Interview mit … Peter Hiess

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Mein neuester Interview-Partner ist Peter Hiess, Journalist, Lektor, Autor, Rezensent, Übersetzer, Verleger und noch vieles anderes im Medienbereich. Er hat 2010 den Verlag EVOLVER BOOKS (http://www.evolver-books.at/) mitgegründet und erzählt ein bißl was über seine Erfahrungen.

„Ein bißl was“ ist nun eine typisch wienerische Untertreibung. Denn das Gespräch, das ich mit ihm geführt hab, war das längste bislang. Wir haben uns in den seltsamsten Themenkomplexen verirrt, und das mit ziemlichem Spaß an der Freude. Aber lest selbst …

F: Peter, Du bist Jahrgang 1959?

A: Ja.

F: Ich möchte Dich heute hauptsächlich zu Deiner Rolle als Verleger befragen, Du bist aber eigentlich ein Tausendsassa. Du bist Journalist, Redakteur, Herausgeber, Verleger, hast den EVOLVER gegründet …

A: … mitbegründet …

F: Was ich sehr interessant finde: Der EVOLVER war ein sehr frühes kommerzielles Projekt im Internet. Du hast bereits in den Neunzigern mit den damals neuen Medien experimentiert. In den letzten Jahren beschäftigst Du Dich aber wiederum mit „Schundliteratur“, mit Heftromanen, denen man seit Jahrzehnten nachsagt, daß sie rückwärtsgewandt seien und es sie schon bald nicht mehr geben werde. Hier die Internet-Zeitschrift – da gedruckte Heftromane. Wie bist Du zu diesen beiden völlig unterschiedlichen Ansätzen gekommen?

A: Der technikaffine Ansatz war der, daß das Internet nun einmal passiert ist. Als Journalist mußte man da relativ bald präsent sein. Der Journalismus in Österreich war schon Mitte der Neunziger verkommen und ist es heute noch mehr. Das ist nur noch Kommerzdreck und die Inseratenabteilungen regieren dementsprechend. Wir dachten uns, daß wir eine Internet-Zeitung machen, die uns gefällt. Wir waren damals ziemlich früh dran, und wir haben das durchgezogen.

Die Heftl- und Schundliteratur-Affinität, die datiert noch viel weiter zurück. Das ging los, als ich zum Lesen anfing. Auf dem Schulweg hatte ich eine Romantauschzentrale. Eine „Habsburg“-Wäscherei, die nebenbei Heftln verkauft hat. Herrenmagazine, Taschenbücher und so. Neben der klassischen Literatur hab ich halt auch die Heftln gehabt. PERRY RHODAN-Stapel unterm Bett, Lassiter und Dämonenkiller …

Ich hab das immer geliebt und auch immer nach Interviews und Informationen über die Autoren gesucht. Wenn Du heute über einen Mainstream-Autor wie den Robert Schneider oder den Thomas Glavinic liest – die haben ja nix erlebt. Die Heftroman-Autoren haben immer die interessanteren Lebensgeschichten gehabt und aus ihrer eigenen Vergangenheit erzählt. Das waren einfach gute Typen. In Österreich sind sie auch die besseren Typen als die Literaten, die im Café Sperl unter ihrem eigenen Photo sitzen und sich nicht dafür genieren (Gelächter).

Ich hatte natürlich Phasen im Leben, da hab ich keine Heftln gelesen, hab aber dann angefangen, Comics zu sammeln. Irgendwas hat mich immer in diese Richtung gezogen.

F: Ich hab gelesen, daß Du Donaldist bist?

A: Ich bin kein praktizierender Donaldist mehr, aber ich mag Donald natürlich. Durch meine vielen Umzüge hab ich meine Sammlung reduziert. Ich stoße immer mehr ab.

Aber ich trag einen wütenden Donald auf der Schulter. Ich hab damals ein Photo mit der Tätowierung an Carl Barks geschickt. Er hat mir einen handgeschriebenen Brief zurückgesandt. Er hat sich dafür bedankt und hat mir viel Freude mit dem Tattoo gewünscht, Donald würde sich sicherlich freuen … das war sehr nett von ihm.

Ich war schon immer ein großer Donald-Fan. Das war der Comic-Held, mit dem man sich identifizieren konnte.

F: Was war zuerst da: Die Liebe zum Comic, oder die zum Schundheftl?

A: Verboten war beides. Von den Eltern war beides nicht gerne gesehen. Wahrscheinlich waren’s die Heftln. Die Romane haben halt doch noch mehr als jugendverderbendes Gut gegolten.

