Interview mit … Udo Claaßen

Ab und an führe ich Interviews mit PERRY RHODAN-Lesern. Mein heutiger Gast ist Udo Claaßen, seit langer Zeit kritischer Fan der Serie – und ein Sammler der besonderen Art. Doch lest selbst …

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Udo mit einigen Schätzen

F: Udo, erzähl bitte mal ein bisschen über dich selbst und dein Leben abseits von PERRY RHODAN.

A: Meine Lese-Erfahrung als Jugendlicher machte ich mit Comics, Rolf Torring und Jörn Farrow. Ich bin mit 14 Jahren von zu Hause weg, das war 1960, und bin dann siebeneinhalb Jahre zur See gefahren. Zuerst auf kleinen Schiffen, 300 bis 500 Bruttoregistertonnen, auf der Strecke Frankreich-London. Aber auch durch die Ostsee nach Finnland und nach Schweden durch den Nord-Ostsee-Kanal.

Später bin ich auch auf den großen Pötten unterwegs gewesen. Durchs Mittelmeer, die Karibik, Nordamerika an der Ost- und Westküste entlang sowie Südamerika, nur an der Westküste.

Ein ganz besonderes und einschneidendes Erlebnis waren Probleme mit meinen Zähnen in Panama. Das Schiff fuhr durch den Kanal, während ich beim Zahnarzt saß und dem Schiff mit der Bahn hinterher musste. Im Zug gab es damals noch Rassentrennung …

Auf Schiffen ist es manchmal recht langweilig, oder zumindest war es früher so. Da wurde viel gelesen. Western, Krimis und, ich weiß, es tun sich nun Abgründe auf, auch Liebesromane. Leider habe ich Science Fiction da nie entdeckt.

Es war 1962, auf einer Reise in die Ostsee, da fand ich in einer Kanalschleuse einen Kiosk, der PERRY RHODAN-Hefte anbot. Es war die Nummer 45, die ich als mein erstes Heft kaufte. Ich war so fasziniert von diesem Roman, dass ich auf der Rückreise alle vorhandenen Hefte erwarb. (Damals remittierten die Händler ihre Hefte nicht. Die blieben in den Kiosken, bis sie verkauft wurden.)

Ein Hobby, eine Leidenschaft war geboren – und sie hält mich bis heute gepackt. Dieser Leidenschaft folgte ich; ich schleppte bei einem Schiffswechsel stets einen halben Seesack voll Hefte mit mir herum … und so sahen sie dann auch aus.

Bei einem Heimaturlaub lernte ich ein Mädel kennen. Sie wurde schwanger, und so gründeten wir eine Familie. Und PERRY war immer mit dabei.

Als Matrose verdient man nicht so viel und ist immer weg von zu Hause. Das ist nicht besonders gut fürs Familienglück. Deshalb habe ich 1967 den Seesack an den Nagel gehängt und Jobs an Land gesucht. Ich war das freie Leben gewöhnt, aber eine Familie kostet nun mal Geld. Und ich wollte eine vernünftige Wohnung, ein Auto, Urlaub usw. Deshalb tat ich den für mich anfangs schwierigen Schritt, hinter einem Zaun zu arbeiten, in einem geschlossenen Gebäude …

Ich ging zu Bayer auf Schicht. Während die Kessel so vor sich hin rührten, las ich PERRY RHODAN, wenn es die Zeit erlaubte. Ich wollte aber nicht immer tun, was Andere sagten. So habe ich in der Abendschule den Chemie-Facharbeiter gemacht, und weil es so lustig war, gleich den Industrie-Meister der Chemie hinterher. Das war 1980. Zuvor wurde ich aber schon als Schichtmeister bei Bayer geführt – und bin dies auch bis in die Pension geblieben.

Doch zurück zu 1980: Nach der Meisterprüfung hatte ich nichts zu tun. Alles war irgendwie zu Ende, der Druck abgefallen, die Ehe auf der Strecke geblieben. Das Einzige, was ich in der ganzen Zeit beibehalten hatte, war PERRY RHODAN. Also überlegte ich, ob ich mein Hobby nicht ausbauen sollte?

Es war um den Band 1000 herum, da kam ich mit Peter Griese in Kontakt – weil mir seine Romane nicht gefielen. Daraus hat sich dann eine intensive Freundschaft entwickelt.

Auf jeden Fall fing ich zu sammeln an, was an Papier zu bekommen war. Hauptsache, es stand PERRY RHODAN drauf. Ältere Sachen kamen antiquarisch hinzu und das Neue am Kiosk. Erweiterungen meiner Sammlertätigkeit hin zu anderen Serien folgten erst später.

F: Du bist »aktiver« Fan, bist immer wieder auf Cons mit dabei und besuchst auch einen Stammtisch …

Udo in Sinzig

Auf einem Con in Sinzig

A: Cons ja, die besuche ich gerne mal. Stammtisch nein, ich bin nicht der Herdenmensch.

