Erinnerungen an Ernst Vlcek

Es war der 22. April 2008. Ich erhielt einen Anruf am späteren Vormittag, und am Telephon war eine Frauenstimme zu hören, völlig aufgelöst, fast nicht verständlich.

„Er ist tot!“, schluchzte jemand, „er ist tot!“

Es dauerte eine Weile, bis ich Uschi Zietschs Stimme erkannte – und bis ich begriff, daß sie Ernst Vlcek meinte. Mein Freund und Kollege war in der Nacht gestorben. „Friedlich entschlafen“ nennt man das wohl; Ernst war am Abend an der Seite seiner Frau Regina zu Bett gegangen und nicht mehr aufgewacht.

Er war in den letzten Jahren seines Lebens angeschlagen gewesen, hatte immer wieder gesundheitliche Probleme gehabt. Aber  er hatte sich kaum etwas anmerken lassen. Als Leo Lukas und ich ihn Monate davor anläßlich eines Spitalsaufenthalts besucht hatten, war er trotz aller Schwierigkeiten voll Lebensfreude gewesen und hatte Pläne geschmiedet, hatte Visionen für die Zukunft gehabt. Regina und er wollten die Jahre des gemeinsamen Ruhestands genießen und mehr voneinander haben als in den Jahren zuvor, da Ernst bei  PERRY RHODAN und anderen Serien tüchtig eingespannt gewesen war.

Er wollte alte, liegengebliebene Projekte verwirklichen und neue Ideen niederschreiben … Nun, es ist ihm zumindest zum Teil gelungen. Er verfaßte einige Beiträge zu DORIAN HUNTER beziehungsweise COCO ZAMIS, schrieb Kurzgeschichten, lieferte ab und an PERRY RHODAN-Manuskripte ab – und schaffte es, die „Sternensaga“ fertigzustellen. Es war dies sein Liebkind auf dem Gebiet der Science Fiction gewesen, und es war ihm in diesen Jahren ein besonderes Anliegen, den Zyklus mit dem vierten Band abzuschließen. Was ihm auch gelang: Am Abend vor seinem Tod tippte er die letzten Zeilen …

Gehen wir einige Jahrzehnte zurück. Meine erste Begegnung mit Ernst Vlcek hatte ich via Radio. Es muß Ende der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts gewesen sein, daß er für ein Feature über PERRY RHODAN vom österreichischen Rundfunk interviewt worden war. Ich war damals nicht im Fandom integriert gewesen und wußte von Ernst gerade mal, daß mir seine Romane sehr gut gefielen – und daß er Wiener war. Ich hörte seine Stimme, und ich bekam den Eindruck vermittelt, daß er als PERRY-Autor  keinesfalls in völlig abgehobenen Sphären schwebte, sondern ein sehr bodenständiger Mensch mit ausgeprägtem Wiener Dialekt war. Diese Hör-Erfahrung war irgendwie seltsam: Ernst schrieb über fernste Universen – und bediente sich beim Reden eines Slangs, den man dem zehnten Wiener Gemeindebezirk zuordnen konnte.

Irgendwann, Mitte der Neunziger, näherte ich mich dem PERRY-Fandom an. (Schuld daran trug übrigens Klaus Bollhöfener seines Zeichens Marketing-Fachmann beim PERRY RHODAN-Verlag, aber das ist eine andere Geschichte …) Jedenfalls hatte sich Ernst gemeinsam mit Uschi Zietsch zum Wiener Stammtisch angemeldet, nach einem Osterspaziergang, der die beiden und einige interessierte Fans nach Schönbrunn geführt hatte. Man traf sich im damaligen Stammtisch-Lokal, dem „Ebbe und Flut“ im siebten Wiener Gemeindebezirk, im Hinterstübchen – und es war reiner Zufall, daß ich unmittelbar neben ihm zu sitzen kam.

Ich weiß natürlich nicht mehr, was dazumals geredet wurde. Sicherlich ging es um die Handlung der Serie und um Band 2000, der gerade in Sichtweite kam. Ich hatte nicht wenig Ehrfurcht vor Ernst Vlcek, dem Expokraten. Ich hing an seinen Lippen und gab vor, völlig cool zu sein, ihn als Normalsterblichen zu sehen. Nun – es gelang mir nicht ganz.  Ein zur damaligen Zeit entstandener Bericht über mein erstes persönliches Zusammentreffen mit Ernst findet sich hier: http://www.frostrubin.com/cons/con_os97.htm

Diese wenigen Stunden halfen mir dennoch, ein neues Bild von den Autoren zu bekommen. Ernst und Uschi waren keine abgehobenen Götter , die Universen kreierten und vernichteten. Sie waren Menschen wie Du und ich. Sie rückten mein Bild zurecht und  halfen mir, selbst meinen Weg zu finden. Ich spürte, daß auch ich diesen Weg gehen konnte.

