Interview mit … Simon Pichler

Simon Pichler ist Kabarettist. Musiker. Macht Theaterarbeit im sozialen Feld. Manchmal alles gleichzeitig.

Derzeit (Herbst 2012) touren er und Leo Lukas mit ihrem Programm „Die kriminelle Energie“ durch Österreich. Anlaß genug für mich, ihn um einige Wortspenden zu bitten.

Ich treffe ihn im Café Eiles auf der Josefstädter Straße in Wien; wir unterhalten uns lange über sein Arbeits- und Privatleben, über Gemeinsamkeiten, über Theaterarbeit und über Sport … aber lest selbst.

Wer mehr über Simon und seine Aktivitäten wissen möchte, sei auf die Homepage www.simonpichler.com verwiesen.

F: Simon, wie lange kennst Du den Leo Lukas schon?

A: Seit 32 oder 33 Jahren.

F: Also seit dem Beginn Eurer Karrieren?

A: Naja … Begonnen hat es so, daß ich mit einer Band gespielt hab, mit einer sehr wilden Underground-Band (Anm: „Beinhart-Rockbande Fut“) in Graz, und der Leo war Kulturkritiker der „Kleinen Zeitung“. Es war bei einem Mensa-Konzert, und mein Gitarrist sagte, daß in der ersten Reihe der Lukas von der Kleinen Zeitung sitze. Ich solle mit ihm reden.

Ich bin also hingegangen und hab mit ihm geredet. Kurze Zeit später sind wir uns in einem Flipper-Salon wiederbegegnet und haben diese gemeinsame Leidenschaft entdeckt. Ich war dem Kollegen Lukas am Wuzzler-Tisch immer unterlegen – aber beim Flipper war ich vielleicht doch der Bessere.

F: Verstehe, grins. Aber blenden wir zum Beginn Deiner Solo-Karriere. Du warst dazumals also in einer Hardrock-Band. Gab’s da schon Ansätze, die auf eine Karriere als Kabarettist hindeuteten?

A: Ja. Das war von Anfang an der Ansatz. Uns hat das Englisch singen allesamt nicht interessiert. Wir haben politische Satire gemacht, oder Gesellschaftssatire. Die Themen waren oft Sex und Drogen, aber auch durchaus Dinge wie Dritte Welt und so. Wir haben auch angefangen, in szenische Geschichten zu gehen. Das haben wir teilweise vertont, teilweise wurde auch sketchmäßig erzählt.

Die ersten Kabarett-Ansätze gab es aber noch früher. Als ich noch Medizinstudent war, hab ich für die wahlwerbende ÖH-Liste (Anm: Österreichische Hochschülerschaft) namens LUM, das Sammelbecken aller linksgerichteten Mediziner in Graz, ein Kabarett mit dem Titel „Der scharfe Löffel“ gemacht. Bei dieser Gelegenheit hab ich den Gitarristen meiner zukünftigen Band kennengelernt. Inzwischen ist er Doktor der Medizin, aber in Wirklichkeit Professor für elektronische Musik – und auch ein guter Bekannter vom Leo.

Eines ist in Graz sehr angenehm: Leute, die nicht absolut am Mainstream entlang produzieren, lernen sich unweigerlich kennen.

F: Deine Band hieß tatsächlich „Beinhart-Rockbande Fut“?!

A: Genau. Später tauften wir uns in „ÖMÖ, die Rocksau“ um.

F: Wie seid’s ihr auf diesen durchaus prägnanten Namen gekommen?

A: Der Name war noch vor der Band da. Wir wollten Graz mit Plakaten vollpflastern, auf denen „Fut“ draufsteht. Also hatten wir die Idee, ein Band zu gründen, dann könnten wir diesen Gedanken realisieren.

F (der sich nicht länger gegen ein Gelächter wehren kann): Wie haben die öffentlichen Organe denn darauf reagiert?

A: Im Endeffekt hat uns der Name finanziell das Genick gebrochen. Wir hatten einen großen Auftritt in Pinkafeld in einer Halle geplant, mit zwei anderen Gruppen. Dafür haben wir eigens von einem kroatischen Künstler Plakate entworfen bekommen. Die zweitausend Plakate, die wir großteils selbst aufgeklebt haben, hat die Gendarmerie auf Antrag des Pornojägers Martin Humer wieder fast lückenlos entfernt. In der Riesenhalle von Pinkafeld waren etwa fünfzig Zuschauer drin. Das hat uns finanziell ein Riesenloch gerissen. Wir hatten danach doch einige Deutschland-Tourneen und haben dafür einer Umbenennung zugestimmt. Die Umbenennung war trotz alledem der Anfang vom Ende.

F: Was hast Du für ein Instrument gespielt?

A: Ich hab auf der Bühne praktisch nur gesungen und gelegentlich Mundharmonika gespielt. Ich spiele für den Hausgebrauch Baß; nie für die Rockbühne, und auch nur selten auf der Kabarettbühne.

F: Die Band hat sich zerschlagen?

A: Die Leute aus der Band haben sehr unterschiedliche Karrieren gemacht. Der erste Schlagzeuger, der Ernst Binder, hat sehr viel in Ostdeutschland und in Ljubljana inszeniert und hat jetzt das „Drama Graz“ über, die finanzielle wahrscheinlich am stärksten unterstützte Schauspieltruppe außerhalb der Vereinigten Bühnen. Er macht ausschließlich Sachen, die man zur Avantgarde zählen kann. Sehr kompromißlos, sehr eigenständig.

