Comics, Teil 1: Eine Reise durch die Zeit

Vorneweg: Ich  lese Unmengen von Comics. Sie inspirieren mich, bringen mich zum Lachen und zum Nachdenken. Ich liebe sie. Aber ich bin kein Fachmann. Ich bin interessierter Laie, der aus dem Bauch heraus sagt, was ihm gefällt und was nicht. Aber jetzt wird’s mal Zeit, daß ich mich auf eine Aufklärungsreise begebe und mir selbst mal klar mach, warum ich diese bunten Bilder so reizvoll finde.  Vielleicht möchte ja der eine oder andere Leser mich auf dieser Reise begleiten. Es tät mich freuen.

Erst vor kurzem hab ich wieder mal in meinem Bekanntenkreis gesagt bekommen, daß Comics nix mit Kunst zu tun haben. Da geht es ja bloß um bunte Heftln, die mal lustige, mal grausliche, mal spannende Geschichten erzählen. Aber sie als Kunst zu bezeichnen – das paßt nicht. Sie haben keine Tiefe, keine Reflektionsflächen, lassen selten mal Interpretationsspielraum. Sie seien seichte Unterhaltung, womöglich vergleichbar mit Groschenheftln.

Ich kenne diese Vorurteile lange genug und weiß, daß sie auf staubig-konservative Ansichten zurückgehen, die ein bis zwei Generationen vor der meinen geprägt wurden. Comics lesen, womöglich noch heimlich unter der Schulbank – das war so was von Bäh und hatte stets Konsequenzen für einen verhaltensauffälligen Buben wie mich. Die mahnenden Worte eines meiner Mittelschullehrer gingen etwa in dieselbe Richtung wie: „Vom Onanieren bekommt man Gehirnerweichung.“ Der Stehsatz in Bezug auf Comics lautete: „Wennst des Zeugs liest, bleibst für immer deppert, Bub!“ (Ich möchte hier schon mal deutlich sagen, daß ich weder gehirnerweicht bin noch deppert , obwohl ich sowohl dem einen wie dem anderen Hobby ausgiebigst gefrönt habe.)

Wie auch immer: Ich bin tolerant gegenüber Comic-Ignoranten geworden. Wenn mir jemand sagt, daß er mit Comics nix anfängt, dann mag das ja auch etwas mit den unterschiedlichen Formen der Rezeption zu tun haben. Viele Leut brauchen das Schauspiel, das Dramatische, um mitfiebern und interpretieren zu können. Das Geschriebene, um Bilder im Kopf entstehen können zu lassen. Das  Gehörte, um gerührt zu werden. Das verstehe ich vollauf – und ich bitte deshalb auch um Nachsicht, wenn ich das Comic die ursprünglichste und wichtigste Kunstform nenne.

Comics werden erst seit einigen Jahrzehnten als die „Neunte Kunst“ bezeichnet, gnadenhalber nach den Klassikern wie Architektur, Malerei, Tanz, Musik, Poesie und Bildhauerei genannt; dazwischengeschummelt haben sich auch noch die neueren Formen Kino und Fernsehen. Diese Grobeinteilung wird heutzutage kaum noch ein Theoretiker anwenden; zu viele neue Zwischenformen haben sich entwickelt, wie zum Beispiel räumliche Installationen, um nur eine zu nennen.

An dieser Stelle ist es wohl notwendig, mal zu sagen, was ein Comic eigentlich ist. Meist wird es als „sequentielle Bilddarstellung“ definiert. Also: Aus der Aneinanderreihung von Bildern ergibt sich für den Betrachter ein kausaler Zusammenhang. Eine Geschichte, die meist auch durch Text ergänzt wird.

Und wenn man dieser Definition folgt, so scheint mir, daß die Bilddarstellung  schon viel früher da war als alle anderen Kunstformen. Da gibt es alte Schriften wie zum Beispiel die „Wiener Genesis“, entstanden irgendwann im sechsten Jahrhundert, in der biblische Kodizes illustriert wurden (siehe Bild). Die Wiener Genesis befolgte alle formalen Gesetze, die ein Comic ausmachen. Grob gesagt: eine fortlaufende Bildgeschichte wird durch Text ergänzt  – oder umgekehrt.

Wie steht es übrigens mit dem Bilderzyklus der Kreuzwegstationen, der Geschichte von Jesus Christus von seiner Verurteilung bis hin zu seinem Tod am Kreuz bzw. seiner Auferstehung? – Dieser Leidensweg wird in Bildern erzählt (siehe Bild, Stationen 1 und 2)  und wird manchmal von kurzen Texten begleitet. Ein gewagtes Beispiel? – Hm …

Man kann ruhig weiter in der Zeit zurückreisen, in die Antike. Um auf Römische Siegessäulen zu stoßen. Reliefstreifen, spiralförmig nach oben geführt, zeigen Bildergeschichten. Wie hat Kaiser Trajan seine Kriege gegen die Daker gewonnen – hier bekommt man’s bildlich und als Geschichte vor Augen geführt.

