Über das Exposé

Leser, die sich intensiver mit der PERRY RHODAN-Serie auseinandersetzen, stoßen irgendwann auf den Begriff „Exposé“.  In dieses Wort wird einiges hineingeheimnist, und vielleicht kann ich anhand des Manuskripts, an dem ich derzeit sitze, ein bißl was aufklären.

Im allgemeinen Literaturbetrieb versteht man unter einem Exposé, ganz grob gesagt, eine Handlungsleitlinie, die ein Autor entwickelt, um einen Weg durch seine Geschichte  zu skizzieren.  Am Anfang steht also die Idee, die in einem Exposé ausgearbeitet wird und schließlich im fertigen Manuskript mündet.

Man darf dabei nie aus den Augen verlieren, daß das Expo nicht nur für den Autor selbst von Bedeutung ist, sondern auch für den Verlag, mit dem man zusammenarbeitet. Dessen Redakteur will ja wissen, worauf er sich einläßt – und er kann von vornherein wertvolle Hilfestellungen leisten, noch bevor der Autor sich in irgendwelchen Ideen verrennt, die nicht aufzulösen sind.

Bei PERRY RHODAN, als Heftserie mit durchgehendem Handlungsfortschritt konzipiert, ergeben sich zwangsweise einige Sonderregelungen. So gibt es technische Datenblätter, Beschreibungen der Handlungsorte oder Personendatenblätter, die immer wieder auf den neuesten Stand gebracht werden müssen. Findet zum Beispiel ein SERUN, ein Schutzanzug, in der Handlung eines Romans Anwendung bzw. spielt er eine besondere Rolle, muß der Autor wissen, was das Ding kann – und nicht, was es vor hundert Heften konnte. Dasselbe gilt natürlich auch für Personen, die sich beständig weiterentwickeln.

So finden sich in PERRY RHODAN-Expos oftmals Wiederholungen. Absatzweise, manchmal seitenweise hat man dasselbe bereits im Exposé des vorherigen Romans gelesen. Das mag auf dem ersten Blick lästig und sogar stupide wirken – ist aber ungemein wichtig. Der Rechercheaufwand für einen PERRY RHODAN-Roman ist ohnedies riesig, und da ist man für jedes Äutzerl Hilfe dankbar, das einem die Expokratur liefert.

Eine Frage, der ich als Autor für PERRY RHODAN immer wieder begegne, ist: Wie unabänderbar ist das Exposé für mich? Wie viel Einfluß darf ich eigentlich noch auf die Handlung nehmen?  – Nun, das möcht ich anhand des NEO-Romans zeigen, an dem ich derzeit sitze.

Ich habe es auf der Hauptebene der Handlung – es gibt noch eine kleine, nicht unbedeutende Nebenhandlung – mit drei reichlich unerfahrenen Heldenfiguren zu tun. Es gilt, die drei durch bunte Abenteuer zu jagen und dafür zu sorgen, daß sie am Ende des Romans ihr Ziel erreichen. Definieren wir das Ziel mal so: Sie müssen den Bösewicht „Bohumil“ finden.

Nun hat mir der Expo-Autor Frank Borsch einen exotischen Schauplatz auf der Erde zur Verfügung gestellt und in zehn Handlungsblöcken beschrieben, wie meine Helden Bohumil immer näher kommen. Frank gibt mir Anweisungen, wie einer der Protagonisten in Gefangenschaft geraten könnte, wie die beiden anderen nach ihm suchen, es gibt einige Ortswechsel, buntes Durcheinander, überraschende Wendungen, ein bißl Tragik – all das ist vorskizziert.

Ich hab mich zu Beginn der Schreibarbeit sehr auf die Entwicklung meiner Helden konzentriert. Wie stehen sie zueinander, wie sehen sie die Welt und sich selbst, wo gibt es Konfliktpotential? Und irgendwann, zur Mitte des verfügbaren Platzes, bin ich draufgekommen, daß ich für den Weg, den mir Frank vorgezeichnet hat, nicht mehr ausreichend Platz zur Verfügung hab Darüber hinaus hab ich eine Möglichkeit gefunden, die Handlung ab der zweiten Hälfte rasanter voranzutreiben. Also fallen etwa vier der zehn Handlungsblöcke gemäß Franks Vorgaben weg.

Wichtig ist, daß das Ziel erreicht und Bohumil gefunden wird. Daß mein Handlungsschauplatz schön bunt und exotisch ist. Daß die Figuren gut charakterisiert sind. Der Weg dorthin – nun, den zu beschreiben ist letztendlich meine Angelegenheit und es liegt in meinem Ermessen, wie ich ihn gestalte.

Diese Änderungen im Text sind doch relativ tiefgreifend, und ich habe mit Frank Rücksprache gehalten. Ich muß auch an die Autoren nach mir denken, die mit meinen Figuren weiterarbeiten, womöglich auch mit meinem Handlungsschauplatz und mit Bohumil. In meinem Fall gab es keinerlei Probleme, er hat meine Änderungswünsche abgenickt. Hätte ich noch tiefer in die Substanz des vorgegebenen Expos eingegriffen und zum Beispiel gesagt, daß ich gerne einen meiner drei Helden über die Klinge springen lassen würde, hätte ich natürlich auch den Chefredakteur mit in die Diskussion einbezogen.

Es gibt bei meinem Text selbstverständlich PERRY RHODAN-Spezifika zu beachten. So muß ich einige Szenen unbedingt im Text drin haben, die Frank Borsch für die fortschreitende Haupthandlung benötigt, für den roten Faden des Zyklus. Die kann ich natürlich nicht weglassen, und es gilt, diese „Pflöcke“ möglichst so in meinem Text unterzubringen, daß sie nicht als Fremdkörper auffallen.

Es gibt viele Gründe, warum man ein Exposé nicht exakt so umsetzt, wie es der Expokrat vorgibt. So geschieht es oft, daß man meint, eine bessere Lösung gefunden zu haben. Oder es zeigt sich, daß der Weg des Expokraten nicht gangbar ist. Oder die Wertigkeiten ändern sich während des Schreibens, und die Hauptfiguren sind plötzlich nicht mehr so wichtig wie die Nebenhandlung. Auch das kommt schon mal vor …

Wie auch immer: Meine drei Helden werden Bohumil begegnen, und es wird sich zeigen, wer von den beiden Seiten in der finalen Auseinandersetzung die stärkeren Argumente auf seiner Seite hat. Auch diese Entscheidung ist noch längst nicht getroffen, und womöglich muß ich mit Frank Borsch ein weiteres Mal plaudern. Er hat mir in dieser Hinsicht sehr viel Freiheit gelassen – und das genieße ich grad sehr.

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