F: Wie lange steckst du denn schon im Fan-Geschehen drin?

A: Ich war mal mit meiner Mutter zum Verkaufen auf einem Trödelmarkt. Doppelte PERRY RHODAN-Hefte waren auch dabei. Da kam ein Typ daher und quatschte mich in Kriewelsch (= Krefelder Platt) an: »Eh Jong van die Hefkes häbb esch ne janze Kaatoong inne Keller. De kannsse desch avhoale. Brucks ooch nix to betaale.« Auf Deutsch: Er hat mir einen Karton voll PERRY RHODAN-Hefte geschenkt.

Das war zu der Zeit, als bei PERRY RHODAN die 4. Auflage mit Band 799 eingestellt wurde. Ich habe dann über die Leser-Kontakt-Seite kundgetan, Leuten zu helfen, an Hefte ab 800 zu kommen. So kam ich zum Fan-Kreis und wurde zum Roman-Beschaffer schlechthin. Eigentlich bin ich es noch heute.

F: Lass uns mal über deine ganz besondere Sammelleidenschaft reden: Du besitzt nicht nur alle Romane der PERRY RHODAN-Serie; du hast sie darüber hinaus von den jeweiligen Autoren unterschreiben lassen, von der Nummer 1 weg bis zu den aktuellen Romanen. Karl-Herbert Scheer, Kurt Mahr, Willi Voltz, Clark Darlton – sie alle haben sich in deinen Heften verewigt, die neueren Autoren sowieso.

Wann hast du mit der Autogrammjagd begonnen?

A: Das war 1980, wie schon oben erwähnt. Die ersten Autogramme waren von Peter Griese. Er hat mir auch anfangs die Kontakte vermittelt. Später wurde das mehr oder weniger zum Selbstläufer.

Peter und Udo in Sinzig

Im Zwiegespräch mit Peter Griese

F: Besitzt du tatsächlich alle Autogramme?

A: Ja. Allerdings fing ich erst lange nach dem Tod von W.W. Shols damit an. Ich habe lange überlegt, und Horst Hoffmann meinte damals: »Schreib doch die Witwe an!«

Das habe ich gemacht, die vier Hefte von Shols sind mit »Erna Scholz« signiert.

F: Es gab traurige Einzelfälle, da verstarb der Autor, bevor sein Roman erschien. Diese Hefte sind dann bedauerlicherweise frei von Unterschriften geblieben, oder?

A: Ja, das gab es, dennoch fehlt in diesen wenigen Heften nicht die Signatur. Mal vom LKS-Onkel, mal vom Risszeichner oder vom Titelbild-Maler.

F: Ich bekomme die Romane von dir stets paketweise zugeschickt …

A: Da hättest du mal die Pakete an Darlton nach Irland und an Mahr nach Florida oder auch an die hiesigen Autoren sehen sollen! Kneifel fand es besonders schlimm, wenn hundert Hefte und mehr auf einmal kamen. Entsprechend sind seine Kommentare zusätzlich zu den Autogrammen in den Heften.

Als ich mit der Autogrammjagd anfing, mussten die Autoren ja auch noch ihre alten Romane signieren, ich hatte ja »aufzuholen. Heute sind es nur die neuen Romane, die ich verschicke. Alles läuft relativ unkompliziert ab.

Es hat aber auch Nachteile: Die Mails heutzutage werden gelöscht, sobald die Sache erledigt ist. Papier hingegen bleibt. Ich habe einen ganzen Ordner voll älterer Autorenpost. (Auch von Schelwokat, der angeblich kaum Briefe schrieb.)

F: Wie war es denn früher, in den Zeiten vor Email und Internet?

A: Zuvor musste ich Adressen finden. Dann musste ich anfragen ob es dem Autor denn recht wäre, wenn ich ihm die Romane zuschickte. Und eine Rückpostkarte musste natürlich beigefügt sein. Wenn sich der Autor dann bequemt hat, bekam man bald eine Antwort. Aber auch nicht immer …

Auf Cons gab es Autogramme, ich habe Autoren zu Hause besucht, z.B. Klaus Mahn zweimal in Florida. Die Autoren, die in meiner näheren Umgebung wohnten, sowieso. Ich war auch bei Francis auf einer seiner legendären Gartenpartys, ich hatte Treffen in Wien auf dem Schwedenplatz in einem Eiscafé … Ach ja, das waren du und natürlich Leo Lukas.

HGF

Ein jüngerer Udo mit einem jüngeren H.G. Franciskowsky.

Auch wurde ich von Autoren als Figur verbraten und zitiert. Zum Beispiel im Jubiläumsband 5: »Der Weiße Schrein«, Jubiläumsband 6, »Reise der Stardust«, PERRY RHODAN 1177 Seite 12 unten links, PERRY RHODAN 1297 Seite 48 unten links, PERRY RHODAN 1310 im Personenkästchen als Anagramm, im Werkstattband …

Ich habe alle Autoren kennengelernt. Nur einen nicht, und das tut mir heut noch weh: den Willi Voltz.