Seppo Gründler, der Gitarrist, ist, wie gesagt, Professor für elektronische Musik; der Bassist hat langjährige Aufenthalte in der Psychiatrie hinter sich gebracht und ist jetzt in einer Wiener Werbeagentur. Da hab ich allerdings den Kontakt völlig verloren. Der zweite Gitarrist ist nach Australien gegangen und dort Arzt in Sydney mit Haus am Strand geworden.

Man kann also sagen, daß von der Urbesetzung sechzig Prozent eine akzeptable künstlerische Karriere gemacht haben.

F: Was hattest Du damals Vorstellung von Deinem künftigen Leben? Wußtest du, wo es hingehen würde? Hast Du Dich treiben lassen, hast Du ein Ziel gehabt?

A: Ich war damals wirklich überzeugt, daß die Revolution vor der Tür steht. Vor allem die antibürgerliche; in Äußerlichkeiten und in gesellschaftlichen Bereichen, die nicht unmittelbar mit der Politik zusammenhängen. Ich war der Überzeugung, daß das Bürgertum in seiner damaligen Form hinweggeschwemmt werden würde und daß das, was ich in der Avantgarde machte, zum Mainstream werden würde. Ich dachte mir auch, daß ich dann noch weiter in Richtung Avantgarde gehen müßte.

Es war eine Zeit der Hochkonjunktur. Das war einer der wichtigsten Faktoren, um sich gut zurückziehen und an künstlerischen Sachen feilen zu können. Wenn das Geld ausgegangen ist, hab ich ein paar Tage bei Thonet-Möbel im Lager gearbeitet. Mit fünf Tagen Arbeit hab ich vierzehn Tage lang nach Italien trampen können, und wenn ich zurückgekommen bin, hab ich wieder bei Thonet angefragt. Wenn die nix hatten, bin ich woanders hingegangen.

Das war schon eine Zeit, die für neue künstlerische Wege sehr, sehr tolle Voraussetzungen geboten hat, im Vergleich zu heute.

F: War das auch politisch gesehen so?

A: Ja. Es waren natürlich klare Feindbilder da. Es war die Repression für uns nicht so wirklich spürbar. Man hat sich mit denen da oben gerieben, hat wegen weicher Drogen seine Illegalitäten und seine Konflikte mit den Behörden gehabt. Aber das hat nie bedrohlich gewirkt.

F: Vielleicht hast es nur nicht so empfunden, weil Du jung und unbeschwert warst?

A: Das kann ohne Weiteres sein. Aber, wie gesagt, es war die wirtschaftliche Keule nicht da. Ich hab allerdings erlebt, daß Änderungen passiert sind. Als ich an der Uni war und neue Jahrgänge gekommen sind. Man hatte das Gefühl, die hätten alle schon in der Schule eingetrichtert bekommen, daß man alle Prüfung innerhalb der Fristen machen muß. Man darf nicht nach links oder rechts schauen, sonst bleibt man übrig. Ein Mitstudent ist ein Konkurrent …

Das hat meiner Einschätzung nach ungefähr 1982 bis 1983 angefangen. Und dieses Verhalten ist immer deutlicher geworden. Ich hab eine kurze Zeit erlebt, wo das alles nicht präsent war, wo ich mich wirklich nicht fürchten mußte.

F: Nach der Musikkarriere bist du in Richtung Kabarett gegangen. War das ein bewußter Akt, oder bist Du durch Deine Erfahrungen in der Musik da reingerutscht?

A: Mir wurde mitgeteilt, daß ich den Zivildienst nicht länger aufschieben sollte. Im Gegensatz zum Bundesheer wollte die Zivildienst-Kommission auch Prüfungserfolge an der Uni sehen, die ich nicht aufweisen konnte. 1983 hab ich also Zivildienst gemacht. Das war schon auch eine sehr gute Auszeit von der damaligen Band. Ich hätte nur sehr beschränkt auftreten können und ich hab den Burschen gesagt, daß sie sich einen anderen Sänger suchen könnten, ich würd das nicht sehr moralisch nehmen. Es kam dann auch so, und mit Ende meines Zivildienstes ist die Band in den letzten Zügen gelegen.

Mit Material, das ich in der Band nicht untergebracht hatte, habe ich nebenbei dramatische Lesungen gemacht. Da war’s wiederum der Leo, der mir gesagt hat: „Simon, was Du da machst, fällt eigentlich unter Kabarett. Du solltest Dir PR-Material überlegen, damit Du das an ein Kabarett-Publikum und an Kabarett-Veranstalter heranbringst“.

Kurze Zeit darauf sind der Leo und ich daran gegangen, gemeinschaftlich eine Kabarett-Karriere zu planen. Wir sind zusammen nach München gefahren. Dort hat man uns angeschaut, zwei völlig unbekannte Steirer, und hat gesagt: „Ihr habt’s Glück, weil die ‚Drehleier‘, eines der wichtigsten Kabarett-Lokale in München, startet gerade ein Experiment und möchte auch mal über den Sommer offen lassen. Wenn ihr wollt, könnt ihr da auftreten – aber zusammen. Macht’s jeder die Hälfte eines Programms.“

Leo und ich waren natürlich begeistert. Wir haben jeder eine Hälfte des Programms gestaltet und einen gemeinsamen Zugaben-Block. Da hat sich dann auch gezeigt, daß der Leo der mit Abstand der konsequentere von uns beiden war. Er hat aus dem Schwung dieser Zeit viel mehr gemacht als ich.

