Interview mit … Ben Calvin Hary

MGL0194-Kopie-259x300Mit Band 3 der Miniserie PERRY RHODAN ARKON, „Die Kristallzwillinge“, debütiert Ben Calvin Hary als Autor im Perryversum. Anlass genug für mich, Ben einige Fragen zu stellen.

 

F: Ben, wie hat denn alles bei dir begonnen mit der Schriftstellerei? Du arbeitest seit geraumer Zeit als Online-Redakteur für die Saarbrücker Zeitung und warst auch davor schon journalistisch tätig. Nebenbei erledigst du redaktionelle Arbeit und Lektorat bei der SOL, dem Magazin der PERRY RHODAN-FanZentrale. Gab es denn einen Moment, den du benennen könntest, wo du dir gedacht hast: Ich möchte Autor werden?

A: Die Frage ist ein bisschen falsch gestellt. Man sucht sich seine Berufung ja nicht aus. Wenn man Glück hat, findet sie einen. In meinem Fall passierte das glücklicherweise sehr früh, so mit acht oder neun. Das war ein wenig wie bei Grisu dem Drachen: Ich wusste von Anfang an, worin ich gut war und was mir Spaß machte. Und, dass ich etwas davon später mal beruflich machen wollte: Schreiben, Musik oder Malerei. Am besten aber alles auf einmal. Auch heute noch stehen diese Leidenschaften für mich gleichwertig nebeneinander.

Also habe ich lange versucht, Allrounder zu sein. Beruflich hat mir das immer genützt, aber künstlerisch hat es mich nicht weit gebracht. Dass man sich als ausgesprochener Eklektiker auf eines seiner Talente konzentrieren muss, um es darin zur Meisterschaft zu bringen, lernte ich dann erst vergleichsweise spät. Aber zur Kunst gehört immer auch ein Handwerk, das der Künstler lernen und beherrschen muss. Ohne die dafür nötige Hingabe, Zeit und Konzentration wird die Kunst immer ein ambitioniertes Hobby bleiben.

Ich entschied mich also für die Schriftstellerei. Der Rest waren Schweiß, Blut und Tränen. Danach hat es etwa sieben Jahre gedauert, bis erstmals einer meiner Texte veröffentlicht wurde. Das war 2014.

F: Ein markanter Punkt in deiner Entwicklung war mit Sicherheit »Mein Freund Perry«. Das ist ein Roman, den du für die PERRY RHODAN-Fan-Edition verfasst hast. Dein Held ist ein kleiner, sterbenskranker Junge, der PERRY RHODAN liest. Du vermengst dabei sehr geschickt Realität und Fiktion. Das ist etwas, was ich so bei PERRY noch nicht gelesen habe. Wie ist die Geschichte denn bei den Lesern angekommen?

A: Soweit ich das mitbekommen habe waren die Meinungen überwiegend positiv. Schlechte Kritiken habe ich zumindest keine gelesen. Wobei ich glaube, dass Klaus N. Fricks ausdrückliche Empfehlung des Romans viel zu seiner Rezeption beigetragen hat. Das empfand ich fast schon als Ritterschlag. Wie Rüdiger Schäfer mir im Nachklatsch versicherte: »Lob von Klaus ist selten«, und ich könne mir etwas drauf einbilden.

Viele gaben übrigens nach den ersten Rezensionen offen zu, sie wollten den Roman lieber nicht lesen, denn sie hätten geradezu Angst davor, was der Text mit ihnen anstellt. Das hat mich zuerst überrascht. Aber ich muss zugeben: Der Schluss treibt selbst mir beim Lesen die Tränen in die Augen. Allerdings bin ich auch nah am Wasser gebaut.

F: Du hast in Folge einige Geschichten zur »Dorgon«-Serie beigetragen (eine Fan-Serie, die im Perryversum angesiedelt ist); auf den Weg zum ersten Profi-Manuskript hat dir dann aber Marc A. Herren geholfen, wenn ich mich nicht irre. Wie ist das zustande gekommen?

A: Erfolg hat immer viele Väter, auch der Erfolg eines Einzelnen. Marc war in meinem Fall ganz bestimmt einer davon, aber auch Christian Montillon, der mich in Garching im September 2015 gemeinsam mit Sabine Kropp quasi rekrutiert hat. Beide, Marc und Christian, haben mich dann so ein bisschen adoptiert, zumindest empfand ich es so. Was ein schönes Gefühl war. Ohne dieses Familiäre wäre der Text sicherlich ein anderer geworden. Bei Christian kam hinzu, dass wir nur etwa zwanzig Minuten voneinander entfernt wohnen, so dass wir uns auch zwischendrin einfach mal treffen und quatschen konnten – das war super hilfreich.

Die meiste Arbeit aber hat vermutlich Klaus Frick in mich investiert. Die professionelle Hingabe und Konstruktivität, mit der er meinen Text immer wieder gegengelesen und verbessert hat und mir ständig neue Punkte gezeigt hat, bei denen ich mich weiterentwickeln konnte, war etwas, das ich bislang so nicht kannte.