Mein Stiefvater hat auch Romanheftln zu Hause gehabt. Er hat viel Jerry Cotton gelesen.

F: Wie ist es eigentlich zur Gründung des Verlags EVOLVER BOOKS gekommen? Ich vermute, daß es in Österreich gar nicht so einfach ist, einen Verlag aus dem Boden zu stampfen.

A: Begonnen haben wir im Rahmen des Vereins EVOLVER; der uns mit den sehr weit gefaßten Vereinsstatuten so ziemlich alles erlaubt. Wir haben ohne jede Erfahrung in diesen Dingen angefangen, Romane zu machen, sie herauszubringen, zu verkaufen und selbst zu vertreiben. Wir haben einen Vertrieb gefunden, haben daraufhin eine Firma gegründet …

Dann ist mein Verlagsmitgründer Robert Draxler draufgekommen, daß er davon nicht leben kann – was ihm eigentlich hätte klar sein müssen (lacht). Er hat sich also zum Großteil wieder ins normale Arbeits- und Privatleben zurückgezogen. Aber er macht immerhin noch die Produktion und die Druckbetreuung für den Verlag.

F: Du bist also die treibende Kraft hinter EVOLVER BOOKS?

A: Ich bin eigentlich momentan der Verlag – wenigstens offiziell. Der Andreas Winterer, der in München sitzt, hat sich bereiterklärt, so Dinge wie die e-books zu übernehmen und zu betreuen und die Homepage neu zu machen. Alleine derpackst Du es nicht. Es ist unglaublich viel Arbeit.

Es fängt damit an, Bestellungen entgegenzunehmen, Rechnungen schreiben, Verträge und das ganze Blabla … Aber ich wollte es halt wissen. Ich bin einer, der gerne mit einem Hintern auf tausend Kirtagen tanzt. Ich war schon Herausgeber, Übersetzer, Redakteur – aber Verleger war ich noch nicht. Und ich wollte was Gedrucktes machen, auf das ich stolz sein kann.

Ich hab in den frühen Achtziger Jahren mit Fanzines angefangen, mit Punk- und New Wave-Fanzines, und ich wollte wieder so etwas machen. Nicht nur elektronisch, weil das ist ja noch schneller Vergangenheit.

F: Du hast den Schritt zurück zum Papier also sehr bewußt gemacht, es war Dir offensichtlich ein Anliegen. Siehst Du da denn noch eine Zukunft, oder siehst Du das ein bißl romantisch verklärt?

A: Wenn Du zumindest mit einer Nullsumme aussteigen möchtest – und das will ich -, dann kannst Dir romantische Gefühle in dieser Branche nicht leisten. Es ist natürlich ein bißl Nostalgie mit dabei. Ich möchte diejenigen ansprechen, die sich noch an die Schundheftlkultur erinnern können. Auf der anderen Seite hab ich den angloamerikanischen Sprachraum beobachtet, und dort wird derzeit immer mehr Pulp gedruckt. Es gibt sowohl Nachdrucke als auch neue Sachen. Schöne neue Sachen, die auch professionell gemacht sind. Es gibt ein Publikum dafür, glaube ich, das ein bißl mehr haben möchte, als aufs Display vom Handy zu schauen.

Vor fast drei Jahren, als wir begonnen haben, glaubten wir, daß wir uns die e-books sparen können. Mittlerweile hat sich die Szene so entwickelt, daß es ohne e-books eh gar nimmer geht. Ich möchte aber von den Produkten, die wir rausbringen und die uns wichtig sind, immer auch eine gedruckte Version haben. Ich glaube, daß das gedruckte Heft oder das Buch nach wie vor eine Zukunft haben.

F: Ich hab mir Dein Verlagsprogramm angeschaut. Ich persönlich sehe da noch keine richtige Linie drin.

A: Ich auch nicht. Ich bekomm jede Menge Manuskripte von Leuten. Viele glauben, daß sie schreiben können, und manche können’s ja auch. Jetzt nehm ich mir da raus, was mir grad gefällt. Ich denk mir: Das ist gut, und das muß jetzt sein. Zuletzt machten wir zum Beispiel ein Sherlock Holmes-Theaterstück. Der Thomas Fröhlich hat ein Stück nach einer Kurzgeschichte von Andreas Gruber adaptiert.

F: … das wurde in Sankt Pölten uraufgeführt, nicht wahr?

A: Genau. Und wir haben das Stück in Buchform veröffentlicht. Danach machen wir ein schmales Büchlein mit Kurzgeschichten nach einem Wettbewerb, zu dem wir aufgerufen haben, mit dem Thema „Mumien“. Es wird so wie die Zombie-Anthologie sein. Dort hatten wir allerdings etwa zwanzig Geschichten drin, bei den Mumien werden es zehn bis zwölf werden, so viele gute waren diesmal nicht mit dabei.