Ich hab damals auch nie so einen Druck empfunden. Ich hab Eltern gehabt, die mich unterstützt haben.

Wir sind nach dieser Geschichte immer in Freundschaft verbunden geblieben, auch arbeitsmäßig. Zum Beispiel über das Ensemble „Die blauen Engel“. Wir haben viele gemeinsame Publikationen gemacht. Aber ich hab im Laufe der Zeit viel in Richtung Arbeit an Schulen entwickelt, Arbeit mit Jugendlichen und Kabarett-Nachwuchs und später in Richtung Theaterarbeit im sozialen Feld – und der Leo hat hauptsächlich auf seine Auftritte geschaut. Wobei er natürlich auch immer jemand war, der prinzipiell an sehr vielen Sachen interessiert war. Er hat inszeniert, für andere Leute Regie geführt undundund. Wir haben dann doch verschiedene „Hauptbahnen“ in unseren Karrieren eingeschlagen.

F: Um darauf nochmals zurückzukommen: Die Kabarett-Karriere von Euch beiden hat also in München begonnen?

A: Naja – begonnen nicht gerade. Aber München stellte den größten Aufschwung in der Kurve dar.

F: War München deshalb euer Ziel, weil Graz zu klein gewesen wäre?

A: Es ist Graz alleine zu klein, aber auch Wien alleine, und selbst München. Im Kabarett-Bereich muß man im gesamten deutschen Sprachraum herumkommen. Damals ist es räumlich für uns wesentlich weiter gegangen. Da gab’s Auftritte bis hoch nach Norddeutschland und auch bis in die Schweiz. Jetzt ist es eigentlich für uns Österreich, Bayern und Südtirol.

Im Kabarett hat der Zweite Weltkrieg die Arbeitsbedingungen sehr stark verändert. Davor hat’s Häuser mit Ensembles gegeben, mit Hausautoren, Pianisten, mit Leuten, die sich um Kostüm und Bühnenbilder gekümmert haben und so weiter. Direkt nach dem Zweiten Weltkrieg haben sehr viel bekannte Schauspieler Kabarett gemacht, weil es keine offiziellen Bühnen gab. Erik Ode, Siegfried Lowitz und Josef Meinrad – die waren Kabarettisten! Da ist auch diese Form entstanden, daß man alleine oder in ganz kleinen Ensembles auftritt und mobil ist.

Nach dem Loch von 1955 bis 1970 im österreichischen Kabarett waren Lukas Resetarits und Erwin Steinhauer die ersten, die gekommen sind. Mit Ausnahme vom „Simpl“ in Wien gab es ja kein fixes Haus fürs Kabarett in Österreich. Sonst waren bloß Solisten auf Tour.

Dabei hatte Kabarett in Österreich Tradition. Der Fritz Grünbaum ist am Abend mit dem Fiaker von einer Bühne zur nächsten gefahren, hatte ganz pünktlich seine Auftritte. Draußen hat der Fiaker gewartet und ist dann mit ihm weitergefahren, zum nächsten Auftritt. Das war damals eine durchaus bekannte Form des Kabarett-Machens, wobei Grünbaum natürlich DER Star in der Zwischenkriegszeit war.

F: Hat es denn in der Zwischenkriegszeit Bühnen gegeben, die in direkter Konkurrenz zum Theater standen?

A: Das ist ein etwas diffiziles Thema. Es gab in den Zwanzigern und Dreißigern die großen Revuen …

F: Das heutige Apollo-Kino war ja auch ein Revue-Theater, oder?

A: Genau. Die größten Revue-Theater gab es in Berlin. Kurt Tucholsky und Walter Mehring zum Beispiel haben dafür geschrieben; es gab Revue-Girls und Chöre und so weiter – aber es gab auch zum Teil wirklich recht radikale politische Agitatoren.

Es gab auch genügend Berührungspunkte zum deutschen Film, Friedrich Hollaender ist so ein Beispiel. Derartiges Revue-Theater hat nur in Großstädten existieren können. In den Zwanzigern und Dreißigern des vorigen Jahrhunderts waren die Revuen Höhepunkte des Nachtlebens. Vom Besuch her war das Mainstream, die Gäste haben viel Geld ausgegeben, es ist viel Kokain gehandelt worden und so weiter.

F: Es ist also durchaus so zugegangen, wie es im Film „Cabaret“ gezeigt wurde?

A: Durchaus. Nach meinen Quellen dürfte der Film recht nahe an der Wahrheit geblieben sein.

F: Auch in Bezug auf die sexuelle Freiheit?

A: Auf jeden Fall. Aber auch hier gilt: Es gab riesige Unterschiede zwischen dem, was in den Großstädten passiert ist und dem, was auf dem Land los war. Daß Kabaretts in kleinen Städten entstanden sind – das ist alles erst nach dem Zweiten Weltkrieg passiert. Aus der wirtschaftlichen Notwendigkeit heraus, Jobs selbst zu kreieren, weil es keine gab.

F: Wenn wir schon dabei sind, gehen wir noch weiter zurück: Was war davor? Wer war der Urvater des Kabarettisten? War es der Bänkelsänger?

A: Der Beruf hat eine Reihe von Wurzeln. Aber der Begriff „Kabarett“ ist ganz eindeutig 1889 in Paris geprägt worden, von Rodolphe Salis mit seinem „Le Chat Noir“. Daran anschließend gab es Aristide Bruant mit seinem Lokal „Le Mirliton“, dann natürlich das „Le Moulin Rouge“ und so weiter.

