Motorradfahren mit Asterix und Coco Zamis

Im Juni 2011 hatte ich endlich wieder mal Zeit und Gelegenheit, die Welt hinter mir zu lassen, mich aufs Motorrad zu schmeißen und wegzufahren, egal wohin. Das Geld würde für einige Zeit reichen, weite Sprünge konnte ich mit meinem Budget allerdings nicht machen. Ich entschied mich kurzerhand für Korsika, packte meine Siebensachen, verabschiedete mich und ward nicht mehr gesehen.

Ich verpaßte die Fähre nach Bastia und deponierte im Hafen von Livorno um, das nächste abfahrende Schiff würde mich von nach Olbia bringen, nach Sardinien. Als ich am Morgen auf dem Schiff gerädert aufwachte, ich hatte meinen Schlafsack in der Kinderspielecke ausgebreitet, unmittelbar neben einer die ganze Nacht hindurch frequentierten Rutsche, liefen wir eben im Hafen ein; ich sah zu, daß ich wegkam, ohne Weg und Ziel. Ich fuhr die Costa Smeralda entlang und endlich, endlich stellte sich so etwas wie Urlaubsfeeling ein. Ich war angekommen, die Landschaft war beeindruckend schön, das Motorrad schnurrte dahin, ich war mit mir selbst im Reinen.

Drei Tage lang fuhr ich kreuz und quer und krabbelte an gut gepflegten und instandgehaltenen Schauplätzen über die Reste neolithischer Kulturen . Ich beschäftigte mich mit Völkern, die rund um Arzachena ihre Spuren hinterlassen hatten, lernte über Riesengräber, Nuraghe und Nekropolen. Ich ignorierte tunlichst die Hitze, die mich in meiner Lederkluft allmählich garen ließ und fuhr ans Meer, sobald es unerträglich wurde, um die Füße bei recht stürmischer See ins Wasser zu halten … Es war einfach nur schön.

Doch hatte ich nicht eigentlich nach Korsika wollen? – Es gab eine Fährverbindung, die die beiden Inseln miteinander verband, die von Santa Teresa di Gallura nach Bonifacio tuckerte, und die wollte ich nehmen. Ich verließ Sardinien, nach viel zu kurzer Zeit, um überzusetzen, ohne zu ahnen, was mich erwartete.

Die Südküste Korsikas kam rasch näher. Vor den Passagieren türmten sich Kreidefelsen hoch, ähnlich denen nahe Dover an der südenglischen Küste. Die Stadt Bonifacio breitete sich auf dem Fels aus, wirkte fast mit ihm verwachsen. Die vorderste Reihe der Häuser war unmittelbar an die Felskante gebaut, so wagemutig, daß man es nicht glaubt, hat man es nicht mit eigenen Augen gesehen.

(Bonifacio liegt übrigens dort, wo Goscinny, der längst verstorbene „Asterix“-Texter, das Römerlager „Saecularsaeculorum“ hinsetzt, zwischen „Iamaicarum“ und „Natrium“ gelegen, aber doch ein gutes Stück von „Mordstrum“ und „Teemitrum“ entfernt.).

Eine Einkerbung, eine Art Fjord, barg den Naturhafen Bonifacios. Wir fuhren langsam ein, waren bald beiderseits von Kreidefelsen umgeben, die im Laufe der Zeit unterschwemmt worden waren und vor deren Grotten Yachten vor Anker lagen, die nach sehr, sehr, sehr viel Geld rochen. Das Wasser war kristallklar, zur Linken zeigten sich mehrere kleine Buchten.

Wir dockten an, ich verließ die Stadt, ohne sie näher in Augenschein zu nehmen. Ich machte es mir auf einem Campingplatz knapp außerhalb Bonifacios bequem, um von hier aus Tagesausflüge in die Umgebung zu unternehmen. Mit dem Motorrad, oder auch per pedes, ans Meer oder ins hügelige Gelände.

Am dritten Tag nach meiner Ankunft fuhr ich in die Stadt zurück. Ich parkte das Motorrad irgendwo und irrte durch die Innenstadt mit all ihren engen Gassen, über gepflasterte Wege,  an der Zitadelle vorbei, Mauern samt Wachtürmen entlang. Die Stufen der Treppe des Königs von Aragon  hinab, die bis zum Meer hinabführt;  eine schweißtreibende Angelegenheit, vor allem, wenn man im Motorradzeugs steckt.

Ich verirrte mich auf dem Friedhof; einem der schönsten, den ich jemals gesehen hatte. Mausoleen und Kryptae gaben ihm das Aussehen einer Stadt in der Stadt. Kleinen Häusern nicht unähnlich, stützten sich die weiß gekalkten Fronten der Grüfte aneinander. Es ging ebenerdig oder über Treppen hinab zu den Toten, die Tore waren natürlich allesamt versperrt. Es war ruhig, unheimlich ruhig, während nur wenige 100 Meter entfernt Mopeds durch die Innenstadt sausten und Autofahrer im Kampf um einen der wenigen freien Parkplätze Hupkonzerte veranstalteten.

Ich wanderte eine Stunde oder länger umher, nahm Eindrücke in mich auf, um dann weiter durch die Stadt zu irren. Ich ging Treppen in Häusern hoch, unglaublich steil, wie alles hier mangels Platz in die Höhe drängte. Schmale Eingänge, schmale Häuser, schmale Gassen. Geziegelte Brückenteile, die die Gebäude auseinanderspreizten. Viel Schatten, noch mehr Dunkelheit, und dann, auf einmal, grelles Licht, sobald man das Häuserlabyrinth der Altstadt verließ und auf den Hafen hinabblickte …

Ich sammelte Eindrücke, die lange in mir nacharbeiteten, als ich längst wieder zurück in Österreich war und mich der Arbeitsalltag wiederhatte. Und als kurze Zeit darauf das Angebot kam, einen Roman für die Serie „Dorian Hunter“ zu schreiben, bat ich den Expo-Autor Christian Montillon, einen Teil der Handlung, wenn möglich, nach Korsika zu verlegen. Nach Bonifacio, mit der hübschen Hexe Coco Zamis als Protagonistin. Und so entstand der Roman „Seelenwahn“ (Dorian Hunter, neue Romane, Band 32).

Natürlich bildeten meine Reiseerlebnisse und -eindrücke nur das Grundgerüst bzw. das Setting für meine Geschichte. Ich verwurstete Gestalten aus der indischen Mythologie als Gegenspieler meiner Heldin, ich ließ mich von korsischen Sagen und Märchen inspirieren und ich konstruierte eine Figur namens Fleury, die völlig auf meinem eigenen Mist gewachsen war. Es waren also Einflüsse von mehreren Seiten, die notwendig waren, um diese Geschichte funktionieren zu lassen. Doch das Wichtigste waren zweifellos die Impressionen, die ich von meinem Aufenthalt in Bonifacio mitgenommen hatte.

Ach ja: Das letzte Bild zeigt frei herumlaufende Tierchen irgendwo im Inselinneren, mit denen bereits Obelix zu tun hatte. Dabei handelt es sich „nicht um gezähmte Wildschweine, sondern um ungezähmte Hausschweine“, um Häuptling Osolemirnix zu zitieren. Wie auch immer – schmecken tun sie toll.

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