F: Wie ist die Außenwirkung des Verlags? Sprecht ihr eher österreichische Autoren an oder kommen Manuskripte aus dem gesamten deutschsprachigen Raum?

A: Aus der Schweiz kommt fast nix, aber aus Deutschland kommt sehr viel. Es gibt eine eingeschworene deutsche Independent-Szene. Das sind Leute, die immer wieder auftauchen. Alisha Bionda macht sich um diese Autoren sehr verdient. Ich versuche dann schon, die Österreicher rauszukletzeln (auszufiltern) und mit denen Kontakt zu halten. Die Deutschen gehen auf Cons und kaufen sich gegenseitig ihre Bücher ab. Das ist ganz nett und ich seh das durchaus ein – aber das alleine kann’s nicht sein. Ich möchte schon ein breiteres Publikum erreichen.

Ich freu mich über jeden, der schreibt. Ich korrespondiere auch gerne mit den Leuten. Ich verspreche jedem, der bei unseren Kurzgeschichten-Wettbewerben mitmacht, dass ich seine Story lese und beurteile. Meist nur in ein paar Zeilen. Aber ich mach’s, damit die Leute das Gefühl haben, daß sie nicht umsonst schreiben.

F: Du bist hauptberuflich nach wie vor Journalist?

A: Ja. Ich bin Freelancer. Ich war einmal ein Monat lang wo angestellt, beim „Wiener“ … Nein danke, das hat mir gereicht. Ich geh in kein Büro, das halt ich nicht aus.

F: Hatte das mit dem „Wiener“ zu tun oder ganz generell mit den Abläufen in einem Verlag?

A: Mit den Abläufen. Weil ich in einem Büro sitz, wo den ganzen Tag irgendwelche Deppen reinkommen und irgendwas fragen. Das pack ich nicht. Das wollt ich auch nie.

Schon als ich fünfzehn, sechzehn Jahre alt war, wollte ich schreiben und ganz sicher nie einen fixen Angestellten-Job haben. Ich war zwar kurze Zeit lang geringfügig angestellt, vor ein paar Jahren – im Narrenturm, wo ich Veranstaltungen organisiert und Pressearbeit gemacht habe. Da ging es aber eher darum, dass mir jemand die Krankenkasse zahlt. Und dann war ich wieder Freelancer. Es wird leider immer schwieriger. Du arbeitest zu sechzig Prozent für die Sozialversicherung und fürs Finanzamt, man legt Dir immer nur Steine in den Weg. Aber das ist eh das gleiche Gejammer, das alle Kleinunternehmer anstimmen.

Der Journalismus wird auch immer grauslicher. Nach dreißig Jahren hast Du alles schon mal geschrieben – und ich kann keine österreichische Zeitung mehr aufschlagen. Ich bekomm sofort so einen Gachen (ugs. für: Zorn). Wie schlecht die Texte sind, wie schlecht das alles recherchiert ist und wie dumm die Menschen sind, die das schreiben. Ich hab das Gefühl, daß es in allen Redaktionen das Ziel ist, den Humor auszurotten. Sobald Du eine witzige oder schlüpfrige Anspielung in einen Text reinschreibst, kannst Dir sicher sein, daß er verändert wird.

F: Es wird halt viel geglättet …

A: Es wundert mich eh, wie der Leo und Du bei PERRY RHODAN durchkommen.

F: Humor ist eine verdammt schwierige Angelegenheit … Aber zurück zum Verlag: Du hast eine Auslieferung.

A: Ja, den Buchliefer-Service BLS in Deutschland. Dort bestellen die deutschen Buchhandlungen. Ansonsten gibt’s unsere Bücher auf der offiziellen Website und über amazon, wo wir einen eigenen Shop haben. Leider nehmen die Buchhändler das Heftformat kaum an. Wir würden gerne den Bahnhofsbuchhandel und die Kioske erreichen. Der Morawa (Anm: österr. Grossist, der Zeitschriftenhändler und Trafiken/Kioske beliefert) sagt dann: „Liefern’s uns einmal fünftausend Stück.“ Da können wir natürlich nicht mitziehen.

F: Gehst Du eigentlich auch selbst Klinken putzen? Gehst Du in „artfremde“ Geschäfte rein, von denen Du glaubst, sie könnten Deine Bücher verkaufen wollen? Comicläden, Plattengeschäfte oder so?