Damals hat man diese Form, die man genauso gut Varieté hätte nennen können, wo alles auf der Bühne Platz hat und von einem Conferencier verbunden wird, als Cabaret bezeichnet.

F: Du hast Dich sehr intensiv mit diesem Thema auseinandergesetzt …

A: Es gibt auch ausführliche und gute Literatur dazu. Zum Beispiel von Klaus Budzinski: „Pfeffer ins Getriebe“ und „So weit die Scharfe Zunge reicht“. In diesen Büchern ist die Geschichte des Kabaretts genau abgehandelt.

F: Warum heißt es bei uns in Wien Kabarett und nicht Cabaret?

A: In Österreich wird das Cabaret mit Nackttänzerinnen verbunden, die Kabarettisten sagen deshalb gerne Kabarett. Die Aussprache und Schreibweise ist im deutschen Sprachraum sehr uneinheitlich.

Die Unterscheidung hat der Sigi Zimmerschied (Anm: bayerischer Kabarettist) sehr genau getroffen. Er beschreibt den besoffenen Besucher eines Kabaretts, der an der Kasse fragt: „Is des a nockades Kabarett oder a politisches?“

F: Kommen wir zu Dir und Deiner Arbeit zurück. Die „Blauen Engel“ sind ein Gemeinschaftsprojekt steirischer oder Grazer Kabarettisten. Ihr bringt meines Jahres neue Programme im Zwei-Jahres-Rhythmus?

A: Wir müßten eigentlich jetzt schon wieder heftig schreiben …

F: Ihr bringt Euer Programm immer gegen Weihnachten auf die Bühne, oder?

A: Ja. Es gab einige Jahre, da sind die Blauen Engel auch zu anderen Zeiten aufgetreten. Jetzt ist es aber so, daß wir immer die vierzehn Tage vor Weihnachten spielen. Seit Jahren in der gleichen Besetzung. Mit vier Musikern, die nicht nur gute Musikanten und persönliche Freunde sind, sondern auch sehr schnell eine Melodie auffassen und losspielen können. Das ist eine ganz wichtige Voraussetzung für unsere Arbeitsweise. Vorne auf der Bühne stehen die Irene S., die eine wunderbare Sängerin ist, aber immer wieder einen Anstoß von außen braucht, um produktiv zu werden. Dann die Teresa, Leos Tochter, die schon als Dreizehnjährige das erste Mal mit einer Gastnummer aufgetreten ist und mehr und mehr zum fixen Ensemble-Mitglied wurde. Die Teresa macht sonst das ganze Jahr keine Kabarett-Produktionen. Sie nimmt sich immer einen Großteil ihres Urlaubs, um bei uns mitmachen zu können. Und dann sind da noch der Leo und ich.

F: Heuer geht sich’s nicht aus mit einem neuen Programm?

A: Es ist jetzt schon einige Zeit her, daß wir auf einen Zwei-Jahres-Rhythmus umgestiegen sind. Früher war es so, dass Leo und ich unsere Solo-Nummern für das Ensemble umarrangiert haben. Jetzt werden die Nummern völlig neu geschrieben. Für diese zwei Wochen Spielzeit wird jedes Mal ein komplett neues Programm erstellt. Das „Recycling“ läuft jetzt eher umgekehrt. Wir haben im aktuellen Programm „Das Kriminelle Talent“ drei Nummern von den Blauen Engeln mit dabei.

F: Die sind wiederum von Euch beiden geschrieben, oder hat Irene S. auch einen Anteil daran?

A: Die Irene schreibt nicht sehr viel. Sie liefert Ideen, die vom Leo und mir und zum Teil auch vom Reini Kogler, einem der Musiker, ausgeschrieben werden. Überwiegend schreiben tun sicherlich der Leo und ich.

F: Wie lange gibt es die Blauen Engel denn schon?

A: Sie müßten heuer 25 Jahre alt werden, es gibt uns seit 1987. Zum 20jährigen Jubiläum haben wir eine Jubiläums-CD herausgegeben. Oder sind’s erst 23 Jahre? Bernd Luef, einer unserer Musiker, könnte diese Frage wie aus der Pistole geschossen beantworten.

F: Seh ich das richtig, daß der Leo und Du eine Weile nicht so viel gemeinsam gemacht habt?

A: Es war so, daß ich zwei große Projekte für das Arbeitsmarktservice (AMS), das Land Steiermark und Europäischen Sozialfonds gemacht hab. Es ging um die Arbeit mit arbeitslosen Jugendlichen, um Theaterarbeit. Ich hab davon gelesen und mir gedacht: dieses Projekt darf nicht ohne mich ablaufen. Niemand in der Steiermark hat so viel in dieses Thema investiert wie ich. Ich hab mich in einen offiziellen AMS-Kurs gesetzt und die Ausbildung zum Kunst-Trainer absolviert, was eine einzige Augenauswischerei war, aber eben notwendig, um in dieses Projekt reinzukommen.

Ich hab es zwei Mal künstlerisch geleitet, wobei ich beim zweiten Mal sehr, sehr kurzfristig davon informiert wurde. Ich hatte also auch Auftritte zu absolvieren, die ich nicht mehr absagen konnte. Zweieinhalb Monate lang habe ich fünf Tage der Woche beim Projekt gearbeitet und am Wochenende hatte ich ein bis zwei Auftritte. Da hat’s mich dann wirklich auf die Nase ghaut. Ich bin über Weihnachten flach gelegen in einer Art katatonischen Starre, und ich hab dann gewußt, daß ich dem Alter einen gewissen Tribut zollen muß. Theaterarbeit im sozialen Feld ist übrigens wie sonstige Arbeit im sozialen Feld. Das frißt dich psychisch GANZ auf.

