Interview mit … Rainer Castor

Seit nunmehr 800 Wochen beliefert Rainer Castor die PERRY RHODAN-Leser mit seinen Kommentaren. Die beliebte Glosse auf den letzten Seiten des wöchentlichen Romanhefts geht weit über die Inhalte der Romane hinaus. Sie erklärt Hintergründe und Zusammenhänge im Perryversum, liefert aber dem Fan auch immer wieder Denkanstöße.

Dieses Jubiläum war Grund genug für mich, Rainer zu einem Interview einzuladen. Und natürlich sind wir beim Plaudern via Mail auch auf seine andere Tätigkeiten für PERRY RHODAN zu sprechen gekommen.

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F: Anlass für dieses Interview sind dein achthundertster PERRY RHODAN-Kommentar (PRK) und dass du nach langer Zeit wieder mal einen Heftroman zur PERRY RHODAN-Erstauflage beiträgst. Zu beidem gratuliere ich recht herzlich, Herr Kollege!

A: Ebenso herzlichen Dank, Herr Kollege *ggg*

F: An anderer Stelle (in einem Interview für die LKS und in Kommentar Nr. 800 selbst) hast du einiges zum Aufwand geschrieben, den du für Deine PRKs betreibst. Insgesamt seien es Texte für mehr als 24 Heftromane, die du im Rahmen dieser Arbeit geschrieben hättest. Das glaube ich dir nicht ganz.

A: Öhm, dass die reinen PRK-Texte einem Umfang von rund 24 Heftromanen entsprechen? Doch – tun sie. *ggg*

Nur grob geschätzt war dagegen im genannten LKS-Interview meine Angabe zum Umfang der diversen Hintergrundarbeiten (als Teil der Mitarbeit an den Expos) von nochmals rund 24 Heftromanen …

Da ich diesbezüglich keine Statistik geführt habe, könnte es auch leicht die doppelte, dreifache Menge oder noch mehr sein – ich weiß es wirklich nicht, weil dazu die Einzelexpos seit PR 2000 abzuklappern und auszuwerten wären. Diverse rein interne Hintergrunddateien geben da leider nur unzureichend Aufschluss, summieren sich allerdings, wie ich eben bei einer raschen Prüfung gesehen habe, auch schon ganz schön.

F: Du bist zum Beispiel sehr intensiv auf das neue Raumschiff der Serie, auf die RAS TSCHUBAI, eingegangen und hast ihm sieben Folgen hintereinander gewidmet. Ich gehe davon aus, dass das Hintergrundmaterial, das du für diesen »Kurzzyklus« gesammelt hast, wesentlich umfangreicher ist.

A: Das ist es in der Tat – du kennst ja selbst die Langfassung des Datenblatts zur RAS TSCHUBAI. *ggg* Das hat allerdings auch und vor allem damit zu tun, dass ich die Gelegenheit genutzt habe, die konkreten Angaben zur RAS TSCHUBAI mit allgemeinen Angaben und (historischen) Hintergründen zu verbinden, so dass das Datenblatt unter dem Strich ein Nachschlagewerk darstellt und als aktualisiertes Kompendium auch einen Überblick zum derzeit aktuellen Stand der LFT-Technik gibt.

F: Wie viele Stunden hast du tatsächlich für die Ausarbeitung der RAS TSCHUBAI aufgewandt und was war bei dieser Hintergrundarbeit alles zu beachten?

A: Zu viele – jedenfalls mit Blick auf die Bezahlung. *ggg* Die genaue Zahl kenne ich nicht, aber es waren in der Tat »einige« Stunden. Zusätzlich zum reinen Text gibt es ja noch die Ergänzungsdatei mit diversen Skizzen, Schnitten, Deckplänen etc.

Genau darin liegt auch das, was zu beachten ist: Um einen Riesenpott von 3000 Metern Durchmesser mit »technischem Leben« zu erfüllen, muss ich zunächst selbst mal wissen/herausfinden, wo was beispielsweise in welcher Größe untergebracht werden kann. Dazu dienen vor allem die diversen Skizzen – dass diese anschließend auch euch Kollegen, wie ich hoffe, der Veranschaulichung dienen, ist da eher ein Nebeneffekt. Für mich sind sie zunächst mal notwendig, um »den Rest« hinzubekommen.

