Gijon

In diesem Bericht geht’s ums Kicken. Ich bin zu meinem eigenen Leidwesen sehr Fußball-affin, und das schon, solange ich mich zurückerinnern kann. Ganz sicher begleitet mich diese Leidenschaft länger als die Liebe zum Schreiben. Wer mit dem runden Leder nix anfangen kann – der sollte an dieser Stelle abbrechen und sich meine persönlichen Erinnerungen an ein ganz bestimmtes Fußballmatch nicht antun.

In der heutigen Ausgabe einer österreichischen Tageszeitung wurde darauf hingewiesen, daß vor ziemlich genau 30 Jahren – genauer gesagt:  am 25. Juni 1982 – ein WM-Spiel zwischen Österreich und Deutschland von besonderer Bedeutung stattfand. Es war ein Spiel der Schande, denn die beiden Mannschaften einigten sich während des Matches auf einen Nichtangriffspakt, damit mit dem idealen Resultat von 0:1 beide Teams in die Zwischenrunde aufsteigen konnten. Es wird und wurde von beiden Seiten immer wieder beteuert, daß es keine Absprache gegeben hätte, daß es sich „einfach so ergeben hätte“. Mag sein. Aber ich bin damals im Stadion in Gijon gesessen – und ich weiß, was ich gesehen habe.

Es war die Zeit kurz nach meiner Matura (meines Abiturs) an einer Handelsakademie. Mein Vater hatte mich als Belohnung zur Fußball-WM nach Spanien eingeladen. Was unser beider Freude über die gemeinsame Reise ein klein wenig Abbruch tat, war, daß ich durchgeflogen war und in einem Gegenstand im darauffolgenden Herbst nochmals antreten mußte. Doch die Flüge, das Hotel, die Spiele waren gebucht, ich war unmittelbar nach der mündlichen Prüfung zum Flughafen gerast und hatte nicht einmal mehr Zeit gehabt, mich richtig von den Schulkameraden zu verabschieden, mit denen ich fünf Jahre in einem Klassenzimmer verbracht hatte. Auch auf die gemeinsame Maturareise verzichtete ich frohen Herzens – ich durfte bei der Endrunde einer Fußball-Weltmeisterschaft live vor Ort sein!

Ich traf meinen Vater in Zürich-Kloten, es ging gleich weiter nach Madrid, und von dort nach Oviedo, der Stadt, die das österreichische Nationalteam beherbergte. Und es ging schon mal schlecht los: Der lokale Flieger mußte wegen Turbulenzen und Stürmen kurz vor der Landung umdrehen und nach Madrid zurückkehren; was bedeutete, daß wir beide das Spiel Algerien – Deutschland und damit eine riesige Sensation (2:1) verpaßten.

Wir hatten ein mieses Quartier in Oviedo, irgendwo an einer belebten Straßenecke, bei schweißtreibenden Zimmertemperaturen, unten grölten die halbe Nacht hindurch die Fans, die Preise waren auch schon für die damalige Zeit der reinste Wucher. Aber ich war bei einer WM! Ich konnte den Krankls und Schachners und Prohaskas auf die Schuhe schauen, in einer Gruppe, die große Hoffnungen auf den Aufstieg in die Zwischenrunde zuließ. Um so mehr, als Österreich gegen Chile und Algerien gewann. Die beiden Matches waren nicht sonderlich toll, diese Mannschaft hatte ihren Zenit bereits überschritten; aber wir gingen ungeschlagen und als Gruppenführer in das Spiel gegen die BRD.

Algerien siegte einige Stunden zuvor knapp gegen Chile, wenn mich meine Erinnerung nicht trügt. Was bedeutete, daß Österreich sich eine 0:2-Niederlage leisten konnte, um dennoch aufzusteigen. Aber ich erhoffte mir schon sehr ein gutes und hartes Match gegen die bundesdeutschen Favoriten. Wir hätten sie aus dem Turnier schmeißen können, wie schon vier Jahre zuvor in Argentinien?

Du meine Güte – so eine Enttäuschung habe ich davor und danach nicht mehr erlebt.

Das Stadion in Gijon war recht weitläufig; die Aufstiege und Verbindungsgänge im Zuschauerareal hingegen niedrig und eng gebaut, ich kann mich auch an Löcher in den Betonwänden und -böden erinnern. Regnete es, war es trocken? – Ich weiß es nicht mehr. Es gab seltsame Gitter, die die einzelnen Ränge voneinander trennten, und es herrschte eine seltsame, angespannte Atmosphäre. Nun, bei derartigen Goßereignissen ist ja eh alles ein bißl anders, man hätte also nicht von außergewöhnlichen Umständen reden können.