F: Siehst Du Dich beruflich auch in diesem Bereich zu Hause?

A: Ja. Ich hab immer wieder das beglückende Erlebnis gehabt, daß wilde, junge Menschen zu mir Vertrauen fassen. Daß ich etwas finde, das ihnen taugt und das sie kreativ umsetzen können. Das ist mir ganz, ganz wichtig.

F: Hast Du schon Erfahrungen gemacht, daß Du Teilnehmer aus Deinen Gruppen getroffen hast und Du hörtest, daß es ihm gut geht? Daß Du ihn auf den richtigen Weg geschickt hast?

A: Man muß sich da bei den Prozentzahlen bescheiden geben. Ich hatte bei den beiden Kunstwerk-Projekten zusammen etwa siebzig Leute. Von denen hat einer Kunst als Beruf gewählt. Was sich die Leute aus so einem Seminar rausholen, ist noch viel unterschiedlicher, als man sich’s vorstellen kann. Für manche Leut geht’s einfach darum, mal wieder irgendwas zu beginnen und fertigzustellen. Für manche geht’s auch darum, nachdem sie sich irgendwo in einem Industriebetrieb totgerannt haben, sich zu erholen und eine künstlerische Arbeit kennenzulernen, die eben anders funktioniert als Fließbandarbeit. Was ein Burnout ist, wissen sie zwar nicht, aber sie haben’s.

Ich hab sehr schöne Dankesschreiben gekriegt; zum Teil in einer entsetzlichen Rechtschreibung; aber das sind Sachen, die mich unmittelbar berühren und die ich brauch, um die Energie für das nächste Seminar zu tanken.

Andererseits darf man sich nicht zu viel persönlich reinhängen. Wenn es mir nicht gelingt, jemandes Vertrauen zu erringen, liegt das nicht unbedingt an mir.

F: Wie gehst Du mit einer „Niederlage“ um? Kannst Du das abschütteln und sagen: Pech gehabt, den Burschen hab ich halt leider nicht erwischt. Bleibt so etwas hängen?

A: Da hat das Hybrid aus Künstler und Theaterarbeiter im sozialen Feld seine Probleme.

Unsere Projektleiterin, eine ganz ausgezeichnete Frau, die sich für ihre Schutzbefohlenen wirklich den Arsch aufgerissen hat – die hat mit Dienstschluß nach Hause gehen und von der Arbeit abschalten können. Leute, die lange in der Sozialarbeit bleiben, lernen das großteils, mit dem Duschen nach der Arbeit die Belastung bis zum nächsten Morgen wegzubekommen.

Es war für sie übrigens ein ganz neues Erlebnis, daß sie die Künstler am Wochenende oder am Abend angerufen haben und etwas von ihr brauchten.

F: Ein Sozialarbeiter hat ja auch einen Supervisor, oder?

A: Genau. Supervision haben wir auch gehabt. Das war auch dringend nötig. Da ist es vor allem um die Angleichung der Vorstellungen zwischen den Leuten aus dem Sozialbereich und den Künstlern im Team gegangen. Ich hab die Supervision, die andere Künstler als sehr lästig empfunden haben, weil sie unbezahlt in der Freizeit geschah, als ganz wichtige Erleichterung gesehen.

F: Die Arbeit mit den Jugendlichen war sehr niedrigschwellig, nehme ich an?

A: Ja. Die war so niedrigschwellig wie möglich. Die Leute haben das Angebot bekommen, in fünf unterschiedlichen Kunstsparten was zu tun. Es gab einen Tanztrainer, eine Trainerin für Bildende Kunst, die hauptsächlich in Richtung Bühnenbild und Kostüm gearbeitet hat. Dann gab es einen Kameramann, einen Musik-Trainer und mich für die Theaterarbeit. Das hat sich in der Praxis eh nicht aufrechterhalten lassen, aber es war halt so.

Die Leute haben zuerst in drei von fünf Sparten reingeschnuppert und dann entscheiden müssen, ob sie zu hundert Prozent in eine gehen oder fifty-fifty in zwei gleichberechtigte.

Daß die Vorstellung des AMS, daß man mit diesen Jugendlichen von 9 bis 17 Uhr Theaterarbeit macht, illusorisch war, war Gott sei Dank auch unseren „echten“ Sozialarbeitern vom ersten Moment an klar. Wir hatten Leute dabei, die die Winternächte im Foyer der Sparkasse verbracht haben und dann zur Arbeit gegangen sind, nachdem sie sich ihr Substitol geholt haben. Die sind nach einer Stunde ernsthaften Bemühens bei uns eingeschlafen.

F: Das war also auch für Dich eine harte Schule … Wann hast Du diese Seminare gemacht?

A: Das war 2006/07 und 2008/09.

F: Bist Du in der Rückblende zufrieden mit dem, was Du hast bewirken können? Oder meinst Du, daß Du noch mehr hättest erreichen können?

A: Ich hätte mehr machen können mit den Erfahrungen dieser beiden Seminare.

F: Hat das AMS diese Kurse etwa abgewürgt?