Oder aber man sieht sich Höhlenzeichnungen an, deren berühmtesten sich wohl in den Höhlen nahe Lascaux in Frankreich finden. Vor 20.000 Jahren oder mehr, als der Mensch noch kein Schriftsystem kannte, teilte er sich eben derart mit. – „Seht her – das sind die Tiere, mit denen wir es zu tun haben. Auerochsen! Stiere, Bären, Wisente, Rentiere und Wildpferde.“

Einige dieser Lascaux-Bilder stehen in einem Bezugssystem. Sie erzählen eine mystisch angehauchte Geschichte aus einer Zeit, da der Mensch ein anderes Wissen von der Welt rings um sich besaß und seine Rolle auch völlig anders definierte. Man war nicht Herr und schon gar nicht Herrscher. Man war ein Viech, wie es viele andere auch gab – aber man begann sich mitzuteilen. Mit und in Bildern.

Ich bewege mich da ganz gewiss auf sehr dünnem Eis; aber wenn ich mir diese Höhlenmalereien, diese Zeichnungen ansehe, entstehen Geschichten vor meinem inneren Auge. Ich fühle mich in eine fremde, fremdartige Zeit zurückversetzt. Ich fühle Angst vor Dunkelheit, aber das Innere der Höhle vermittelt mir ein Gefühl der Sicherheit. Ich bin stolz. Wir haben einen Brunnen gebaut, wir besitzen Licht und Feuer. Wir sind schlau! Wir jagen gemeinsam Nahrung, weil wir alleine zu schwach sind. Wir besitzen Waffen und Werkzeuge. Und ich beweise meine Fertigkeit, indem ich in Bildern lebendig werden lasse, was ich erlebt und gesehen habe. Ich nutze, was der Stein rings um mich hergibt. Ich kratze Staub aus den Stein raus. Ich vermenge den Staub mit Wasser oder Speichel und bekomme Farbe. Ich zeichne nicht nur Bilder, sondern auch Symbole dazwischen. Solche, die mich beschützen sollen …

So sehe ich die Bilder von Lascaux. Eine Geschichte entsteht, ich interpretiere. Das ist mein ganz persönlicher Zugang, der nun ganz gewiß nix mit den Forschungen jener Fachleute zu tun hat, die sich mit Höhlenmalereien beschäftigen. Aber ist es nicht so, daß derart alles begann? Daß die Bildergeschichte die erste (Kunst)Form des Menschen war, um sich mitzuteilen?

Nun – ich habe Begriffe bis zum Gehtnichtmehr gebogen und gedehnt, und man möge mir meine Freiheiten verzeihen. Aber ich halte es für höchst faszinierend zu wissen, daß zuerst das Bild da war, dann die Verknüpfung zu Bilderserien – und erst viel später das Wort.

Das war’s vorerst. Bei meinem nächsten Comic-Beitrag wird’s garantiert nicht mehr so theoretisch und polemisch. Versprochen.

Die Bilder/Photos sind allesamt der Wikipedia entnommen, gemäß der GNU Free Documentation License.

Ergänzung: Reinhard Habeck, geistiger Vater des „Rüsselmops“, hat mir weiteres Bildmaterial steinzeitlicher Darstellungen geliefert. Das Photo, auf dem er mit drauf ist, wurde im Val Camonica in Norditalien geschossen und zeigt in den Fels geritzte Figuren, bis zu 14.000 Jahre alt, die aneinandergereiht sind. Er schreibt dazu: „Archäologen sprechen neuerdings von einem Urzeit-Kino, denn unter bestimmten Lichtverhältnissen scheinen die Bilder in Bewegung gesetzt – ähnlich einem Film.“

Zwei Darstellungen (der „Disney-Bär“ und die laufenden Löwen) stammen aus der Chauvet-Höhle. Manche Bilder datieren auf einen Zeitraum 32.000 – 35.000 Jahre vor Christus; die künstlerische Qualität ist phänomenal.

Das vierte Bild schließlich zeigt „Rundköpfe“, wie sie etwa 6.000 bis 7.000 vor Christus von Bewohnern der Sahara in den Fels geritzt wurden.

In diesem Zusammenhang möcht ich auf Reinhard Habecks Buch „Bilder, die es nicht geben dürfte“ hinweisen, in dem er über die Anfänge der Bildkunst berichtet. Und ich danke ihm ganz herzlich für die Zurverfügungstellung des Bildmaterials.

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One thought on “Comics, Teil 1: Eine Reise durch die Zeit

  1. Den Worten kann ich mich nur anschließen. Ich habe so ähnliche Kommentare zu Comics in meiner Schulzeit vernommen – lustigerweise wurde(n) aber Asterix (in Latein natürlich) und Prinz Eisenherz NICHT als Vetrottelungsgefahr gesehen. Zu den frühen Comics: Die romanische Kirche bei Schöngrabern (bei Hollabrunn) bietet auch eine sogenannte „biblia pauperum“ eine sogenannte „Armenbibel“ wo die Leidensgeschichte Christi in Stein gehauen dargestellt wird. Sehr sehenswert. Zu der Schlußfolgerung ZUERST war das Bild, dann das Wort kann ich nur sagen: YES, right! 🙂

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