Die Beschreibung und Darstellung in Textform läuft dann parallel bzw. im Anschluss, wobei die reine Zusammenfassung/Auflistung der Basisdaten im Fall der RAS TSCHUBAI auf etwas mehr als vier Seiten passt – also die Hauptrubriken Größenangaben, Besatzungsstärke, Rechner(technik), Energieversorgung, Antriebe, Defensiv- und Offensivausstattung, Beiboote.

In der ausführlichen Beschreibung geht es dann um Details und, wie oben schon geschrieben, teilweise auch um die Hintergründe und historische Entwicklung im Sinne eines Nachschlagewerks. Die Angaben beziehen sich hierbei dann nicht auf die RAS TSCHUBAI allein, sondern sind auch auf andere LFT-Schiffe und – bis zu einem gewissen Grad – auf sämtliche anderen Raumfahrzeuge übertragbar.

Ob und was davon jemals in den Romanen landet, ist wiederum ein ganz anderes Thema. Ausführungen beispielsweise zur Innenstruktur und den diversen Möglichkeiten der Horizontal- und Vertikalverbindungen in der RAS TSCHUBAI mögen vielleicht auf den ersten Blick ziemlich überflüssig erscheinen – aber wer sich beim Romanschreiben drauf einlässt, kann bei der nächsten Verfolgungsjagd an Bord ebenso konkrete wie lebendige Beschreibungen ableiten. *ggg*

F: Ich möchte die PRK zur RAS TSCHUBAI nun nicht als »Abfallprodukt« bezeichnen. Aber ich gehe wie gesagt davon aus, dass du die Texte aus von dir entwickeltem Datenmaterial zusammengefasst hast.

A: Durchaus richtig – und in diesem Sinn sind es in der Tat Zusammenfassungen, die irgendwo zwischen den reinen Basisdaten und dem ausführlichen Datenblatt einzuordnen sind. Das geht natürlich nicht bei allen Kommentaren. Oft handelt sich’s um weiterführende Gedanken zum kosmopolitischen Geschehen oder zur Technik. Vor diesem Hintergrund waren die Ausführungen zur RAS TSCHUBAI eher eine Ausnahme, wenngleich sich das umfangreiche Datenblatt durchaus für das eine oder andere technische Thema ausschlachten lässt … *ggg*

F: Nach welchen Kriterien entscheidest du denn, was in einem bestimmten Roman erscheint? Orientierst du dich an den Expo-Vorgaben der dazugehörigen Heftromane?

A: Etwas anderes bleibt einem angesichts der parallelen Arbeitsweise nicht übrig. Wegen des Vorlaufs entstehen die meisten Kommentare, ehe ich auch nur eine Zeile des jeweiligen Romans gesehen habe. Es sei denn, die Autorenversion ist sehr früh fertig und verschickt. Oder ich greife eine Thematik etwas zeitversetzt auf – dann kann ich ggf. konkrete Romaninhalte nutzen und an der einen oder anderen Stelle interessante Sätze/Passagen unterstützend zitieren.

Was nun die konkrete Themenauswahl betrifft: Häufig liegt sie bei den jeweiligen Expos auf der Hand. Gutes Beispiel ist da der Dreiteiler zum Hyperfunk ab PR 2711. Aufhänger war der Notruf der HALUTA IV und seine Weiterleitung quer durch die Milchstraße, während die Fortsetzungen ein wenig allgemeiner auf die mit Hyperfunk verbundenen Dinge eingingen.

Es gibt allerdings auch genügend Fälle, da springt nix direkt ins Auge, und mir fällt auf Anhieb (noch) nichts ein. Meist hilft dann der Blick über den Tellerrand des konkreten Romans auf allgemeinere Themen, die sich als Alternative anbieten. Bislang (ich klopfe mal auf Holz) konnte ich jedenfalls stets vor Abgabetermin etwas »zusammenschustern« …

F: Gibt es auch manchmal Vorgaben der Redaktion, was du veröffentlichen sollst?

A: Nö, an so etwas kann ich mich nicht erinnern. Wenn überhaupt, gab es von Klaus mal die eine oder andere Anregung, was vielleicht ein interessantes Thema sein könnte. Das habe ich auch gern aufgegriffen – frag mich jetzt aber nicht, was das jeweils konkret war: Ich weiß es leider nicht mehr.