A: Eine Zeitlang hätten sie das Angebot sogar gerne ausgeweitet und in die Provinz getragen. Aber mir war klar, daß das sicherlich eines der ersten Ziele von Budget-Kürzungsaktionen sein würde, und so kam es dann auch.

F: Nun gut – kommen wir in die Gegenwart zurück. Du siehst Dich heute als Vollblut-Kabarettist und bestreitest Dein Leben damit, auf der Bühne zu stehen?

A: Ja.

F: Du und Leo Lukas, ihr habt heuer ein neues gemeinsames Programm gemacht, nachdem ihr bereits letztes Jahr zusammengearbeitet hattet …

A: Das stimmt nicht ganz. Die Wien-Premiere des vorherigen Programms, „Nackte zahlen“, entstand bereits 2010, wurde aber erst 2011 mit ziemlicher Verspätung nach Wien gebracht.

F: Warum ist die Wien-Premiere so spät erfolgt?

A: Das Kabarett Niedermair hätte im Herbst 2010 nur zerrissene Einzeltermine für uns gehabt. Der Leo hat mit seiner langen Erfahrung und völlig zu Recht gesagt: Nein, wir warten, bis wir zwei Wochen am Stück kriegen, alles andere ist witzlos.

F: Ich hab das aktuelle Programm mit dem Titel „Die kriminelle Energie“ bereits gesehen. Ihr habt einige Kleinigkeiten aus „Nackte zahlen“ thematisch mit rübergenommen …?

A: Da handelt sich’s um Aktualisierungen, die wir reinbringen wollten.

F: Gibt es bei den beiden Programmen einen roten Faden? Gibt es Überlegungen, eine Art Trilogie zu machen?

A: Wir haben jetzt bereits darüber geredet, was das Thema eines nächsten Programms sein könnte. Aber das ist derzeit eher ein lustiges Sammeln erster Ideen. Unsere Pläne könnten mit einem Buch zu tun haben, das ich eben gelesen hab und das „Evolution im Liebesrausch“ heißt. In dem geht’s um extremstes Sexualverhalten in der Tierwelt. Das auf menschlich-gesellschaftliches Verhalten umzulegen – das wär ein sehr reiches Thema. Für mich war das Sexuelle immer ein öffentliches Thema. Die Kulturgeschichte der Sexualität ist eine klare Widerspiegelung von politischen Verhältnissen. Und nachdem eine öffentliche Auseinandersetzung mit Sexualität in den Sechzigern und Siebzigern des letzten Jahrhunderts stattgefunden hat und als Endprodukt der sexuellen Befreiung die Porno-Industrie übriggeblieben ist, aber keine weitere öffentliche Auseinandersetzung damit, ist das für mich nach wie vor ein höchst aktuelles Thema. Dadurch, daß es den meisten Kollegen nach wie vor zu heiß ist, für mich ein besonders reizvolles Thema.

F: Sexualität fühlt sich für mich heutzutage verzopfter an als vor dreißig Jahren. Es gibt alles, man weiß alles, dank der Medien – aber man weiß für sich selbst nicht so richtig damit umzugehen. Man kann sich im Internet die ärgsten Sachen ansehen, wie es Leute mit Schweinen treiben oder andere seltsame Dinge – aber man weiß über die Sexualität und das, was im Menschen dabei vorgeht, anscheinend genauso wenig wie im letzten Jahrhundert.

A: Die sexuelle Ehrlichkeit der Menschen ist auf jeden Fall nicht besser geworden in der Zeit, die ich bewußt erlebt hab. Man tut immer noch furchtbar herumtricksen und um den heißen Brei herumreden. Auch gebildete und zu einer gewissen Freizügigkeit erzogene Paare haben Schwierigkeiten, ihre sexuellen Gschichten miteinander zu besprechen. Diesbezüglich kann man nicht sagen, daß eine wirkliche Befreiung stattgefunden hat. Es werden zwar keine Homosexuellen mehr gesteinigt, also ist seit dem Mittelalter schon ein Schritt nach vorne gemacht worden. Aber seit die Achtundsechziger die sexuelle Revolution ausgerufen haben, ist der messbare Fortschritt in der breiten Gesellschaft nicht mehr berauschend.

F: Die Revolution, die Du Dir in Deinen jungen Jahren vorgestellt hast, ist also nicht passiert.

A: Nicht auf diesem Gebiet, und auch ganz allgemein nicht. Man kann’s auch so sagen: Von der Entwicklung eines ökölogischen Bewußtseins sind die Bio-Supermärkte übrig geblieben, von der sexuellen Revolution die Pornographie. Man hat den Kapitalismus glatt unterschätzt. Der frißt alles, von den kleinsten bis zu den größten Dingen, um sie für seine Zwecke verarbeitbar zu machen. Auch die sexuelle Revolution waren dem Kapitalismus ein durchaus gefundenes Fressen.

F: Kommen wir zu kleineren und weniger sperrigen Themen, die Dein Kabarettisten-Dasein unmittelbar betreffen. Der Schüttelreim ist eines Deiner Liebkinder, wenn ich das richtig sehe … Die Schüttelreime im aktuellen Programm – sind die allesamt von Dir?

