„Ja, im Grunde bist du eine arme Seele. Ein Wanderer durch das Simulans. Du wirst nie in deinem Leben etwas anderes sehen. Die Welt außerhalb bleibt dir für immer verschlossen. Deine Existenz reduziert sich auf die Jagd nach den Verirrten, die es ins Simulans verschlägt. Ja, ich bedaure dich.“

„Ist die Welt dort draußen denn ein erstrebenswertes Ziel?“

„Meine Welt ist das Leben. Du vegetierst nur dahin. Du bist ein Jäger, ein Mörder. Hast du jemals jemanden geliebt.“

„Liebe ist ein Gefühl der Schwachen. Ich kenne keine Gnade für die ungebetenen Gäste im Simulans. Du willst mich mürbe machen. Lass uns kämpfen, die Sphäre verlassen.“

„Und wenn ich hier bleibe, in der Sphäre. Warum sollte ich wieder gehen. Hier spüre ich den Augenbrand nicht mehr. Ich sehe. Ich könnte leben.“

„Die Entscheidung liegt nicht bei dir.“

„Aber auch nicht bei dir. Alle Macht liegt beim Simulans.“

„Du bist ein elender Feigling.“

„Lieber feige und leben, als mutig und tot.“

 

Lösung 3:

»Du weißt, wer ich bin?«

»Du bist ein Eradikator.«

»Kott.«

»Kott … ich habe von dir gehört.«

»Und ich habe lange gebraucht, dich zu finden, Berlin.«

»Berlin. So hat mich schon lange niemand mehr genannt. Weißt du, dass es einmal ein Stadt gab, die diesen Namen trug?«

»Städte interessieren mich nicht.«

»Das kann ich mir denken, Kott. Schließlich bist du freiwillig hier.«

»Ich bin hier wegen dir, Verirrter.«

»Verirrter, verwirrter, verloren, geschoren, geschunden, gefunden …«

»Hör auf damit!«

(leises Gelächter)

»Bist du nicht auch ein Verirrter, Kott?«

»Ich bin ein Eradikator.«

»Das bedeutet dir viel, nicht wahr?«

»Gib’ dir keine Mühe, Berlin. Deine Spielchen ziehen bei mir nicht.«

»Meine Spielchen sind alles, was ich habe, Kott. Weißt du, dass ich dich kaum erkennen kann? Meine Welt besteht aus Licht und Schatten, aus Stimmen und Gedanken. Nicht immer kann ich sie unterscheiden.«

»Deshalb gibt es mich, Verirrter. Ich mache den Unterschied.«

»Woraus besteht deine Welt, Kott?«

»Meine Welt?«

»Du kommst doch von draußen, ist es nicht so? Bäume und Kinder, Wände und Licht und dieses Rauschen … von Wind. Gibt es das noch? Oder sind es nur Träume?«

»Nur Träume, Verirrter. Es sind nur Träume.«

»Du spielst auch deine Spielchen, Kott. Wer weiß, wie sehr wir uns wirklich unterscheiden.«

»Wir unterscheiden uns sehr, Verirrter. Ich werde leben und du wirst sterben.«

»Wenn du meinst, dass dies ein Unterschied ist? Ich bin mir da längst nicht mehr sicher.«

»Du bist ein Verirrter.«

»Wirst du mir eine weitere Frage beantworten, Kott?«

»Vielleicht.«

»Wie sehe ich aus? Ich kann mich nicht mehr sehen, habe vergessen, wie ich war.«

»Willst du das wirklich wissen, Verirrter?«

»Ja.«

»Du siehst gut aus.«

»Hör auf, mich anzulügen, Kott!«

»Dann hör du auf, vor mir wegzulaufen, Verirrter.«

»Läuft der Schatten vor dem Licht fort? Du bist das Einzige, was mir Sinn gibt, Kott.«

»Ich lösche den Schatten.«

(leises Gelächter)

»Kaum. Wir sind Teile des gleichen Traumes. Alle die Anderen, die dort draußen sind. Sie alle sind zwischen uns. Wir sind wie ihre Wände. Du bist der Beginn und ich bin das Ende. Du bist das Lied und ich bin die Pause. Du bist die Hoffnung und ich bin die Angst …«

»Hör auf damit! Ich habe es dir gesagt!«

»Wir könnten es lassen, Eradikator Kott.«

»Es lassen?«

»Du hast mich gefunden und ich habe dich erwartet. An diesem Punkt mussten wir uns treffen. Ab nun ist es unsere Geschichte und wir können sie fortschreiben, wie wir wollen. Wir beide sind die eigentlichen Herren in diesem Reich.«

»Nein. Ich bin der Eradikator.«

»Ich weiß. Du hast recht. So muss es wohl sein, Kott.«

»Ja, so muss es sein.«

»Lass uns gehen, Kott.«

»Ja, lass uns gehen.«

 

 

 

 

 

 

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2 thoughts on “Was beim Schreibcamp so geschieht …

  1. Die ersten beiden Schreibproben gefallen mir gut…hier sind Handslungsambiente, Szenerie und die Dialoge bzw. psychischen und physischen situationen der gegenüberstellung gut dargestellt…in der dritten Probe, finde ich, ist zuviel Dialog, fast ausschließlich…und der Autor/in scheint den Text nicht so ganz ernst zu nehmen…überzeugt (mich) hier eher nicht…
    …aber zum Glück nehme ich auch nicht alles ernst…denn ich komme aus Berlin…und habe Augenprobleme…aber man muss sich ja nicht jeden schuh anziehen…
    …gut angenommenes Erzählambiente Deiner Problemstellung, gefällt mir.
    Schade, dass ich nicht bei Deinem Schreibcamp sein konnte, zuviel berufliche Verpflichtungen…und zu weit südlich…wünsche viel Spaß für die nächsten Perryhefte, auch im Arkon…Grüße Aarn aus Berlin

    • Ich bin nicht Deiner Meinung, was den dritten Text betrifft. Der Autor hat sich bewußt auf den Dialog konzentriert und es sich damit – ebenso bewußt – schwerer als die anderen Teilnehmern gemacht. Es ist verdammt mühsam, ausschließlich mit Gesprächsteilen die Handlung voranzutreiben und gleichzeitig Stimmung zu machen. Das gelingt dem Autor hier hervorragend.
      Bedenke immer: Diese Übungen passieren unter Zeitdruck. Was Du hier siehst, sind erste Entwürfe. Rohtexte. Das, was impulsiv zu „Papier“ gebracht wurde.
      Schöne Grüße nach Berlin, Michael

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