Das Spiel begann, die BRD überrollte die österreichische Verteidigung ein ums andere Mal. Horst Hrubesch war kaum zu halten. Der Mann, dessen Gesicht wie eine eingehaute Wirtshaustür aussah, machte dann auch früh das Tor. Mit dem Knie, bei dem Versuch, die Rübe hinzuhalten, auf der gegenüberliegenden Seite des Stadions. Irgendwie nudelte er den Ball ins Netz, für mich kaum wahrnehmbar die deutschen Fans jubelten.

Es sah eine Weile so aus, als würden die Österreicher aufgefressen werden. Das 0:2 lag in der Luft; doch plötzlich verflachte die Partie. Kaum ein gscheiter Paß kam mehr in die Spitzen, der Ball wurde vom Libero zum Vorstopper oder an die Außenverteidiger weitergeschoben – oder gar zurück zum Goalie, der den Ball damals noch mit den Händen aufnehmen und so auf Zeit spielen durfte.

Ich weiß noch, wie eine Weile seltsame Stille im Stadion herrschte. Die Zuseher waren wohl ebenso ratlos wie die Kicker unten auf dem Platz. Bis dann die ersten Leute zu pfeifen anfingen. Und die spanischen Fans mit weißen Taschentüchern winkten.

Ich hatte dieselbe Geste einige Tage zuvor gesehen; bei einem Stierkampf. Ein Matador hatte den Todesstoß für den Stier drei Mal falsch gesetzt – eine schreckliche Tortur für das Tier; er wurde gnadenlos ausgepfiffen, die Handtücher geschwenkt, der Toreror mit Häme und Zorn bedacht. Und hier, im Stadion von Gijon, wurden nun 22 Spieler mit denselben Gesten bedacht. Da und dort gab es Sprechchöre, die ich nicht verstand; aber das war wohl auch nicht notwendig.

Die zweite Halbzeit begann, ich hoffte auf Besserung. Darauf, daß die Österreicher ein neues, besseres Konzept hätten. Doch es wurde noch schlimmer und noch offensichtlicher, daß beide Teams mit einem Resultat zufrieden waren, das ihnen den Aufstieg ermöglichte und die Algerier aus dem Turnier expedierte.

Ach ja, die Algerier … Es müssen einige hundert von ihnen im Stadion gewesen sein. Unweit von meinem Vater und mir war so eine kleine Gruppe. Sie schwenkten ihre Fahnen und wurden von den spanischen Zusehern mit Applaus bedacht. Sie zeigten Geldscheine her, stimmten wütende Fangesänge an, winkten mit dem Geld in Richtung Spielfeld.

Irgendwo wurden Fahnen verbrannt; osterreichische oder deutsche, ich weiß es nicht mehr. Anderswo schleppte man verzweifelte algerische Fans ab, die kaum noch an sich halten konnten. Vor uns saß ein bundesdeutscher Fan, ein Biedermann, der in sperrigem Hochdeutsch von „Vernunft“ und „Verbrüderung“ und „Richtig so!“ redete. Ich bin nicht sonderlich stolz auf das, was ich ihm ziemlich laut ins Ohr gebrüllt hab und darauf, daß mich mein Vater in weiterer Folge zurückhalten mußte, bevor ich richtig handgreiflich werden konnte. Aber was ich auf dem Platz zu sehen bekam, war schlichtweg Betrug. Ich war zornig und beschämt zugleich. Oh, ich weiß noch gut, wie ich den selbstgestrickten rot-weiß-roten Schal nach dem Spiel zu verstecken versuchte. Wie ich mit stierem Blick gradaus ging, hin zum Bus, vorbei an Spaniern, die mit Fingern auf uns zeigten und schimpften …

Diese Reise hatte richtig viel Geld gekostet, für damalige Verhältnisse. Ich wollte – insbesonders gegen die Bundesdeutschen – ein gutes Spiel sehen, und keine Farce. Ich war hier, um Österreich anzufeuern, um mich zu freuen, mich über spielerische Mängel zu ärgern, zu fluchen, zu lachen. Das alles wurde mir weggenommen.

Das Spiel endete, wie hinlänglich bekannt, mit einem 0:1. Österreich stieg in die Zwischenrunde auf und schied dort gegen Frankreich bzw. Nordirland aus, die Mannschaft wurde in beiden Spielen ausgepfiffen. Mein Vater stellte es mir frei, diese beiden Spiele auch noch anzusehen. Ich verzichtete. Ich wollte nicht. Mir war die Lust auf die Nationalmannschaft gehörig verdorben worden, und erst viel später, als eine neue Generation von Spielern auf dem Feld war, ging ich wieder ins Stadion, um Österreich anzufeuern.

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