A: Gelegentlich, ja. In Wien gibt’s zwei Geschäfte, die ich so eingefangen hab.

Bei den Buchhändlern stoß ich leider immer wieder auf eine unglaubliche Faulheit. Da bekommst zu hören: „Da muß ich aber zuerst den Chef fragen“ – und dann passiert gar nix. Auch bei vielen kleinen Buchhändlern stoß ich auf Arroganz. „Des brauch ma ned …“

Das Interesse und die Entdeckerfreude, die die Buchhändler früher gehabt haben, gibt’s nimmer. Man kann heute eh alles im Internet bestellen oder kaufen, so die allgemeine Meinung.

F: Der Ausstoß an Büchern im deutschsprachigen Raum ist aber auch wirklich gewaltig. Ein Buchhändler kann ja gar keine Übersicht mehr haben.

A: Ja, natürlich. Ich bin leider kein guter Verkäufer, nie gewesen. Bei meinen eigenen Sachen und Artikeln schon. Aber nicht bei den EVOLVER-Produkten. Wenn ich zu einem potenziellen Geldgeber oder Kunden hingeh und der sagt ein falsches Wort über meine Arbeit, meinen Verlag, da verlier ich gleich die Lust, mit ihm zu verhandeln.

Als journalistischer Freelancer konnte ich ja zu mehreren Leuten gehen und meine Sachen anbieten. Als dann der erste Internet-Boom aufgekommen ist, war die evolver.at-Seite eine Zeitlang gut finanziert, weil wir für andere Internet-Medien geschrieben haben und dafür bezahlt wurden. Den Gewinn haben wir gleich wieder ins EVOLVER-Projekt gesteckt.

Einmal hatten wir einen potentiellen Geldgeber aus der Verlagsbranche, und da mußten wir mit so einem Schackl (ugs. Für: Kerl) über die finanziellen Rahmenbedingungen verhandeln, der Klaus Hübner (EVOLVER-Mitgründer) und ich. Der Typ hatte aber leider einen Sprachfehler. Er sagte dauernd: „Emolver“. Ich hab mir gedacht: Ist ja wurscht. Aber der Klaus hat sich vor ihn hingestellt und geschrien: „Des heißt EVOLVER!“

Wir haben von denen niemals einen Groschen bekommen, eh klar …

Das Verhandeln ist also nicht so unsere starke Seite … Aber ich geb gern Interviews und mach gern Öffentlichkeitsarbeit, darin bin ich recht gut.

F: Ich hab vor kurzem vom Gerhard Förster (Anm: Herausgeber der Comic-Fachzeitschrift „Die Sprechblase“) gehört, daß er das Klinkenputzen und Anzeigenaufträge reinholen nicht so gern mag. Da muß er sich immer überwinden.

A: Wir sind jetzt in einem Stadium, da wir viele Austauschinserate machen. Mit „Pulpmaster“ zum Beispiel oder mit „Voodoo Press“ oder mit dem Festa-Verlag. Einer meiner großen Träume ist ja noch immer, daß ich mit Leuten wie zum Beispiel dem Michael Preissl von Voodoo Press unter einem gemeinsamen Dach locker zusammenarbeite. Daß man vielleicht gemeinsame Vorschauen macht. Oder gemeinsame Lesungen, einen gemeinsamen Stand auf einer Buchmesse. Oder daß man versucht, gemeinsam bei einer Druckerei bessere Preise zu bekommen.

F: Kommen wir zur Titelbildgestaltung. Bei der Optik wird nahezu jeder Genrewunsch bedient, und ihr lehnt euch sehr an ältere Vorbilder an. Habt ihr einen Mann, der alles für euch macht, oder gibt’s mehrere Künstler?

A: Die ersten paar Titelbilder hat der Robert Draxler gestaltet, mit dem ich den Verlag gegründet hab. Dann gibt’s den Jörg Vogeltanz, ein ganz ein lieber Mensch, der zum Beispiel das „Zombie“- und jetzt das Holmes-Cover gemacht hat. Er macht unglaublich schöne Sachen.

F: Sind die noch von Hand gemalt?

A: Ja. Er hat halt die Angewohnheit, sich drei Wochen lang sekkieren zu lassen, wenn man was braucht, und die Arbeit dann innerhalb einer Nacht zu erledigen.

Manchmal melden sich Illustratoren bei uns an, die ich ausprobier. Das funktioniert nicht immer so gut.

F: Zu den Autoren: Kannst Du ihnen denn ein Honorar versprechen?

A: Alle Autoren bekommen einen Verlagsvertrag, in denen ihre Prozente am Buch aufgeschlüsselt sind. Da sind natürlich auch die e-book-Verkäufe geregelt.

