Interview mit … Christian Wehrschütz

DSCN6275Christian Wehrschütz wurde 1961 geboren und kommt ursprünglich aus Graz. Nach dem Studium sammelte er erste journalistische Erfahrungen im Print-Bereich und begann, seinen Sprachschatz zu erweitern. Seit 1991 ist er beim ORF tätig. Anfänglich beim Teletext und beim Hörfunk, ab 1999 als Korrespondent fürs Fernsehen, insbesondere für den Balkan-Raum und die Ukraine.
Christian spricht Englisch, Russisch, Serbisch, Ukrainisch, Französisch, Slowenisch, Mazedonisch und Albanisch. Er ist verheiratet und hat zwei Töchter.
Und er ist PERRY RHODAN-Leser …

F: Christian, woher kommen das Herz und die Liebe für den Balkan, für seine Volks- und Sprachenvielfalt?

A: Ursprünglich wollte ich als Korrespondent nach Russland, mir wurde 1999 dann allerdings der Balkan angeboten. Und ich dachte mir, ganz nach Plutarch: lieber der Erste hier als der Zweite in Rom. Und so kam ich nach Belgrad, um das verwaiste ORF-Büro neu aufzubauen. Und ich unterhielt dort fünfzehn Jahre lang eine eigene Wohnung.

F: Du hast von Belgrad aus den ganzen Balkan »beackert«, bist von dort aus in Krisengebiete gereist und hast deine Berichte direkt vor Ort produziert. Wie groß waren deine jeweiligen Teams, wie kann man sich deine Arbeit vorstellen?

A: Wir sind immer zu dritt unterwegs. Ein Kameramann, ein lokaler und ortskundiger Fahrer und ich. Wir bereiten uns mehr oder weniger mit militärischer Präzision auf die Arbeit vor, das hat sich bewährt.
Wir haben einen Zeitplan, den wir so gut wie möglich einhalten, so, dass immer jedermann weiß, wann wir wo sind und was zu tun ist. Abfahrt, Kontrollen in Krisengebieten, Ankunft vor Ort, Zeit für Interviews und ausreichend Zeit für die Rückreise – das alles wird im Voraus geplant. Wichtig ist übrigens auch immer, dass die Datenübertragung funktioniert und wir die gefilmten/gesprochenen Beiträge rechtzeitig wegschicken können. Meist gehen die Berichte ja noch am selben Abend auf Sendung.

F: Wie sieht es mit der Gefahr in Krisengebieten aus? Wie gehst du damit um?

A: Ich trage ja die Verantwortung für drei Leute und möchte bestmöglich vorbereitet sein. Dementsprechend bereiten wir uns vor. Es gibt selbstverständlich Verhaltensmaßregeln für Journalisten, und an die halten wir uns. Aber es gibt nicht für jede Situation eine Antwort aus Lehrbüchern.

F: War es wirklich schon mal brenzlig?

A: Es gibt im Prinzip drei große Gefahrenherde. Erstens sind da die Minen. Es gibt zum Beispiel in Bosnien-Herzegowina noch ein Gebiet in der Größe von 1400 Quadratkilometern, das mit Minen verseucht ist. Zum Zweiten sind da die Scharfschützen. Zum Dritten ist es der Artilleriebeschuss. Auch hier gilt, dass wir uns bestmöglich vorbereiten. Über Minenfelder wissen vor allem die Einheimischen Bescheid. Bei Scharfschützen … (Anm: Christian zuckt mit der Schulter). Und bei Artilleriebeschuss fällt kurz vor Beginn stets das Handynetz aus. Dann sucht man sich eben einen sicheren Unterstand.
In Donezk in der Ukraine trugen wir während der heißen Phase selbstverständlich Splitterschutzwesten. Doch die helfen nicht gegen Scharfschützen und Artilleriebeschuss. Daher ist man in gewisser Weise in Gottes Hand. Oder sollte ich als PERRY RHODAN-Leser sagen: in der Hand der Mächte hinter den Materiequellen?