A: Es ist einer vom Leo mit dabei. Er ist kein ausgesprochener Schüttelreimer, obwohl er ein Fan von verspielten, kleinen Formen ist. Für mich ist das allerdings fast zur Manie geworden. Es bereitet mir große Freude, wenn Schüttelreime bei Leuten, die das Prinzip dahinter nicht verstehen, dann offensichtlich doch eine Wirkung erzielen. Ich spiele auch ein Programm mit dem Titel „Galanacht des Schüttelreims“, hauptsächlich mit Ludwig Müller und Christoph Krall, bei dem auch der Leo des Öfteren mit dabei ist, der „Gunkl“ Paal seit Neuerem, gestern war der Johannes Widi im Programm, der ein ausgezeichneter Schüttelreimer ist und eine sehr nette Homepage hat mit vielen Verlinkungen zu deutschen Schüttelreimern.

Hauptberuflich ist er in der Verkehrsleitzentrale des ÖAMTC. Er ist keine ausgesprochene Rampensau, aber er schreibt sehr, sehr feine und saubere Schüttelreime und ist auch persönlich ein ganz lieber Kerl.

Ich hab ein Schüttelreim-Buch gemacht, in dem auch noch der Lonnie Orgler gefeatured wird, der derzeit nicht aktiv ist und beruflich aus der Sozialarbeit kommt.

Schüttelreimer haben eine gewisse überregionale Vernetzung. Was bei anderen Programmen überhaupt nicht passiert, ist, daß Leute mit ihren eigenen Schüttelreimen kommen. Es haben sich auch schon im Programm Leute gemeldet, ob sie ihren Reim aufsagen dürften!

F: Wie weit dringt denn Dein Wunsch zum Schüttelreimen ins tägliche Leben vor? Gehst Du zum Beispiel spazieren, denkst Dir etwas und überlegst Dir dann, wie und ob Du das in die richtige Form bringen könntest?

A: Den bewußten Gedanken, daß ich jetzt schütteln könnte, brauch ich gar nicht mehr. Ich könnt gar nicht sagen, wie sich das ein- und ausschaltet. Aber manchmal sitz ich in der Runde, bin keine Sekunde unkonzentriert, hör zu – und schüttle trotzdem alles mit!

F: Als was würdest Du die Schüttelreimerei bezeichnen? Ist das eine spezielle Kunstform?

A: Das Schütteln selbst ist eine rein mechanische Tätigkeit. Die künstlerische Tätigkeit setzt nach dem Schütteln ein. Man möchte aus einem vorhandenen Reim das Maximum herausholen. Miguel Herz-Kestranek, wohl Österreichs bekanntester Schüttler, hat einen, auf den wir beide unabhängig voneinander gestoßen sind, gemacht:

„Es trinkt der kleine Hagen Saft,

drum wächst er auch so sagenhaft.“

Ich hab meinen „Krimhilds Geheimnis“ genannt und gedichtet:

„Es hat der alte Hagen Saft,

so etwas nenn ich sagenhaft.“

Auch der Titel ist, wie bei diesem Beispiel, eine ganz wichtige Möglichkeit, Klarheit herzustellen.

Das Schöne am Schüttelreimen ist: Man hat eine klare Vorgabe, um die kommt man nicht herum, und aus der muß man das Optimum herausholen.

Der Unterschied zwischen Schüttelreim-Profis und den Amateuren ist: Scheren die sich um die Metrik oder nicht? Es gibt einen ganz signifikanten Unterschied zwischen Dichtern und Amateur-Reimern. Wenn in der Zeitung zum Beispiel steht:

„Das hättest Du Dir nicht gedacht,

daß Du heute aus der Zeitung lachst.“

Da merkt man gleich, daß der Reim nicht stimmt, und die Metrik noch weniger. Wenn mir jemand seine Werke zum Lesen gibt, ist diese Metrik ein ganz klares Kriterium. Wird sie beachtet, kann ich das Werk bis zum Ende lesen, und wenn nicht, dann wird’s sehr mühsam.

F: Kommen wir noch zu einem anderen Thema, das für Dich ja auch wichtig ist. Es geht um den Sport. Du gehst sehr gern wandern und laufen. Ist das der für Dich notwendige Ausgleich zur Bühne und zur Schreibarbeit? Ist Sporteln eine Randerscheinung oder doch Mittelpunkt Deines Lebens?

A: Ich hab in meiner Jugend eine Karriere als Leistungssportler abgebrochen …

F: In welchem Bereich?

A: Als Basketballer (Anm: Simon ist annähernd zwei Meter groß). Teils, weil ich verletzt war und teils, weil ich zu faul war. Aber ich hatte damals gewisse feuchte Träume. Soll ich nach Italien gehen und Profi werden?

Derartige Träume spinne ich von Zeit zu Zeit ganz gerne weiter. Das ist natürlich nicht die einzige Parallel-Linie, die ich weiterdenk; aber jedenfalls hab ich mit 40 Jahren zum Rauchen aufgehört und hab mir gedacht: Okay, jetzt darf ich nicht mehr rauchen – was hab ich eigentlich davon? Außer diesem diffusen: Ich werd vermutlich älter und im Alter weniger krank … Das war mir zu wenig. Ich wollte was Unmittelbares als Belohnung dafür, daß ich auf was verzichtet hab. Also hab ich angefangen, vom ganz gelegentlichen Laufen umzusteigen und wie ein Spitzensportler regelmäßig zu trainieren. Also sechsmal die Woche mit Leistungseinheiten und dann bald mit Wettkämpfen verbunden. Und da bin ich in ein richtiges Imperium reingekommen. Die Volksläufer sind ja in Altersklassen gestaffelt, und innerhalb der eigenen Altersklasse duellierst Dich dann mit Leuten, die dieselben Voraussetzungen mitbringen. Da kannst Dich ungehemmt untereinander über das Thema Laufen unterhalten. Nichtläufer hören da nicht lange zu …

Da geht’s um den nächsten Wettkampf, um allfällige Verletzungen, Bandagen, Massagen und so weiter. Es entsteht ein komplett neues Universum.