Ich engagierte mich bald intensiver im Fandom. Es kam immer wieder zu Begegnungen mit Ernst. Ich wollte von ihm lernen, wollte ihm über die Schultern blicken und sehen, wie er arbeitete. Das lehnte er ab, was ich aus meiner heutigen Sicht verstehe, mir aber damals eine Enttäuschung bereitete. Ernst arbeitete intuitiv; er schrieb aus dem Bauch heraus und zauberte derart die besten Ideen aus seinem Gedankenstübchen hervor.

Wie mir Klaus N. Frick später einmal mitteilte, war Ernst für ihn aufgrund seiner Arbeitweise eine Wundertüte. Es konnten geniale Manuskripte entstehen, aber auch einmal nicht so gute Sachen rauskommen – und Klaus vergleicht mich auch heute noch mit ihm, wissend, daß ich ähnlich arbeite.

Eine gewisse Ähnlichkeit zwischen Ernst und mir war tatsächlich nicht zu verleugnen. Es war nicht nur das leicht Chaotische. Da gab es viel mehr Gemeinsamkeiten: Das Arbeiten in der Nacht, die Vorliebe für das Morbide und das Grausliche, ähnliche Familienverhältnisse, Lebens- und Denkansichten, die Arbeitsmethoden. Auch zogen/ziehen wir uns gern in Stille und Einsamkeit zurück, wenn  der Abgabetermin drängt … Dies sind übrigens Vergleiche, die nicht nur ich ziehe. Regina, Ernstls Frau, die es wirklich wissen müßte, hat mich mehrmals auf eine Vielzahl von Ähnlichkeiten hingewiesen.

Etwa um 2003 oder 2004, ich hatte mich mittlerweile als Autor etabliert und hatte Hoffnung, ins PERRY RHODAN-Autorenteam aufgenommen zu werden, intensivierte sich unser Verhältnis. Die Sentenza Austriaca entstand, die sehr geheime Geheimgesellschaft zur schleichenden Verösterreicherung des Perryversums. Ernst war als dienstältestes Mitglied der Österreicher-Fraktion selbstverständlich Vorsitzender. Andreas Findig, Leo Lukas, Michi Wittmann, Reinhard Habeck, Uschi Zietsch als Ehrenmitglied, Ernst und ich trafen uns in unregelmäßigen Abständen beim Heurigen, im privaten Bereich, zu gesellschaftlichen Anlässen. Es waren nicht all zu viele Zusammenkünfte, an die ich mich erinnern kann, vielleicht ein Dutzend. Aber alle waren sie unheimlich intensiv und blieben in meinen Erinnerungen hängen. Wir hatten Spaß, wir verstanden uns ausgezeichnet. Und Ernst war das Bindeglied. Der Klebstoff, der uns zusammenhielt.

Leider ist es nie dazu gekommen, daß ich mit Ernst gemeinsam eine der PERRY RHODAN-Autorenkonferenzen besuchte. Zweimal wäre es geplant gewesen, zweimal war er letztlich verhindert. Es war eine Zeit des Umbruchs: Neue Autoren stießen zum Team, ältere zogen sich zurück. Ich erlebte H.G. Francis und Horst Hoffmann, aber ausgerechnet mit Ernst Vlcek saß ich nie am gemeinsamen Arbeitstisch.

Zu seinem 60. Geburtstag planten wir, die Leute vom Wiener Stammtisch, ein besonderes Überraschungsfest für ihn. Wir gingen sehr behutsam an diese Sache heran. Wir fanden in seiner Frau und in seinen Kindern begeisterte Kollaborateure und stellten ein richtig tolles Programm auf die Beine. Als besonderes Geburtstagsgeschenk gaben wir nebstbei ein Buch über Ernstls Leben und sein Wirken heraus. Erich Loydl und Wolfgang Zenker, beide im Fandom wie junge Hunde bekannt, führten unter einem Vorwand längere Interviews mit ihm, die dann das Herzstück des Buches darstellen sollten. Hermann Urbanek sorgte für die Gestaltung der  großzügigen Datenbank, ich lieferte auch einige kleine Beiträge. Das Buch wurde mit Hilfe der PERRY RHODAN Fanzentrale herausgegeben und ist dort heute noch in einer Restauflage zum Superpreis von 5 Euro erhältlich (http://www.prfz.de/shop-publikationen.html).

Was mich persönlich bei diesem Geburtstagsfest Anfang Februar 2001 besonders berührte, war Ernstls Zusammentreffen mit Helmuth Mommers, seinem Jugendfreund, mit dem er Anfag der Sechziger erste Schritte ins Profitum als Autor gewagt hatte. Die beiden hatten sich über Jahrzehnte hinweg nicht gesehen. Wir hatten es im Vorfeld geschafft, Helmuth dank der Mithilfe von Hermann Urbanek ausfindig zu machen und ihn als Höhepunkt des Abends auf die Bühne zu bitten.

Ernst war wie vom Donner gerührt, hatte nicht mit dieser Überraschung gerechnet, und da waren ein paar Tränen in seinen Augen. Die Familien Vlcek und Mommers haben sich danach noch mehrmals privat getroffen, haben einiges miteinander unternommen, und diese „Zusammenführung“ nach ewig langer Zeit konnten wir uns als Veranstalter des Geburtstagsfestes auf die Fahnen heften.