F: Du bringst uns als Balkan-Korrespondent Gegenden näher, die uns Österreichern historisch und geographisch gesehen nahe sind – und dennoch ziemlich fremd. Für mich persönlich hat es ziemlich lang gedauert, den eisernen Vorhang in meinem Kopf wegzubekommen und auch nur in Erwägung zu ziehen, Länder des ehemaligen Ostblocks zu besuchen. Siehst du das eigentlich auch als journalistische Aufgabe, das Verständnis, das Aufeinander-Zugehen zu fördern?

A: Ja. Ich versuche stets, die Situation so zu beschreiben, wie sie ist, und ein Verständnis für die Verhältnisse zu schaffen. Westliche Journalisten leiden oftmals an Blindheit, weil sie die Mängel des eigenen Staates oder Volkes nicht sehen. Wir sollten ein wenig Distanz zum eigenen Staat einnehmen, um Vergleiche so objektiv wie möglich ziehen zu können.
Wenn in einer Kleinstadt an der makedonisch/bulgarischen Grenze mit 15.000 Einwohnern binnen weniger Tage mehr als doppelt so viele Flüchtlinge einlangen und versorgt werden müssen, versagt natürlich jede Struktur. Das würde in jeder Stadt, in jedem Land der Welt so sein. Da kann und darf man nicht von »Versagen« sprechen.
Die Balkan-Völker haben darüber hinaus eine andere Geschichte und eine andere Kultur – und sie haben eine andere Entwicklung durchgemacht. Das versuche ich zu vermitteln. Hochmut ist für uns keinesfalls angebracht. Auch am Balkan essen die Menschen mit Messer und Gabel.
In welches Krisengebiet auch immer ich hinkomme – ich rede mit dem Bürgermeister oder anderen Gemeindevertretern. Mir ist es wichtig zu wissen, was die Krisen für die Bevölkerung vor Ort bedeutet. Wie die Menschen damit umgehen, was ihnen wichtig ist.

F: Helfen dir deine Sprachkenntnisse vor Ort?

A: Selbstverständlich. Die Sprache ist der Zugang zur Kultur. Die Menschen behandeln einen ganz anders. Sie sehen sich gleichbehandelt und sind dann viel offener, sind einem viel näher. Ich bin strikt dafür, dass jeder Journalist im Auslandseinsatz die jeweilige Landessprache beherrschen sollte, vor allem, wenn er länger als nur einige Tage in seinem Zielland ist.

F: Du wurdest 2014 zum »Journalist des Jahres 2014« gewählt. Was bedeutet dir das?

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A: Das war eine schöne Anerkennung. Am Wichtigsten war mir allerdings, dass meine jüngere Tochter die Laudatio gehalten hat.

F: Kommen wir jetzt zu PERRY RHODAN. Seit wann liest du denn die Serie?

A: Seit 1971. Mein Vater hatte damals eine Operation, und während dieser Zeit, da er liegen musste, hat er zu lesen begonnen – und ich mit ihm. Der erste Roman war ein Planetenroman. Danach haben wir uns den Zyklus ab Band 150 nachgekauft. Der hatte einige starke Momente mit dem Kampf gegen Iratio Hondo und der Jagd nach den Zellaktivatoren.

F: Band 1000 und die Graffiti haben für dich eine markante Bedeutung. War dieser Roman für dich ein Schlüsselerlebnis? Steht die Person Perry Rhodan sinnbildlich für die »ideale« Menschheit? Verheißt er für dich Hoffnung?

A: Das letzte Graffito in Band 1000 drückte für mich die geistige Substanz der Serie aus. »Perry Rhodan ist der Terraner …« Das ist im Zusammenhang mit den anderen Graffiti gesehen extrem stark. Die Menschheit geht ihrer Bestimmung nach und findet ein einigendes Ziel zwischen den Sternen.
Es gab für mich viele andere starke, die Serie prägende Romane. Band 1 natürlich oder Band 50 mit dem Psycho-Duell zwischen Rhodan und Atlan. Dann zum Beispiel auch »Ein Freund der Menschen«, also Band 99 der Serie.
Selbstverständlich war der Andromeda-Zyklus für mich einer der Höhepunkte. Und, in letzter Zeit, der Kampf Perry Rhodans gegen die negative Superintelligenz KOLTOROC (Band 2499, »Das Opfer«), in dem Rhodan auf seine Ritteraura verzichten musste. Ganz generell war die Serie immer dann besonders stark, wenn sie eine Vision anbieten konnte. Die einer geeinten Menschheit oder dem Kampf für das Gute.
Ach ja: ES mag ich als Figur sehr gerne – und sein homerisches Gelächter.