51sKPvhOOTLF: Lass uns nun über PERRY RHODAN-Arkon Nummer 3 sprechen, über »Die Kristallzwillinge«. Beim Durchlesen ist mir aufgefallen, dass du viel Wert auf Atmosphäre legst – und auf Beschreibungen technischer Abläufe. So, dass du dem Leser das Gefühl vermittelst, er sitze tatsächlich in einer durchtechnisierten Sphäre, die ein Raumschiff nun mal ist. Ist dir das leicht gefallen, ist das dein persönlicher Zugang gewesen bei der Umsetzung des Expos?

F: Teils, teils. Marc A. Herren hat mir sehr viel Freiheiten in meinem ersten Exposé gelassen, was Segen und Fluch zugleich war. Einerseits konnte ich mich auf meiner Neben-Handlungsebene austoben. Ich durfte für einen meiner Protagonisten ein neues, technisches Spielzeug erfinden, das es so im Perryversum zuvor nicht gegeben hatte. Das floss mir alles sehr schnell und flüssig aus den Fingern.

Bei der eigentlichen PERRY-Technik war’s dann das krasse Gegenteil. Ich musste sehr schnell feststellen, dass die technischen Abläufe bei PERRY RHODAN mit Abstand das Schwierigste waren, was ich je schreiben durfte. Ich bin ein sehr visueller Mensch und ich schreibe oft so, wie meine Sehgewohnheiten das von mir verlangen. Häufig verführt einen das dazu, Raumschlachten zu beschreiben, wie man sie vom Fernsehbildschirm her kennt. Aber das ist dann kein PERRY.

Dazu kommt, dass der Technik-Kanon in sich stellenweise inkonsistenter ist, als man es als Fan wahrhaben möchte. Raumschlachten widerspruchsfrei zu schildern ist auch von daher eine extrem schwierige Angelegenheit. Das kostet Zeit. Von vier Stunden verbringt man mitunter drei in der Perrypedia und sucht etwa nach dem Hyperfrequenzbereich von HÜ-Schirmen oder dem Schmelzpunkt von Panzertroplon.

Aber mein Zugang zur Handlung war die Technik nicht. Ich glaube nicht, dass Storytelling so funktioniert. Ich versuche lieber, Geschichten zu erzählen, in denen ich meine Figuren menschlich nahbar und ihre Konflikte nachvollziehbar gestalte.

 

F: Die Anforderungen an ein Profi-Manuskript sind hoch. Bei PERRY RHODAN gibt es einige Verlagsmitarbeiter, die sich um einen Text kümmern, bevor er für den Druck freigegeben wird. Wie fühlte sich dieses »Mehr« an Aufwand denn an?

A: Das war schon eine enorme Umstellung. Zunächst mal ist man es nicht gewöhnt, dass so viele Menschen mit so vielen unterschiedlichen Meinungen deinen unfertigen Text in die Mangel nehmen. Die haben ja alle ein Interesse daran, dass dein Roman gut wird. Sie sind mitunter schonungslos ehrlich, wenn sie finden, dass dem nicht so ist. Wer sich das zu Herzen oder gar persönlich nimmt, hat den Beruf verfehlt. Der wäre vielleicht am Fließband bei ZF glücklicher denn als Autor. Da braucht’s professionellen Abstand zur eigenen Arbeit.

Zum Glück bin ich aus meiner Radiozeit diese Form der Feedbackkultur gewöhnt. Du moderierst keine Radiosendung bei einem öffentlich-rechtlichen Sender, ohne dass man dich im Anschluss auseinander nimmt. Das nennt sich »Aircheck« und ist so eine Mischung aus Kritik, Inquisition und ritueller Demütigung. Heftroman-Redaktion und -Lektorat sind im Endeffekt nicht wirklich weit davon entfernt. Aber das kann einen als Kreativen nur voranbringen.

F: Du hast zwei sehr interessante Charaktere in die Handlung eingeführt, die titelgebenden Kristallzwillinge. Konntest du viele eigene Ideen in die Gestaltung der beiden Figuren einarbeiten?

A: Da war ich relativ eng ans Datenblatt gebunden. Zumal ich die späteren Exposés beim Schreiben meines Romans noch nicht kannte und daher nicht wusste, welches »Erbe« ich meinen Mitautoren hinterlassen durfte. Also hielt ich mich ziemlich klar an Marcs Vorgaben. Wobei einer der beiden Brüder in Band Zwei schon kurz auftaucht.

Ich habe mich per Mail mit Susan Schwartz abgesprochen, damit sich unsere Charakterisierungen der Figur nicht zu sehr voneinander unterschieden. Das war übrigens das spannendste Novum für mich – das Stricken meines Textes in Abhängigkeit von der noch im Entstehen begriffenen Arbeit anderer Autoren. Schreiben ist normalerweise ein recht einsames Handwerk, hier aber ist es Teamarbeit. Das hat sehr viel Spaß gemacht.