Es gäbe noch viel zu erzählen über den Menschen Ernst Vlcek und auch über den Autor. Manche Dinge sind privat – und ich bin stolz darauf, diese privaten, manchmal sehr intimen Erinnerungen mit ihm geteilt zu haben. Ich habe von Ernst nie fachliches Wissen erfahren. Er war auch nie mein Mentor. Aber er war mir Vorbild. Und ein toller Freund, der mir heute noch sehr, sehr fehlt.

Die Photos sind Copyright Martin Steiner.

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3 thoughts on “Erinnerungen an Ernst Vlcek

  1. Mein erstes persönliches Treffen mit Ernst Vlcek vereinbarten wir in der Dapontegasse, im eigens gemieteten Lokal der SF Gruppe Wien.
    Natürlich war PR ein Thema, nicht zuletzt weil Ernst damals in den 800er-Bänden zur Hochform aufgelaufen war. Aber beeindrucken konnte ich ihn auch als Kenner seiner Terra-Romane und PRTBs.
    Als Redakteur der LKS und weiterer Magazin-Beilagen war Ernst an Textbeiträgen und Cartoons von mir stets interessiert. Beim Leser-Story-Wettbewerb (TB mit 10 Gewinner-Storys) konnte ich mich revanchieren, da in meiner Story („Die Faltner“) eine Protagonistin namens Ernie Louve vorkam. Ich weiß nicht, wie viele Leser die Hommage durchschaut haben; Ernie ist ja deutlich, aber wer weiß schon, dass „Wölfin“ auf Frz. Louve heißt, und „kleiner Wolf“ auf Tschechisch Vlcek? Eine weitere Hommage in ganz anderer Form brachte ich in einer Cartoon-Serie auf der Atlan-LKS unter, in der Ernsts genial chaotische Romanfigur Walty Klackton im Mittelpunkt stand.
    Weitere schöne Erinnerungen habe ich an Begegnungen (Rodaun-Con, Wien-Cons und SFGW-Club-Abende), vor allem aber an Ernsts unvergleichlichen Ideenreichtum und sein Geschick, umwerfenden Humor mit Spannung zu verbinden. Danke, Ernst, ist alles, was hier noch zu sagen bleibt.

  2. Ich begegnete Ernst Vlcek (vermutlich) 1996 bei einem PR-Ding in Garching (bin jetzt zu faul, um nachzusehen). Ich war mit einem jungen Freund und dessen Dackel quasi auf der Durchreise nach Fronten (oder Pfronten, bin jetzt zu faul, um nachzusehen), als er mir an einer Hotelbar begegnete. Nachdem Herr Frick uns einander vorgestellt hatte, ging Ernst gleich mit mir um als würden wir uns seit 1492 kennen. Es hat mich gefreut, ihn kennen zu lernen, denn Jahrzehnte zuvor hatte er mich mit einigen Terra-Heftln entzückt, die seiner und Helmuth W. Mommers‘ Feder entstammten. Herr Frick hat mir zu dieser Gelegenheit übrigens a Moaß Bier zoahlt, was mich so sehr gefreut hat, sodass ich ihn spontan auf die Top-Ten-Liste meiner besten 10 Freunde setzte.

  3. Mein erstes Treffen mit Ernst Vlcek fand im August 1976 auf dem SFCD-Con in Wien statt. Kurt Luif hatte auf der Dämonenkiller-Leserkontakt von DK Nr. 76 den Hinweis, gegeben daß man die Dämonenkiller-Autoren Ernst Vlcek, Paul Wolf und Neal Davenport auf den Con treffen konnte. Dort bin ich den beiden Autoren mit meinen nervigen DK-Fragen bestimmt auf den Keks gegangen. Aber weder Ernstl noch Kurtl waren davon genervt. Nein, sie waren erfreut, daß das ein DK-Fan aus Bremen nach Wien gekommen war um die Autoren kennenzulernen.
    In den folgenden Jahren bin ich mit Ernst Vlcek auf die eine oder andere in Kontakt geblieben. Auf so manche Cons haben wir uns gesehen und wir haben uns – zusammen mit Kurt Luif – getroffen, wenn ich mal wieder in Wien war. Das letzte Mal haben wir uns auf dem Perry Rhodan-Treffen 2001 in Wien gesehen und so manche PR-Fans war verwundert, warum wir uns über Gruselromane usw. unterhielten und nicht über SF…
    Als ich damals im April 2008 die Nachricht von seinem Ableben erhielt, war ich geschockt. Er war der dritte Grusel-Autor (nach Jürgen Grasmück alias Dan Shocker im August 2007 und W. K. Giesa im Februar 2008), der innerhalb eines Jahres gestorben war. Und dieses Jahr ist Kurt Luif alias Neal Davenport am 21. April 2012 gestorben.
    Fast auf den Tag genau vier Jahre nach Ernst Vlcek alias Paul Wolf ist damit der zweite (Mit)Gründer der DK-Serie auch nicht mehr da.

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