F: Einem Autor geschieht es schon mal, dass er einzelne Kapitel oder Textstellen umschreiben muss. Ist dir das bei den Kommentaren schon mal passiert?

A: Zwangsläufig, und gar nicht so selten. Beim PRK liegt das vor allem an der Längenbeschränkung – es steht nun mal nur eine Druckseite zur Verfügung. Da kommt es immer mal wieder vor, dass der zunächst gewählte Ansatz für ein Thema nicht rund wird, sprich, eine Viertelseite oder so zu kurz oder zu lang ausfällt. Dann heißt es halt Umstellen, Umformulieren, häufig auch Kürzen – oder mit einem anderen Ansatz vielleicht einen Zwei- oder Mehrteiler daraus formen. Mitunter kann das eine ziemliche Tüftelei sein. Komplett verworfen habe ich allerdings noch keinen fast fertigen Text. Meist merke ich schon nach zwei, drei Sätzen, ob’s was wird oder nicht. Und beim Rest heißt es dann Tüfteln …

F: Gab es im Laufe der Jahre Kommentare, die dir besonders am Herzen lagen?

A: Bei nun mehr als 800 insgesamt gab es im Laufe der Zeit zweifellos solche – ich kann rückwirkend aber beim besten Willen nicht sagen, welche das nun waren. Wichtig ist vor allem aber, dass der jeweils aktuell anstehende »hinhaut« und in der vorgegebenen Länge passt. Vor diesem Hintergrund gilt also gewissermaßen: Besonders am Herzen liegt mir stets der, der gerade zum Schreiben ansteht. *ggg*

F: Kam es auch schon mal vor, dass du bestimmte Gedanken, die du in PRKs verarbeitet hattest, später auch in Heftromane übernommen hast? Weil sie dir wichtig erschienen oder sie dich gereizt haben?

A: Durchaus – es ist ja keine Arbeit im luftleeren Raum, sondern eines bedingt das andere. Somit fließen in den PRKs angesprochene Dinge ebenso ein, wie es umgekehrt die Heftinhalte sind, die bei Kommentaren aufgegriffen werden.

F: Gehen wir zu den Anfangstagen deiner Arbeit für die PRKs zurück. Wie schwer fiel es dir denn, dich »freizuschwimmen«? Deine Vorgänger Terrid oder Mahn hatten ja ganz eigene Vorstellungen von dieser Arbeit oder, um es mal so zu nennen, sie hatten eigene »Stimmen«. Musstest du dich erst von ihnen emanzipieren?

A: Erstaunlicherweise eigentlich nicht. Die Übernahme von Peter Terrid erfolgte ja leider aus tragischem Anlass – und es standen, wenn ich es noch richtig im Kopf habe, gleich aus Termingründen einige Texte an. Ich hatte da gar keine Zeit, großartig nachzudenken, sondern habe einfach losgelegt. Mit der jeweiligen Themenwahl verband sich quasi automatisch meine Art zu schreiben – und daran hat sich eigentlich nichts geändert.

Abgesehen davon: Es hätte auch nichts gebracht bzw. wäre sogar ein fataler Fehler gewesen, beispielsweise irgendwelche Eigenarten der Vorgänger nachahmen zu wollen. Insbesondere Wolfpeter hatte eine ganz eigene Art der Herangehensweise, die nun mal die von Peter Terrid war und nicht die von Rainer Castor. Vergleichbares gilt für Kurt Mahr als Begründer der Reihe.

F: Kommen wir zu deinem nächsten PERRY RHODAN-Roman. Er wird mit der Nummer 2769 erscheinen, also im September. Wie fühlt sich’s denn so an, nach mehr als zwei Jahren wieder mal ein Manuskript zu schreiben?

A: Abgesehen davon, dass es sogar schon fast vier Jahre sind (seufz – PERRY RHODAN 2576 war mein Letzter), ist es unter dem Strich dann doch nicht gar so fremd, wie es vielleicht auf den ersten Blick wirken mag. Ich bin ja nicht »aus dem Schreiben raus«, da mit den Kommentaren ständig neue Texte entstehen oder beispielsweise bei den ATLAN-Blauband-Bearbeitungen auch Passagen von mir einfließen. Und dass jeder neue Roman ohnehin eine Herausforderung ist, die gemeistert sein will, dürfte eine Binsenweisheit sein.