Das hat mir sehr gut gefallen. Ich hab das auch ein bißl in die künstlerische Arbeit einfließen lassen. Unter anderem hab ich im „Presse“-Feuilleton einen Artikel darüber geschrieben. Eine sich selbst beschmunzelnde Geschichte darüber, wie es ist, wenn man in eine komplett neue Welt eintaucht, und zwar anhand des „Winter-Cross-Cups“. Das machen nur ganz wenige Leut, weil die meisten im Winter doch stark zurückschalten. Aber wirklich Süchtige geben sich in der kalten Jahreszeit kurze, schwere Läufe, wo man danach aussieht wie eine Sau. Das war’s, was mir am allermeisten getaugt hat. Du bist mit sieben Leuten in Deiner Altersklasse an sieben Adressen gefahren und hast Dich jedes Mal beinhart um die Punkte gematcht.

Es hat zwar ein oder zwei Streichergebnisse im Cup gegeben, aber eigentlich darfst keinen Lauf auslassen, sonst überholen Dich die anderen. Wir waren damals drei Leute, die sich um den zweiten Platz duelliert haben. Der Führende war unerreichbar für uns, aber wir Anderen sind zu jedem Rennen gefahren, von Ternitz in Niederösterreich bis Murska Sobota in Slowenien. Wir haben uns bei jedem Rennen bis auf ein paar Meter bekriegt – aber wir haben nie darüber geredet (lacht).

Das war ein Erlebnis, da hab ich mir gedacht, daß sich für mich der Kreis schließt, dieses Verhalten entspricht auch mir in meiner künstlerischen Persönlichkeit.

Ich hab mich dann ausgetestet bis hin zu Berg-Ultras. Das ist für jemanden, der in seiner Jugend mit Drogen experimentiert hat, die gesündeste und konsequenteste Fortsetzung. Ich hab den ersten Filmriß meines Lebens nicht auf Alkohol, sondern auf einem Berg-Ultra gehabt. Eine halbe Stunde meines Lebens ist weg.

Jetzt hab ich laufmäßig stark zurückgeschalten. Aber ich betreib möglichst jeden Tag Sport. Es geht sich nicht immer aus, aber wenn ich zwei Tage lang nix mach, spür ich das körperlich ganz unangenehm.

F: Hast Du bei diesem Ultra-Berglauf dann gemerkt, daß Du nun aufhören mußt, daß Du Deine Grenzen erreicht und auch überschritten hast, daß es jetzt ungesund wird?

A: Es wäre womöglich so gekommen. Aber wie so oft in meinem Leben ist ein körperliches Ereignis im richtigen Moment eingetreten. Ich habe neun Jahre nach meinem ersten Gichtanfall einen zweiten gehabt und hab meinen Knorpel im Zehen-Grundgelenk so weit geschädigt, daß ich nach fünfzehn Kilometer Laufen spür, daß ich mir damit nix Gutes tu.

F: Kennst Du die Film-Dokumentation „Herbstgold“? Da geht’s um mehrere Leichtathleten, die allesamt über 80 Jahre alt sind und nach wie vor bei Internationalen Meisterschaften antreten. Ein Österreicher, Anton Proksch, ist im Diskus sogar in der Altersklasse Ü 100 angetreten, natürlich ohne Konkurrenz … Das ist phänomenal.

A: Ja, ich hab’s im Fernsehen gesehen, leider nicht von Anfang an.

Für mich ist auch Passiv-Sport etwas sehr Wichtiges. Wer sagt, daß ihm Sport zu minder ist, ist in meinen Augen ein Trottel. Das ist ein gesellschaftliches Phänomen, mit dem sehr viel bewegt und auch sehr viel Geld umgesetzt wird. Es steht für etliches Andere mit …

F: Du bist Fan des GAK (Anm: der Grazer Athletik-Klub ist Simons Lieblingsverein. Er wurde vor einigen Jahren wegen finanzieller Malversationen zwangsrelegiert und spielt derzeit in der dritten österreichischen Leistungsklasse.) Wie gehst Du mit der derzeitigen Situation um?

A: Ich leide durchaus. Wie fast jeder intellektuell bewußter Anhänger dieses Vereins hab ich sehr viele Zeiten erlebt, in denen ich mich gefragt hab, wie ich noch zum GAK halten kann. (Anm: Der GAK hatte einige Zeit einen FPÖ-affinen Vereinspräsidenten, der unter der Anhängerschaft nicht sonderlich beliebt war.) Aber der Sport ist einfach stärker als die Politik. Der GAK ist in Graz der Minderheitenverein. Es war ganz klar, daß ich in meiner Kindheit und als Schüler der Minderheit angehören mußte. Er hat Rot in den Vereinsfarben, und rot ist für mich die wichtigste Farbe in meinem Leben. Als sich Sturm Graz mit viel Geld von Hannes Kartnig in die Höhe geschraubt hat, ist meine Zuneigung zum GAK noch größer geworden …

Das Interview endet hier, das Gespräch mit Simon ging noch weiter. Wir sprachen hauptsächlich über Fußball und die Wahnsinnigkeiten, die das Fan-Dasein mit sich bringt. Doch das fällt unter „Privates“.

Die Photos sind Copyright Simon Pichler und Andreas Peichl.

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