F: Wie liest du PR, in Heftform oder als Ebook? Bist du stets am Stand der Dinge?

A: Nach wie vor lese ich die Serie in Papierform. Ich habe ein Abo.
Ich bin eben nach drei Wochen am Balkan nach Salzburg zurückgekehrt, da hatten sich einige Romane angesammelt. Derzeit sitze ich an Band 2822 von einem gewissen Michael Thurner, und ich habe noch zwei weitere Hefte vor mir.

F: Liest du denn als politischer Beobachter aus der Serie Parallelen zu realpolitischen Geschehnissen heraus? Wie weit ist die Politik bei PERRY RHODAN mit der der Realität vergleichbar?

A: Ja, ich ziehe selbstverständlich Vergleiche. Besonders stark ist mir das zum Beispiel rund um 9/11 so ergangen, da waren die Überlappungen zwischen Realität und Fiktion meiner Meinung nach besonders stark spürbar.
Ich mag auch Michael Thiesens »Zeitraffer«, die eine Zusammenfassung eines PERRY RHODAN-Zyklus bieten und es mir erleichtern, die Zusammenhänge besser zu verstehen.
Ich bekomme dann Probleme mit der Serie, wenn sie zu stark ins New Age abschweift. Diesen Vorwurf muss ich William Voltz machen. Ich meine so Dinge wie der »Markt der Gehirne« (Anm.: Eine Handlungsebene im Zyklus »Das kosmische Schachspiel«, Bände 600 bis 649 und im Speziellen Band 623).
Bei der aktuellen Bedrohung durch die Tiuphoren finde ich einige sehr interessante Parallelen im Vergleich ihrer Kriegskunst und der früheren japanischen Kriegsideologie. So etwas gefällt mir.

F: Du bist sehr belesen und besitzt eine umfangreiche Bibliothek. Stellt PERRY RHODAN für dich eine willkommene Abwechslung zur Literatur dar, mit der du dich sonst beschäftigst?

A: PERRY RHODAN bedeutet für mich Entspannung. Ich arbeite beruflich oft im roten Bereich. Wenn ich am Abend zu meinem Heft greife, dann kann ich abschalten. Dann muss ich mich in Gedanken nicht mit den politischen Spannungen in der Ukraine oder am Balkan beschäftigen, sondern kann entspannen.

F: Zum Schluss würde ich gerne wissen, ob du bestimmte Wünsche an die Serie hast oder du etwas kritisieren möchtest?

A: Perry Rhodan ist für mich hin und wieder ein zu großes Weichei. Da erwarte ich mir manchmal mehr Härte und Durchsetzungsvermögen. Damit meine ich natürlich nicht Unmenschlichkeit, aber weniger Selbstzweifel. In dieser Hinsicht steht mir Atlan oft näher, der auch wegen seines langen irdischen Daseins faszinierend ist. Diese historischen Science-Fiction-Romane habe ich immer sehr gerne gelesen.
Wehgetan hat mir übrigens, als Perry Rhodan plötzlich erblondete. Dieses Bild ist für mich zu klischeehaft: Ein blonder Held kämpft gegen das Dunkle im Universum.
Auch würde ich mir ab und zu einen anderen Beginn einer spannenden Rahmenhandlung wünschen. Was mir zum Beispiel gut gefallen hat, waren die ausschwärmenden EXPLORER-Flotten, aus denen sich dann Abenteuer ergeben haben. Also ein Vorstoß ins Neue und Unbekannte. Und wie ich bereits sagte: Ich will gerne eine Vision spüren und über neue Herausforderungen erfahren.
Aber ich lese nach wie vor sehr gerne. Manche Romane sind besser, manche weniger gut. Dennoch freue ich mich jede Woche auf den neuen PERRY RHODAN.

Die Photos wurden von Christian Wehrschütz zur Verfügung gestellt.

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