Von einem e-Book, das wir verkaufen, bleiben uns als Verlag etwa sechzig Prozent vom Netto-Preis über. Davon bekommt der Autor ungefähr die Hälfte. Das ist meiner Meinung nach fair. Würde der Autor alles selbst machen, bekäme er mehr Geld raus, hätte aber nicht die Bühne, die wir ihm bieten, muß sich ums Lektorat kümmern, das Buch schaut womöglich nix gleich …

Bei den Anthologien wird natürlich anders abgerechnet, da kommen dann teilweise nur Groschenbeträge zusammen. Bei den e-books arbeiten wir mit dem Vertrieb Bookwire zusammen; die bringen uns in alle wichtigen Shops und nehmen uns die ganze Arbeit mit der Abrechnung ab.

F: Bei e-books seh ich persönlich gar nicht mehr richtig durch. Mittlerweile wird’s etwa zweihunderttausend verschiedene deutschsprachige Titel geben, die angeboten werden. Wie kommst Du da an Dein Zielpublikum ran? Was machst Du, daß jemand, der eure e-books kaufen möchte, euch auch findet?

A: Naja, dranbleiben halt. Ich mach regelmäßig Presseaussendungen, sodaß wir immer irgendwie präsent sind. Es gab im Dezember 2012 eine Advent-Aktion: Man hat an jedem Adventwochenende ein Buch von uns umsonst oder verbilligt gekriegt. Da hoffst Du dann, daß Leser hängenbleiben und andere Bücher aus dem Verlagsprogramm kaufen.

Wir waren dann in den amazon-Charts der Gratis-e-books plötzlich ganz weit oben, und das hilft natürlich auch.

Wie man an Leser herankommt – das ist echt ein Mysterium. Das weiß man auch bei Zeitungen nicht so genau. Man muß halt alles versuchen. Ich probier auch, ein bißl aus dieser geschlossenen Fan-Szene rauszukommen und in den Mainstream hinein. Das ist schwer bei der Arroganz des Mainstream-Journalismus. Ich versuch diese Leut dazu zu bringen, sich was anzuschauen, was nicht im Programm von Diogenes oder Suhrkamp steht.

Wenn große Verlage auf einmal das machen, was wir machen, weil sie meinen, daß das toll ist – es kann uns nix Besseres passieren. Dann präsentiert der Dietmar Dath bei Suhrkamp seine seltsame Auswahl an seltsamen Phantastik-Titeln – genial.

Als Journalist bekomm ich zwei Mal im Jahr einen etwa einen Meter hohen Stapel mit Programmvorschauen der Verlage. Die schau ich durch und bestell dann Rezensionsexemplare. Ich habe auch dort schon immer das gesucht, was nicht jeder macht. Ich schreibe darüber auch in meiner „Dr. Trash“-Kolumne in der „Buchkultur“ – über obskure und interessante Bücher. Dieses Interesse vermisse ich bei den Kollegen.

F: Wenn Du so in Buchprogrammen stöberst – wie groß ist der Anteil an „Perlen“? Findet sich da mal öfter was richtig Lesenswertes?

A: Bei Mainstream-Verlagen finde ich unter fünfzig Büchern eines, das ich gebrauchen kann. Das ich wiederlesen wollte und das ich genial finde.

Bei Underground-Literatur sind es zwei aus fünfzig – wenn man im Vorhinein weiß, wo man schauen muß. Ich hab zum Beispiel einen kleinen Buchhändler in Kalifornien, der früher selbst Bücher in Kleinauflagen gemacht hat(www.ziesings.com). Bei dem kauf ich seit zwanzig Jahren ein. Der hat in seinem Katalog die kleinen amerikanischen Verlage drin. Das Porto ist zwar sauteuer, aber ich bestell noch immer gerne dort.

Oder ich kauf bei „Feral House“ (http://feralhouse.com/) – ehemals „Amok Press“. Den Besitzer und andere Leut kenn ich von früher. Da gab’s eine lange Korrespondenz und Interviews.

Bei diesen Händlern entdeckst Du immer wieder interessante Dinge. Solche, die im Mainstream erst viel später oder gar nicht ankommen.

Ich mag halt das, was der Michael Preissl bei Voodoo Press tut und was der Krug früher bei „Otherworld“ gemacht hat: unbekannte amerikanische Autoren veröffentlichen, bevor sie vom Mainstream erfaßt werden. Der Krug hat einige Leute entdeckt, die Heyne später übernommen hat. Ich halt’s für die Aufgabe eines Journalisten und eines Verlegers, daß man nach solchen Autoren sucht.

