Interview mit … Dietmar Schmidt

10352279_301234280075648_3012504365267399785_nIch habe Dietmar während eines Schreibseminars kennen- und schätzen gelernt. Er ist seit einigen Jahrzehnten PERRY RHODAN-Fan – und was er mir über sein Berufsleben erzählte, war mir Anlaß genug, ihn zum Interview zu bitten. Viel Spaß beim Lesen!

F: Dietmar, du bist 51 Jahre alt und seit langer Zeit PERRY RHODAN-Leser. Und du hast eine interessante berufliche Laufbahn eingeschlagen, die sehr viel mit Büchern zu tun hat, obwohl es anfänglich gar nicht danach ausschaute. Erzähl bitte mal über deine Karriere.

A: Wenn man das Karriere nennen möchte. Ich habe Chemie studiert und 1994 promoviert, aber die Arbeitsmarktsituation war damals recht schlecht. Ich bin noch ein Jahr als Postdoctoral Fellow zu einem Forschungsaufenthalt in den USA gewesen, aber die Perspektive hat sich dadurch nicht verbessert. Ich besaß ein wenig Schreiberfahrung und hatte während des Studiums gelegentlich Artikel aus dem Englischen übersetzt, und mit dieser »Berufserfahrung« habe ich mich noch während der Zeit an der Universität Bonn bei Bastei Lübbe als Übersetzer beworben.

Damals bestand Bedarf nach neuen Leuten, ich bekam eine Probeübersetzung. Als nach meiner Rückkehr aus den USA die Möglichkeit bestand, weiter SF und Fantasy zu übersetzen, ergriff ich die Gelegenheit. Viele meiner Kollegen haben auf Computerprogrammierer umgeschult. Für mich wäre das eine Option gewesen, aber wenn ich schon den ganzen Tag am Rechner sitzen sollte, wollte ich mich lieber mit Sprache beschäftigen. So ging es los. Ich habe mich bei Stefan Bauer zu bedanken, der damals SF- und Fantasy-Lektor bei Bastei Lübbe war und mich sehr gefördert hat, und bei Axel Merz, der mich überhaupt erst auf die Idee brachte, man könnte ohne sprachwissenschaftlichen Abschluss Romane übersetzen.

F: Als Übersetzer bist du ausschließlich für den Bastei-Verlag tätig. Eine Fixanstellung ist in deinem Berufsbereich ungewöhnlich. Wie kam es dazu?

A: Für mich kam das Angebot vor allem überraschend. Es war 2007, und die »gerechte Beteiligung« von Übersetzern am Verkaufserfolg ihrer Übersetzungen war ein Thema – für alle, die es nicht betraf, vermutlich kein heißes Thema. Die Verlagsgruppe Lübbe probierte die Idee aus, Übersetzer nicht projektbezogen, sondern dauerhaft zu beschäftigen, und ich wurde gefragt, ob ich Interesse hätte. Ich hatte.

Regelmäßiges Gehalt, bezahlten Urlaub und Lohnfortzahlung im Krankheitsfall kannte ich noch von der Universität, als Freiberufler war mir Urlaub eine ganze Weile lang etwas sehr Fremdes. Bereut habe ich meine Entscheidung nicht, auch wenn ich dadurch nur noch sehr wenig phantastische Titel übersetze, sondern mehr historische Romane, Thriller, Jugendbücher und sogar ein paar Liebesromane.

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Mit SunQuest-Autor Wolfgang Oberleithner

F: Welche sind denn die bekanntesten Autoren, die du übersetzen durftest? Gab es denn Kontakt zu ihnen?

A: Ken Follett, Dan Brown (ich gehörte zum Übersetzergeschwader für »Das verlorene Symbol«), Poul Anderson, David Weber, Stephen Baxter, Peter F. Hamilton (von beiden nur Erzählungen in der Anthologie »Unendliche Grenzen«, die hierzulande unverdient gefloppt ist), Karl Edward Wagner, Robert E. Howard (auch nur je eine Erzählung, aber für mich echte Highlights), Piers Anthony, Justina Robson, Jeff Kinney (damit auch ein Jugendbuchautor dabei ist), Mike Mignola und Christopher Golden.

Kontakt hatte ich zu Brian D’Amato, der eine großangelegte Trilogie um das Ende des Maya-Kalenders schreiben wollte, von der aber nur zwei Bände erschienen sind. Er war sehr in Sorge wegen der deutschen Umsetzung, aber ich glaube, wir wurden uns einig. Davon abgesehen – nein. Ich erhalte in der Regel keine Kontaktinformationen, und Rücksprachen laufen über Verlag und Agenturen.