F: Du giltst als einer DER Arkoniden-Spezialisten im Team, und nachdem die Sehnsucht der Leser nach einem ganz bestimmten Vertreter dieses Volkes schon sehr groß ist, muss ich diese Frage stellen: Wirst du mit deinem Roman Atlan in die PERRY RHODAN-Handlung zurückbringen?

A: So leid es mir tut – nein.

F: Ich gestehe, ich hab die Antwort gewusst, und ich vermute, dass jetzt ein Haufen Leute ein wenig enttäuscht sein werden.

A: Nun, denen sei als kleiner Trost versprochen, dass Atlan zumindest eine Erwähnung finden wird, wenn auch eine, die sich auf die Zeitabenteuer bezieht. Mal sehen, vielleicht baue ich auch noch die eine oder andere weitere ein – noch habe ich das Manuskript ja nicht abgegeben.

F: Es gibt dennoch ein – technisch bestimmtes – Rahmenthema in 2769, das auf dich zugeschnitten ist. Kannst du ein bissl was dazu verraten?

A: Hm, es gibt ja schon kursierende Andeutungen, dass es u.a. um Linearraumtorpedos geht (und um alles, was damit zusammenhängt). Ein anderer Aspekt ist der, dass die USO ein neues Flaggschiff erhält …

F: Du widmest dich in PR 2769 den Angehörigen eines eher vernachlässigten Volkes.

A: Genau betrachtet sind es sogar die mehrerer Völker – die Mooffs wurden irgendwo schon genannt. Mit Ekhas als einem der Schauplätze ist klar, dass die Ekhoniden eine Rolle spielen werden. Und dann wird eine der Personen ein Laosoor sein, von denen wir auch schon eine Weile nichts mehr gehört haben.

F: Überhaupt werden in diesem Roman einige Themen aufgegriffen, die im laufenden Zyklus eher zu kurz gekommen sind; insofern handelt sich’s um einen Schlüsselroman, der Zusammenhänge begreiflich macht. Ist das so arbeits- und rechercheintensiv, wie ich’s mir vorstelle

A: Hm, vermutlich ist es nicht gar so schlimm – durch die Mitarbeit bei der Expo-Erstellung sowie durch das Schreiben der Kommentare bin ich ja ständig in dieser Recherchearbeit drin. Aber du hast insofern Recht, dass die konkrete Arbeit an und für einen Romantext noch mal was Anderes ist. Und »Schlüsselroman«? – nun ja, hängen wir’s nicht ganz so hoch …

F: Im aktuellen Zyklus ändern sich in der Milchstraße einige Parameter. Die Tefroder gewinnen – scheinbar – an Macht, die Arkoniden verlieren – scheinbar – an Macht. Völker wie die Naats treten ins Rampenlicht, wie überhaupt Wert auf die Beschreibung neuer politischer Konstellationen gelegt wird. Was bedeutet das für dich, der du die Hintergründe und Zusammenhänge im Bereich der Milchstraßenvölker verwaltest?

A: Weniger Arbeit, als du vielleicht vermutest. In den beiden zurückliegenden Zyklen hat die Entwicklung in der Milchstraße zwar keine große Rolle gespielt, aber mit PR 2500 war immerhin der Zeitsprung vom TRAITOR-Abzug ins Jahr 1463 NGZ verbunden – und damit wiederum einiges an Entwicklung im und rund um das Galaktikum und diverse Völker in der Milchstraße, die damals quasi »nebenher« das eine oder andere interne Update erfuhren. Vieles davon wird erst jetzt konkret in Romaninhalte umgesetzt und mit neuen Details unterfüttert.

Wenn du dir beispielsweise einige Detailkarten im Datenblatt zur Milchstraße von Expo 2624 ansiehst, wirst du schon vieles finden, was erst ab PR 2700 konkreter wurde.

F: Wird man dich in Zukunft wieder öfter als Autor der Erstauflage erleben?

A: Durchaus möglich – mal sehen, wie es zeitlich hinhaut.

F: Wie sieht’s denn mit PERRY RHODAN NEO aus? Hast du nicht Interesse daran, dort auch mal deine Spuren zu hinterlassen?

A: Da ich mich nicht teilen kann, wird es mit PR NEO leider nichts. Ich wäre ja schon froh, wenn es mit ein paar Romanen für die Erstauflage klappen würde.

 

 

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