F: Otherworld wurde von Michael Krug gegründet und dann von Ueberreuter aufgekauft …

A: … zugrunde gerichtet. Man hat ihm das Label abgekauft, dann später zugesperrt und gesagt: Horch zu – Du hast Pech gehabt.

Voodoo Press (http://www.voodoo-press.com) läuft meines Wissens ausgezeichnet, und das freut mich. Die machen unmäßig viel, haben ein Riesen-Programm, und die Bücher werden mit der Zeit immer besser lektoriert.

Der Preissl ist jedenfalls ein ganz ein netter Kerl. Du solltest ihn einmal interviewen …

F: Als Verleger hat man also auch ein bißl die Rolle eines Scouts, wie es sie im Fußball-Profigeschäft gibt. Du läufst auf den Fußballplätzen herum und suchst nach neuen, jungen, hungrigen Talenten.

A: Genau. Solche, die man noch billig bekommt.

F: Siehst Du Dich auch in dieser Rolle als Scout?

A: Ein bißl schon. Hätt ich mehr Zeit und Kapazität, würde ich auch mehr Amerikaner rausbringen. Aber da braucht man wen, der die Rechtslage abklärt und einen Übersetzer … Aber es ginge. Ich hab da ein Buch entdeckt von einem Taxler aus Chicago, der es an seine Fahrgäste verkauft hat. Das ist beim US-Verlag „Hard Case Crime“ rausgekommen (http://www.hardcasecrime.com; Anm: Die Retro-Titelbilder sind eine Augenweide!). Dabei handelt sich’s hauptsächlich um Taxi-Geschichten (Jack Clark: „Nobody’s Angel“) und in der Rahmenhandlung um einen Serienkiller … So etwas tät ich irrsinnig gern veröffentlichen.

Vielleicht gibt’s im deutschsprachigen Raum bloß zwanzig Leute, die sich für die Abenteuer eines Taxlers aus Chicago interessieren – aber Du weißt es nicht. Vielleicht entdeckt’s jemand von der Frankfurter Allgemeinen, und auf einmal bist hochweis.

F: Aber wie spürt man so einen Trend auf? Wie gelingt’s, daß man aufs richtige Pferd setzt?

A: Das passiert halt. Auf einmal bist Du mit einem Buch mitten im Zombie-Trend drin, von dem niemand geglaubt hat, daß er im deutsprachigen Raum so stark werden wird. Wir waren mit unserem „Buch der lebenden Toten“ nicht ganz früh dran, aber doch noch im ersten Schwung des Zombie-Trends. Die Mumien sind nicht so ein Trend, nach der Menge der Einsendungen zu schließen, aber wir hoffen natürlich auch da auf das Beste.

Ich glaub, daß Superhelden das nächste große Ding sein werden. In Amerika hörst immer mehr davon. Ich würde jetzt darauf setzen.

Steampunk ist ein Trend, der wäre auch dagewesen für uns. Aber ich hab das Gefühl, da haben irrsinnig viele Leut über die viktorianische Zeit geschrieben, die keine Ahnung davon hatten. Die schrieben über London – aber ich hätte gern lokalen Steampunk gehabt.

F: Ich hab persönlich auch schon erlebt, daß Redakteure oder Agenten fürchterlich in die Kloschüssel gegriffen und falsche Trends prophezeit haben. Vor einiger Zeit wurde mir mal gesagt: Schreib was, das in Richtung „Engel“ geht. Wirst sehen, das kommt ganz stark.

Ich hab dann nix gemacht, weil mich das Thema so richtig überhaupt nicht interessiert – und ich bin froh drüber.

A: Schrecklich. Diese Engelsgeschichten tauchen alle zehn Jahre wieder auf. Das wird von Frauen gemacht, die „New Age“ nach ihren Wechseljahren entdecken. Die brauchen ihre Engelsbilder und Schutzengerln …

Man benötigt halt ein bißl ein Gspür. Ich war als Journalist der erste, der in einem deutschsprachigen Mainstream-Blattl über Piercing geschrieben hat. Davor hat man darüber nur in Fetischisten-Zeitungen geredet.

Ich weiß gar nicht mehr, wie ich auf das Thema gekommen bin. Wahrscheinlich durch die ganzen Fanzines, die ich gelesen hab. Ich hab den Artikel dem „ÖH-Express“ verkauft (Anm: ehemaliges österr. Studentenmagazin mit einer Blütezeit in den Achtzigern des letzten Jahrhunderts), das war eine meiner ersten großen Geschichten, und ich war der Aufmacher. Ich hab mir selbst überall was durchgestochen, bis auf die Intim-Piercings, das wär zu weit gegangen.