F: Wie gehst du vor, wenn zum Beispiel wie gerade eben Tanja Kinkel einen Gastroman abliefert?

A: Das ist von Fall zu Fall verschieden. Ich respektiere die Intimsphäre der Autoren und gebe nichts an Andere weiter. Aber ich kann anfragen. Autoren, die keinen Kontakt wünschen, fragt dann der Verlag an. Das macht der Bolli (Anmerkung: Klaus Bollhöfener, Marketing-Mitarbeiter beim Verlag Pabel-Moewig) für mich, ein feiner Kerl übrigens.

Tanja Kinkel hat eine Internet-Seite, und da werde ich anfragen.

F: Ist für dich diese ganz besondere Sammlung eine Investition, hat sie also einen »Wert«?

A: Sicher hat die Sammlung einen Wert. Aber der ist eher ideell. Für die Nummer 1 mit Autogramm bekommt man sicher ein Schweinegeld. Auch für einige andere Dinge, die ich besitze. – Aber die normalen heutigen Nummern? Der Wert einer Sache ist ja nur so hoch, wie ein Anderer dafür bereit ist zu zahlen.

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Band 1 mit Unterschrift von K.H. Scheer

Die Sammlung ist auch größer, als du ahnst. Ich war ja schon 1984 im Guinness-Buch der Rekorde mit über 6000 signierten Exemplaren! Die heutige Sammlung besteht aus 12.100 signierten Heften, Taschenbüchern und so weiter, dazu kommen noch 3 420 unsignierte Exemplare und an die 1600 Comics.

Neben PERRY RHODAN und ATLAN habe ich etwa alle TERRA-Reihen, DRAGON, MYTHOR, »Dämonenkiller«, »Seewölfe«, »Soldatengeschichten«, »Rolf Torring«, »Jörn Farrow«, »Galaxis« mit allen Taschenbüchern; von Bastei das ganze Programm, abgesehen von »John Sinclair«, dazu kommen noch »Ren Dhark« und »Raumschiff Promet«. Das Sammeln macht mir Spaß, bereitet mir aber auch eine Menge Mühen.

 

F: Kommen wir zum Schluss noch zur Serie selbst, zu PERRY RHODAN: Wie gefällt dir die derzeitige Entwicklung, bist du mit der Handlung zufrieden oder nicht?

A: Da bin ich geteilter Meinung. Einerseits gefällt mir die Story gut. Aber der Laren-Kram war damals schon nicht so mein Ding, und ich meine, das sollte man nicht wieder aufwärmen. Ich teile Wim Vandemaans Auffassung nicht, dass der Grund für die damalige Laren-Invasion noch unbekannt ist. Für mich kam in diesem Zyklus ganz klar heraus, dass es um »Machterweiterung« ging. Punkt.

Sehr sauer aufgestoßen hat mir der Tod von Roland Tekener. Die Romane dazu waren gut und spannend geschrieben, keine Frage; dass hin und wieder mal einer abtreten muss, ist auch klar. Aber es gibt etliche Langweiligere unter den Chipträgern. Zwingend notwendig ist meiner Meinung nach das Verbleiben von Alaska Saedelaere in der Serie.

Ich lese gerne Romane von Frank Borsch. Das wird mir aber wegen PERRY RHODAN NEO verwehrt. Ich halte NEO für überflüssiger als einen Kropf.

Ich verstehe, dass der Verlag und die Autoren Geld verdienen wollen. Einen Aufguss wie NEO muss es aber nicht sein. Es gibt genug andere Möglichkeiten, siehe PERRY RHODAN-Stardust.

Mir haben kurze Probelesungen bei NEO gereicht. Im ersten Band war es bereits der erste Satz: »Rhodan lächelte auf Befehl …« Also, mein Rhodan lächelt ja, aber nicht auf Befehl.

Auch wie sich der Busfahrer in der Leseprobe zu NEO 50 verhält, das ist unmöglich. Ein Kind der heutigen Jahre würde sich das schon mit der Antwort: »Das geht dich einen Scheißdreck an!« verbieten.

F: Ich seh das nicht so, Udo. Vor allem denke ich, dass du von einigen Passagen und Leseproben nicht auf die Inhalte einer ganzen Serie schließen solltest …

A: Da hast du Recht. Man sollte von kurzen Leseproben nicht auf die Serie schließen. Das tue ich auch nicht, kann aber nicht alles anführen. Ich lehne NEO ab, weil man Respekt vor der Leistung der Altautoren haben sollte. Das mit den beiden Leseproben sind bloß Beispiele. Was finde ich, wenn ich alles lese?

Solange man nicht eine fehlerfreie Erstauflage hinbekommt, sollte man sich nicht um Überflüssiges kümmern … und eine PERRY RHODAN-Serie gibt es nun mal schon.

 

 

 

Alle Photos sind Copyright Udo Claaßen.

 

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