Eine Haßliebe

Es ist doch jedes Mal dasselbe: Ich gebe eine letzte Arbeit ab, meist handelt sich’s um ein PERRY RHODAN-Manuskript, und stürze mich dann voll Elan auf das Marathon-Abenteuer „Buch schreiben“, auf das ich mich schon das ganze Jahr hindurch freue. Ich verfasse ein Manuskript mit meinen eigenen Ideen! In eigener Sprache, mit eigenen Verrücktheiten und das auf meine ganz persönliche Art, Geschichten zu erzählen. Gibt’s denn was Schöneres?

Oja, denk ich mir nun, etwas zehn Wochen später. Im Dschungelcamp Würmer essen dürfte mit weniger Schmerzen verbunden sein, und von Würmern aufgefressen zu werden, erscheint mir momentan als ebenfalls angenehmere Alternative. Doch zurück zum Beginn dieser Reise ins Tal des Jammers …

Wie bei den letzten beiden Fantasy-Büchern, die ich geschrieben habe, soll auch dieses Manuskript etwa 450 Seiten dick werden, und ich habe mir dafür etwa drei Monate Zeit freigeschaufelt. Das Exposé ist vom Verlag abgesegnet, es wird noch ein bißl über den Titel diskutiert und es wird mir eine Deadline gesetzt. All das läuft sehr friktionsfrei ab, und dafür möcht ich den netten Leuten bei Blanvalet ordentlich danken. Dort fühl ich mich wirklich wohl und als Autor zu Hause.

Es geht los mit dem Schreiben, frohen Mutes und mit Elan. Im Vergleich zu einem PERRY RHODAN-Manuskript mit 110 bis 120 Seiten muß ich die Gschicht natürlich anders strukturieren. Mehr Länge bedeutet nicht, die Erzählung zu strecken, sondern auf größerer Länge immer spannend, interessant, abwechslungsreich zu bleiben und viele Inhaltsbögen ineinander zu verquicken.
Natürlich bleibt mehr Platz für Beschreibungen, und natürlich verlangt Fantasy stets eine gewisse Opulenz. Aber die Reise des Helden, der in meinem Fall – vorerst – Darne heißt, muß nun mal länger sein und mit viel mehr Hindernissen gespickt sein, als dies bei Heftromanen allgemein üblich ist. Es gibt auch mehr Querverbindungen zu anderen Figuren. Ich muß Schicksale aufeinander abstimmen und verquicken, ich benötige gute Nebenfiguren, die nur ja nicht stereotyp sein dürfen und auch eine eigene Sprache haben sollten. Ich brauche richtig fiese Bösewichte, dazu mächtige Haudraufs mit Spatzenhirnen, aber auch sinistre Gemeinlinge, deren Beweggründe nachvollziehbar sind und die einem fast sympathisch sind.
Freund Darne benötigt eine führende Hand und jemanden, der ihn mit der Kunst der Liebe vertraut macht. Idealerweise hab ich in meinem Manuskript eine Figur gefunden, die beide Aufgaben gleichzeitig erledigt (wofür ich der Dame sehr dankbar bin). Mein Held braucht darüber hinaus einige Begleiter. Solche, die zu ihm aufschauen, die ihn reizen, die ihn gefährden, die ihm helfen. Sie haben aber auch die Aufgabe, als Ansprechpartner zu dienen. Ich möchte ja keine Monologe liefern, sondern Darne über seine Gespräche ein wenig mitdefinieren.

Ich beschäftige mich mit meiner Welt, beziehungsweise jener Darnes. Sie hat den Arbeitstitel Haden bekommen. Sie ist kalt und nordisch geprägt. Ich erfinde Währungssysteme, Provinzen, soziales Verhalten der Bewohner, eine Götterwelt, eine Tierwelt, ein kulturelles Kunterbunt, einen Wirtschaftskreislauf. Vieles davon geschieht während des täglichen Schreibprozesses und ich mache mir eifrig Notizen über all das und mehr, was dem Schreibfluß nicht gerade dienlich ist. Haden hat einige Besonderheiten, und je mehr ich mich mit ihnen beschäftige, desto größer wird mein Erklärungsnotstand: Warum funktioniert dieses Land so, wie es funktioniert? Ist es glaubwürdig, daß Nachrichten nicht schriftlich festgehalten werden, sondern über Gedächtnismeister weiterverteilt werden? Was hat das für Konsequenzen?