F: Perry Rhodan ist wohl eine der schwierigsten Figuren überhaupt – und Gucky ist auch nicht viel leichter zu beschreiben. Wie bist du mit den beiden zurechtgekommen?

A: Beide sind sauschwer zu schreiben. Vor allem aber Perry. Es ist überraschend, wie wenig die Hauptfigur der größten Science-Fiction-Serie der Welt trotz über fünfzigjähriger Geschichte ausdefiniert ist. Ich könnte dir aus dem Stand zehn Charaktereigenschaften für jeden Unsterblichen nennen. Aber Perry?

Die Figur hat sich im Laufe der Serie ja auch völlig verändert. In den ersten zehn Jahren war er, mit heutigen Augen betrachtet, ein launischer Machtmensch mit trockenem Humor und, je nach Autor, mitunter divenhaften Allüren. Diese Aspekte sind in den modernen Romanen nicht mehr vorhanden. Nun haben wir einen Gutmensch im besten und positivsten Sinne, der kompromisslose Tatendrang der frühen Jahre ist gelegentlichem Zaudern gewichen.

Den, wie ich finde, richtigen Zugang zur Figur hat Klaus N. Frick für mich schön auf den Punkt gebracht: Als »Tatmensch mit Herz und Verstand«. Das ist durchaus eine Vorgabe, mit der man arbeiten kann.

Dir als erfahrenem RHODAN-Autor muss ich auch nicht sagen, was für ein Problem Gucky unter Storytelling-Aspekten darstellt. Der Mausbiber ist ein wandelndes Plothole. Wie will man Spannung aufbauen mit so einer Figur an Bord? Was bringt es, den Helden in ein brennendes Raumschiff oder in eine blockierte Luftschleuse zu stecken, wenn Captain Supermaus jede Bedrohungssituation in Nullzeit auflösen kann? Als Autor sucht man permanent nach Ausreden, warum Zauberkraft X ausgerechnet dann nicht funktioniert, wenn der Einsatz wirklich Sinn manchen würde. Das klingt banal, aber man darf das nicht unterschätzen. So etwas raubt einem beim Schreiben echt unnötig Zeit.

Nachdem das gesagt wäre: Ich liebe Gucky über alles. Als Leser. Als Autor kann ich mit unserem Kollegen Robert Corvus mitfühlen, der zu PERRY RHODAN-Stardust-Zeiten die, Zitat, »Weltraumratte«, am liebsten in die ewigen Jagdgründe geschrieben hätte. So wundervoll die Figur auch für den Leser ist, den Autoren hat Clark Darlton seinerzeit einen echten Bärendienst erwiesen.

F: Du sagst ganz offen, dass die Profi-Schriftstellerei dein Ziel ist. Gibt es bereits Pläne, Angebote, Visionen, was deine Zukunft betrifft?

A: Pläne: ja. Visionen noch sehr viel mehr. Aber natürlich muss ich abwarten, was sich aus meiner Arkon-Mitarbeit an Angeboten konkret ergibt. Der Wunschtraum wäre natürlich, weiter und noch viel mehr PERRY RHODAN schreiben zu dürfen. Diese Entscheidung treffe jedoch nicht ich. Und es gibt außerdem viele Serien, an denen ich mindestens eben so gerne mitschreiben würde. Offen bin ich für buchstäblich alles.

Und dann gibt es eine Reihe eigener Projekte, die ich gern vorantreiben möchte. Einer meiner Langromane liegt zur Zeit beim Lektor und wird, wenn nichts dazwischen kommt, im Herbst oder Winter 2016 unter dem Titel »Koshkin und die Kosmos-Kommunisten« in einem kleinen aber feinen Genreverlag erscheinen.

Ein anderes Projekt hat den Arbeitstitel »Ein Zimmer auf dem Mars«. Ich überlege gerade, das vielleicht als kickstarterfinanziertes Selfpublishing-Projekt zu veröffentlichen. Da käme dann jeden Monat ein Kapitel als E-Book, also ein Fortsetzungsroman in Gestalt einer Kurzgeschichtenreihe. Aber ich bin mir noch nicht sicher. Das wird ein Roman mit einem starken, aktuellen gesellschaftlichen Bezug, für den ich sicher auch einen Verlag finden kann.

 

Die Bilder sind Copyright VPM bzw. Ben Calvin Hary.

 

 

 

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One thought on “Interview mit … Ben Calvin Hary

  1. Sehr interessantes Interview!
    Ich werde die Mini-Serie aus Zeitgründen erst lesen, wenn alle Romane veröffentlicht wurden. Freue mich aber jetzt schon sehr drauf. Zunächst müssen aber einige Perry Rhodan-Hefte noch nachgelesen werden.
    Wie soll man diesen Lesestoff als (noch) Berufstätiger eigentlich zeitnah schaffen?
    Aber ich bin ja zum Glück ein Zeitreisender 🙂
    Galaktische Grüße!

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