F: Ich habe mir sagen lassen, dass englische Texte manchmal sehr schlampig – um nicht zu sagen, schlecht – geschrieben wurden und es dann am Übersetzer liegt, ein Buch zu »retten«. Hattest du schon mal mit derartigen Problemen zu tun?

A: Ein Problem ist, dass der Buchmarkt insgesamt sehr schnelllebig geworden ist und bei den einzelnen Stationen von Schreiben über Übersetzen bis Vorliegen der gedruckten Fassung immer weniger Zeit bleibt.

Normalerweise versuche ich, so dicht am englischen Original zu bleiben wie möglich und mich so weit davon zu entfernen wie nötig. Es gibt aber – seltene – Fälle, in denen man dieses Prinzip nicht einhalten kann. Ich sage aber keine Beispiele.

Michael Marcus Thurner: Andererseits gibt es heutzutage viele Leser, die das englische Original lesen und dann die Übersetzung bekritteln. Sind dir schon mal Fehler passiert, über die du dich richtig ärgern musstest?

Dietmar Schmidt: Ja, absolut. Ich ärgere mich über jeden Fehler, und wenn ich eine entsprechende Rückmeldung bekomme, nehme ich mir das sehr zu Herzen, bin aber dankbar und versuche mich zu bessern. Manchmal liegt man einfach daneben, manchmal übersieht man etwas. Da mag der Zeitdruck eine Rolle spielen, ist aber keine Rechtfertigung – der Leser zahlt für ein Buch und kann ein ausgereiftes Produkt erwarten.

F: Wie muss man sich deine Arbeitsbedingungen vorstellen: Sitzt du den ganzen Tag im stillen Kämmerlein und übersetzt Seite für Seite? Liest du den Text vorher zur Gänze durch, bevor du mit der Übersetzung beginnst, um ein Gefühl für den Stoff zu bekommen? Ist Übersetzen denn auch eine kreative Arbeit?

A: Kreative Anteile hat es meiner Meinung nach schon, zum Beispiel dort, wo man vom Original weg muss. Dazu kommen Begriffsfindungen – vor allem in der Science Fiction und Fantasy ein zentraler Aspekt. Als ich mich auf die Honor-Harrington-Serie vorbereitete, habe ich mehr über Seekriegführung und Kriegsschiffbau gelernt, als ich je wissen wollte – darunter auch, dass man Kriegführung und Schiffbau ohne Fugen-s schreibt.

Normalerweise lese ich nur das aktuelle Kapitel, ich möchte bei einem Krimi nicht unbewusst etwas verraten, das nur ich weiß, weil ich den Schluss schon kenne. Es gibt aber auch Bücher, die man unbedingt ganz gelesen haben muss, ehe man loslegt, Bücher beispielsweise, in denen wiederkehrende Motive eine Rolle spielen. Das merkt man aber schnell.

Davon abgesehen: Ja, ich sitze jeden Tag von morgens bis abends vor dem Rechner, recherchiere, zerbreche mir den Kopf über bestimmte Stellen und erzeuge vor allem Text. Ich übersetze Seite für Seite, egal, was kommt. Ich gehe oft zurück und ändere Stellen, aber ich arbeite mich genauso durch den Text, wie der Leser ihn nachher liest.

IMG_20141022_215652F: Woran arbeitest du aktuell? Darfst du das verraten?

A: Ich übersetze im Augenblick eine Graphic Novel nach einem Roman von Neil Gaiman, »The Graveyard Book«, die bei Eichborn erscheinen wird. Als altem Comicfan ist das ein besonderes Zuckerl für mich, wie ihr südlich der Grenze so sagt.

F: Wir haben uns bei einem Schreibseminar kennengelernt. In dir steckt also auch das Bedürfnis, eigenständig zu schreiben. Siehst du das bloß als Ausgleich zu deinem Brotberuf, oder könntest du dir vorstellen, eines Tages selbst mal Bücher zu veröffentlichen?

A: Ich schreibe seit meiner Schulzeit, aber das ist ein Klischee; ich glaube, das kann fast jeder so sagen, der schreibt. Immerhin habe ich, als ich in der Oberstufe war, in sechs Wochen Sommerferien einen Roman geschrieben, hundert randlos voll betippte Schreibmaschinenseiten. Maximale Papierausnutzung. Es müssten ungefähr 250 Standardseiten sein, aber das Ding ist natürlich völlig unlesbar.