Die „JES-Studenteninitiative“ (Anm: konservative Studentenvereinigung) hat den Artikel dann allen Abgeordneten im österreichischen Parlament vorgelegt. Was da mit dem Geld für die Studenten und die Hochschülerschaft für Sauereien geschrieben werden … Und damit war meine Karriere als Journalist festgelegt (lacht).

Ich habe damals Vampire und Nekrophile und Satanisten gefunden und befragt. Was ohne Internet gar nicht leicht war. Ich hab so lange korrespondiert, bis ich in Amerika Leute gefunden hab, die gesagt haben, daß sie Blut trinken oder es mit Leichen treiben, lauter so Unfug halt.

F: Wann war das?

A: Mitte der Achtziger. Nicht einmal faxen hast damals können. Du hast Briefe geschrieben und telephoniert.

Das hat einen Riesenspaß gemacht. Ich hab mich vor denen auch nicht gefürchtet. Da sitz ich vor irgendwelchen Wahnsinnigen, die Zyklon-B-Schilder auf den Tischen stehen haben, original vom Behälter, dann eine Schüssel mit Blut, irgendwo Charles Manson-Kunstwerke, ein Rednerpult mit einer riesigen Hakenkreuz-Flagge davor, mit geschnitzten Runen … Der Photograph neben mir hat sich angeschissen. Ich hab mit den Leuten ganz normal geredet. Wir sind auf gemeinsame Bekannte gekommen und haben uns unterhalten.

Und dann hab ich mich auch beißen lassen. Das war in Kalifornien, in einem Haus, in dem es ausgesehen hat wie bei Familie Serienkiller. Auf einem Dachboden. Nach langem Überreden hat das Mädel gesagt, daß es mich beißt. Sie hat sich so Spitzzähne reingeschraubt und zugebissen … Also, es war recht nett (lacht). Und spannend.

Ich hab ja genauso ausgeschaut wie diese Leut; nicht mit Runen und so Scheiß, aber ich war halt auch … komisch, und das hat mir bei meiner Arbeit sicherlich geholfen.

Dieser Entdeckerdrang war also immer in mir. Ich bin manchmal auch zu früh auf Trends draufgekommen. Aber ich war zum Beispiel auch als Photomotiv dabei, als in Wien die ersten Tätowier-Bilder für eine Mainstream-Zeitung geschossen wurden. Da hat’s in Wien bloß den Bernie gegeben, sonst keinen anderen Pecker (ugs. für Tätowierer).

F: Hat der Journalismus also auch viel mit Selbsterfahrung zu tun?

A: Ich hab von Anfang an gewußt, daß ich vom Schreiben leben möchte. Ich hab aber keine Ahnung gehabt, wie es sich entwickeln wird. Und dann bin ich in den Journalismus reingerutscht. Das mit der Selbsterfahrung hört sich irgendwann auf. Es ist schön, wenn Du irgendwo Deinen Namen liest, aber das verliert sich später. Ich heb meine Artikel auch nicht mehr auf, wie ich’s früher gemacht habe. Ich hab ein paar wichtige aufgehoben, die nicht im Computer abgespeichert sind, aber der Rest ist weg.

Und dann gibt’s Zeitungen, wo Du Dich genierst, daß Dein Name drinsteht. Da hab ich unter Pseudonymen geschrieben. Abgesehen von den Pseudonymen als Künstler – „Dr. Trash“ und „Pater Michael Hass“ – gibt’s auch welche, die ich verwende, damit ich nicht mit den Artikeln in Zusammenhang gebracht werde.

Einen hab ich kürzlich geschrieben für eine Kundenzeitung, mit weiblichem Pseudonym, und die Auftraggeberin hat dann gesagt: „So eine gscheite Frau! Kann die nicht einmal bei uns Vorträge halten?“ – Und jetzt weiß ich nicht, was ich machen soll (Gelächter).

Journalismus hat für mich immer bedeutet, daß man interessante Leute kennenlernen und Sachen erleben kann, an die Du sonst nicht rankommst.

Im letzten Jahr hat’s zum Beispiel das Magazin 2012 gegeben, von Red Bull. Die haben ja ziemlich viel Geld, und plötzlich bin ich auf Spesen zu David Icke (ehem. Fußball-Profi, dann Journalist und Buchautor mit einem Faible für Verschwörungstheorien) geschickt worden, auf die Isle of Wight. Ich hab ihn also dort in seiner Wohnung besucht, und mitten im Vorzimmer hatte er einen riesigen Stapel von Glühbirnen stehen. Er hat gesagt: „So lange ich lebe, verwend ich keine Energiespar-Birne“ – und da hat er bei mir schon gewonnen gehabt (lacht).