Dann ist da der oberste Bösewicht. Er hat seine Beweggründe, meinen Helden Darne herauszufordern. Aber halten diese Motive einer intensiven Überprüfung statt? Ist es glaubwürdig, was er tut? Agiert er zu offensichtlich? Was ist mit seiner rechten Hand? Warum arbeitet sich diese Frau plötzlich in den Vordergrund, verflixt?

Nun, daß Figuren ein Eigenleben entwickeln, ist ein Phänomen, das jeder Autor kennt. Das ist auch gut und wichtig. Ich predige bei jeder sich bietenden Gelegenheit, daß man diesen Leuten unbedingt ihre Stimme lassen soll, denn sie sind nun mal sehr glaubwürdig. Andernfalls hätten sie sich nicht so stark in den Vordergrund gedrängt. Aber natürlich stören sie auch, denn sie werfen die eigentlichen Pläne um und pfeifen aufs Exposé, das man sich so formidabel zurechtgelegt hat.

Das Exposé … Je länger ich an meinem Text sitze, desto unbedeutender und unrealistischer wird es. Ich erkenne noch den Kern der Geschichte, aber das Drumherum ist schon ziemlich angewachsen und hat sich verändert. Begleiter Darnes, denen ich wichtige Rollen zugeordnet habe, wandern nun in den virtuellen Papierkorb, andere nehmen ihre Rolle ein. Aus einem geplanten Bösewicht wird ein willfähriges Werkzeug meines Helden, denn auch Darne ist kein Held mit blütenweißer Weste. Er zeigt mir dann und wann seine Rücksichtslosigkeit, seine Stimmungsschwankungen, seine Schwächen …

Für sich alleine sind das alles keine Probleme, ganz im Gegenteil. Sie machen den Reiz aus, den das Arbeiten an einem langen Manuskript nun mal bietet. Aber ein Buchmanuskript ist auch sehr homogen. Was ich auf Seite 278 schreibe, hat schon mal Auswirkung auf das, was ich auf Seite 33 geschrieben habe, vor etwa acht Wochen. Ich erinnere mich noch dumpf daran, aber es ist gar nicht so leicht, die passende Stelle wieder zu finden. Und so verliere ich Zeit, bessere da und dort gleich etwas aus, was mir jetzt nicht mehr so richtig gefällt, streiche da und füge dort hinzu …

So ein Buch ist ein Flickenteppich an Geschichten, Einfällen, Handlungen, einander beeinflussenden Figuren. Er gehört so dicht wie möglich gewoben und er muß für den Leser dennoch locker-flockig zu genießen sein. Der Leser darf unter keinen Umständen ahnen, daß ich für drei Zeilen Text Blut und Wasser geschwitzt und die letzten Bits und Bytes an Informationen aus dem Internetz gequetscht habe …

Tscha, und da stehe ich nun, in diesem See aus Blut und Wasser, bis zur Brust darin verschwunden. Ich habe die Arbeit an meinem Buch sträflich unterschätzt, wie immer. Ich habe den Termin überzogen, wie immer. Ich verfluche meinen Beruf, wie immer, und ich denke daran zurück, wie sehr ich mich gefreut hab, als ich an das Buch ranging. Diese Freude war ganz gewiß eine Art Selbstschutz: Wüßte ich jedes Mal im Vorhinein, was mich während der Arbeit alles erwartet, würde ich laut schreiend das Weite suchen, bevor ich auch nur ein Zeichen getippt habe. 

So, und jetzt heißt es: weitermachen. Irgendwann werd ich das Wort „Ende“ unter die letzte Zeile schreiben, der glücklichste Mensch der Welt und stolz auf das vollbrachte Werk sein. Der Autorenberuf ist leicht verrückt und ich hasse ihn, aber ich liebe ihn halt auch.

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3 thoughts on “Eine Haßliebe

  1. Danke für die Einblicke. Aber ich habe auch geahnt, dass der letzte Absatz so oder so ähnlich klingen wird. Denn dieses Gefühl, ist zumindest für mich, mit nichts zu vergleichen. 🙂

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