Bei meinem Schreiben hat es durchs Studium, durch harte Zeiten im Beruf und persönliche Umstände – das Leben eben – immer wieder größere Zäsuren gegeben. Ich habe Kurzgeschichten in Anthologien bei Bastei Lübbe veröffentlicht, und eine STELLARIS-Story erschien in PR 2670. Das ist jetzt auch schon wieder zwei Jahre her, fällt mir dabei auf …

Außerdem schreibe ich an einer eigenen SF-Serie, eine Space Opera um einen Piloten und sein Raumschiff, aber das ist mit drei angefangenen Romanen und einer Handvoll Kurzgeschichten hauptsächlich Baustelle. Beim Schreibseminar wurde ich von Marc A. Herren persönlich aufgefordert, gefälligst mehr Systematik und Struktur walten zu lassen.

Das hat mich erschüttert, weil ich mich für systematisch und strukturiert hielt, aber er hatte recht: Ich bin beim Schreiben chaotischer, als mir guttut. Im Moment versuche ich mich an einer weiteren STELLARIS-Geschichte – ganz diszipliniert.

F: Kommen wir zu PERRY RHODAN: Welcher war denn der erste Roman der Serie, den du gelesen hast? Wie lange liest du schon?

A: Wenn man von einem PR-Taschenbuch absieht, das mir in die Hände fiel, als ich noch viel zu klein dafür war, war es Band 154 in der 4. Auflage: »Der Gehetzte von Aralon« von William Voltz. Das Heft war ganz anders, als ich es mir vorgestellt hatte, keine Raumschlachten und platzenden Planeten und militaristisches Pathos, das der Serie damals von der Genreliteraturkritik stereotyp angedichtet wurde, sondern eine Story um die Frage, wie weit jemand, der das ewige Leben errungen hat, gehen wird, um es sich zu erhalten – und ob er wirklich so leben will.

Ein paar Wochen später bin ich mit Band 1000 in die Erstauflage eingestiegen, nachdem ich mit Band 996 auf ganzer Linie gescheitert war. Irgendwann in den 1400ern hörte ich wegen Doktorarbeit und Interessenverlagerung auf, die Serie zu lesen, aber vergessen habe ich sie nie, und mit Band 2000 bin ich wieder eingestiegen – und lese unterbrechungsfrei bis heute, allerdings meist mit einem guten halben Jahr Verspätung.

F: Wer oder was hat dich zu PERRY RHODAN gebracht? Waren es Freunde, sind dir die Titelbilder am Kiosk aufgefallen?

A: Ich glaube, ich habe immer gewusst, dass es PERRY RHODAN gibt, und trotzdem blieb ich der Serie lange fern. Als kleiner Junge durfte ich mal im Nachtprogramm den unsäglichen Film sehen, schon in der Grundschule waren die PERRY-Comics begehrte Tauschobjekte. Trotzdem kam ich über US-Autoren zur SF, allen voran Robert A. Heinlein, E. E. Smith und Larry Niven. Irgendwann wollte ich mir dann doch ein Urteil zu PERRY RHODAN bilden – was zur Folge hatte, dass ich gut zwei Jahre lang nichts anderes mehr gelesen habe außer PR.

F: Ich weiß, dass du sehr viel über die technischen Aspekte der Serie nachdenkst. Steht die Technik bei PERRY RHODAN für dich denn im Vordergrund, oder ist es die Geschichte? Sind es die Figuren?

A: Früher war die Technik sehr wichtig für mich, und ich war begeistert über die Tiefe, in der sie bei PR ausgearbeitet war. K. H. Scheer wird heute von vielen nicht sehr geschätzt, aber man muss meiner Ansicht nach sehen, dass er ein technisches Konzept erarbeitet hat, wie es zuvor für keine SF-Serie existiert hatte.

Heute sind mir Geschichten und Personen wichtiger, und ich ertappe mich, wie ich technische Beschreibungen nur noch überfliege. Man verändert sich, wenn man altert. Gleichzeitig steht die Technik aber auch nicht mehr derart im Zentrum der Serie wie früher

F: Wie gefällt dir die aktuelle Entwicklung bei PERRY RHODAN während der letzten Jahre und Monate?

A: Sehr gut. Nach der Terminalen Kolonne wirkte das Motiv der Bedrohung durch Invasionsflotten recht ausgereizt. Ich finde, das »Downgrade« auf Gegner mit überschaubaren Möglichkeiten ist gelungen, ohne dass die Bedrohung uninteressant wurde. Wie etwa den Onryonen beizukommen ist, zeichnet sich für mich in den 2740ern, die ich gerade lese, noch nicht ab.

 

 

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