Dann war ich mit steirischen Höhlenforschern unterwegs und bin mit denen in Erdställen und Gängen herumgekrochen.  Die zeigen irgendwohin in die Dunkelheit und sagen, daß dort alles versperrt und zugemauert sei. Man weiß nicht, was sich dahinter verberge. Das sind spekulative und spannende Geschichten; das ist es, was mich immer interessiert hat.

Ich hab in Wien damals auch die Szene der Aufschneider und Bluttrinker gekannt. Die war recht klein, noch bevor es die Rollenspiel-Vampire gegeben hat. Heute brauchst in Wien bloß ins „Smart“ (ein stadtbekanntes Lokal der SM-Szene) gehen und sagen: „Gib mir ein Achterl Blut“, und Du bekommst es. Oder Du gehst dort aufs Klo, da liegt einer am Boden und sagt: „Geh, brunz mi an“, und Du antwortest: „Na, i wü jetzt ned“ (großes Gelächter).

Manchmal hab ich auch das Gefühl, daß ich mit meinen Reportagen auch ein bißl was losgetreten hab, was ich gar nicht wollte. Schon bei den Piercings … Wenn ich mir die Leute anschaust, was die alles für Blödsinn im Gesicht tragen, da denk ich mir, daß ich besser nicht darüber hätt berichten sollen … Aber es wär natürlich sowieso zum Trend geworden.

F: So, noch einmal zurück zum eigentlichen Thema: zum Verlag. Wie sieht’s denn mit den Perspektiven aus?

A: Mittlerweile bin ich ein Einzelunternehmen. Im Frühjahr gibt’s uns jetzt drei Jahre. Ich könnte also um eine Verlagsförderung ansuchen. Wobei die Erfahrung vom Michael Preissl war, daß ihm gesagt wurde, daß Science Fiction und Horror grundsätzlich nicht gefördert werden. Das schreckt mich ein bißl ab, aber ich probier’s trotzdem.

Ansonsten werd ich meine Stapel Manuskripte abarbeiten. „Super Pulp“ wird’s weitergeben, wenn auch nicht in der Frequenz, die wir gerne hätten. Die e-books wird’s weiter geben. Und ich habe auch ein paar interessante Projekte vor; unter anderem soll es um einen österreichischen Mythos und seinen Erfinder gehen.

F: Aber im Verlag gibt’s nach wie vor keinen großen Plan à la: „Da möchten wir hin.“

A: „Nein, um Gottes Willen. Das wär ja fad. Ich möchte experimentieren, aber doch so gut es geht innerhalb der Genre-Literatur bleiben. Also keine Befindlichkeits- und sonstige fade –literatur.

Mir sind andere Dinge wichtig. Ich möchte eine Kommunikation zwischen Verleger und Leser und Autoren. Wobei Du als Verleger in der Mitte stehst. Bei den Autoren hast Du Quäler sitzen. Das weiß ich, weil ich ja selbst einer bin. Autoren geben immer zu spät ab, haben immer was zu motschkern (ugs: zu meckern). Die Leser auf der anderen Seite sagen Dir: „Auf der Seite 318 hab ich einen Fehler gefunden“, und Du denkst Dir: Warum sagt er mir das und nicht, daß auf den restlichen vierhundert Seiten kein Fehler ist?!

F: Aber trotz Deiner Schmerzen würdest Du drum bitten, daß man Dir Manuskripte schickt?

A: Absolut. Leider verhalten sich manche Leute extrem ungeschickt. Auf unserer Homepage steht, daß wir keine e-mail-Anhänge öffnen, und dennoch bekommen wir immer wieder welche. Oder ich bekomm Manuskripte per Mail, bei denen sichtbar im „cc“ vierzig Empfänger-Adressen dranhängen …

Man muß mir nicht alles ausdrucken und per Post schicken. Es reichen mir ein Exposé und eine Leseprobe, und wenn’s mir gefällt, dann sag ich eh, daß ich das Manuskript ganz lesen möchte.

Es dauert halt leider oft Monate, bis ich Stellung nehmen kann. Der Stapel bei mir ist ziemlich hoch.

F: Jedenfalls: Du machst weiter mit dem Verlag EVOLVER BOOKS?

A: Ja, natürlich! Solange es mich so freut wie jetzt …

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One thought on “Interview mit … Peter Hiess

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