Wie ich Turil auf Reisen schickte

Ich hatte mich im PERRY RHODAN-Autorenteam etabliert, schrieb fleißig Romane für die Erstauflage und durfte auch schon mal bei einer Taschenbuchstaffel für Heyne mitschreiben, die ebenfalls Perry Rhodan zum Helden hatte. Der Olymp war für mich als Fan der größten Weltraum-Serie der Welt erreicht, ich hatte es geschafft!

Oder? War das wirklich alles, würde ich von nun an nix anderes mehr machen?

Nein. Ich hatte Hummeln im Hintern. Ich wollte neue Dinge entdecken und ausprobieren, und darüber hinaus hatte ich so viele Ideen im Hinterkopf, die im PERRY RHODAN-Universum keinen Platz fanden. Sei es, weil sie sexuell anrüchig waren oder Formen von Gewalt beschrieben, die bei RHODAN nichts zu suchen hatten.

Da traf es sich gut, daß ich beim Garching-Con 2007 (?) Sascha Mamczak persönlich kennenlernte, den zuständigen Redakteur für Science Fiction beim renommierten Heyne-Verlag, und ich mit ihm ins Plaudern kam. Aus einer Laune heraus konfrontierte ich ihn mit der Idee, daß ich ein selbständiges SF-Epos schaffen wollte, und ich warf ihm einen Knochen hin, eine Idee, die seit geraumer Zeit in meinem Kopf steckte. Ich erzählte Sascha von einem intergalaktischen Totengräber, der von A nach B reiste und seine Arbeit verrichtete. Ich schwafelte vor mich hin, skizzierte aus dem Stehgreif ein in sich geschlossenes Universum und ging dem armen Kerl wohl gehörig auf die Nerven. Aber es machte sich bezahlt; er behielt die Idee mit dem Totengräber im Hinterkopf, und als ich ihn einige Monate später anrief, erinnerte er sich sofort an mich.

Wir kamen zu einer losen Vereinbarung. Ich sollte in aller Ruhe ein Expo entwerfen und es ihm mitsamt einer etwa 20seitigen Leseprobe zumailen. Was ich dann auch tat – wobei von diesem ersten Rohentwurf kaum etwas im Roman erhalten geblieben ist. Die Leseprobe habe ich meiner Erinnerung nach zur Gänze gekübelt, davon steckt kein einziger Buchstabe im eigentlichen Manuskript.

Manche Ideen brauchen Zeit; es dauerte weitere Monate, bis ich das Expo so ausformuliert hatte, daß Sascha es akzeptieren konnte. Immerhin betrat ich wieder mal Neuland; es ging um ein Buch mit eigenständigem Thema und einer Länge von etwa 450 Seiten. Die Handlungsbögen mußten anders als bei PERRY RHODAN konstruiert, die Charaktere anders definiert werden. Und ich mußte Grundlagen für ein Universum schaffen, das im Idealfall weitere Romane tragen sollte, so war es von Anfang an ausgemacht. Denn so ist die – für den Autor sehr feine – Gebarung bei Heyne: Man setzt auf Haus-Autoren, die gehegt und gepflegt werden und nicht über einen einzigen Erfolg oder Mißerfolg definiert werden.

Jedenfalls wurde es 2008, bis ich mich an die tatsächliche Schreibarbeit machte. Das Exposé war wie gehabt bloß eine wackelige Stütze für mich, seufz. Ich spintisierte vor mich hin, entwickelte während des Schreibens meine Figur Turil weiter und gab ihr einen Gegenspieler. Doch das war mir zu simpel und zu wenig. Ich wollte keinesfalls in ein Schwarz-Weiß-Schema verfallen. Meine „guten“ Charaktere hatten ihre bösen Seiten, wie es auch umgekehrt so war, daß die Antagonisten sehr gute Gründe für ihre Taten hatten. Viele dieser Figuren waren Getriebene, und je mehr Facetten sie zeigten, desto besser kam ich mit ihnen zurecht.

Womit ich während der Arbeit besonders viel Freude hatte, war, daß ich völlig frei vor mich hinfabulieren durfte. Ich erfand das Fünkchen, ein Werkzeug mit ein klein wenig eigenem Willen, das gegen seinen Herren rebellierte. Einen Zeremonienmantel und ein Raumschiff, die beständig gegen ihren Besitzer kämpften. Roboter, die so alt waren, daß sie womöglich schon existierten, bevor mein Universum, der „Kahlsack“, entstanden war. Wesen, die auf Welten herabgeregnet kamen und in einem unglaublichen Schöpfungsakt belebt wurden, so, als würde ein Gott den Lichtschalter betätigen und sagen: „Es sei!“ Ein Geschöpf, das endlose Zeiten an ein Folterbrett gebunden gewesen war und dadurch in eine völlig neue Daseinsform rutschte. Eine barbarische Dschungelwelt, in der sich alles bloß um einen einzigen Stein drehte. Und um ein Zeremoniell, das ich „Sechsen“ nannte und das unabdingbar mit dem Schicksal meines Helden Turil verknüpft war …

So viele Ideen, so wenig Platz. Ich tat mir sehr schwer, an ein Ende zu kommen und alles „logisch“ zu erklären, aber ich denke, daß ich diese Aufgabe halbwegs gut hinbekommen habe.

Ich mußte mir Vorwürfe gefallen lassen, daß ich zu fantasy-lastig schriebe. Aber für mich steht nun mal die Fiction im Vorder- und die Science im Hintergrund. Ich möchte nicht erklären müssen, wie etwas funktionieren könnte. Ich postuliere, daß es so ist, und basta. Ich wollte ja auch nicht lang und breit einem Menschen, der in den Fünfzigern des letzten Jahrhunderts aufgewachsen ist, erklären, wie ich mit Hilfe einer Maus die unglaublichsten Dinge auf einem Bildschirm geschehen lassen kann, oder wie die technischen Voraussetzungen für Prozessoren der neuesten Generation aussehen …

Das fertige Manuskript ging an einen sehr verständnisvollen Lektor, der mir weitreichende Textfreiheiten gab und eigentlich sehr von meiner Arbeit angetan war. Was in der Entwicklung so viel Zeit in Anspruch genommen hatte, wurde nun zügig in ein druckbereites Manuskript weiterverarbeitet, und einige Monate später durfte ich „Turils Reise“ in Empfang nehmen.

Auch heute bin noch sehr stolz auf diesen meinen Erstling; ich hoffe, irgendwann die Gelegenheit zu bekommen, nach meinem Zweitling „Plasmawelt“ einen dritten Band nachschieben und weitere Geheimnisse des Kahlsacks aufklären zu dürfen. In meinem Hinterköpfchen gären einige Ideen, die ich gerne zu Papier bringen wollte. Aber wie’s halt so ist, stehen dem andere Dinge im Weg. Ich bin bei PERRY RHODAN und PERRY RHODAN NEO eingesetzt, der SCHATTENLORD wartet auf mich, und bei meinem Fantasy-Roman sollte ich gefälligst auch weiterkommen. Aber ich bin guter Hoffnung, bald mal in den Kahlsack zurückzukehren.

Noch eine Anmerkung zum Titelbild von „Turils Reise“: Ich find’s genial, es wurde in anderer Farbgebung und leicht abgeändert auch bei  „Plasmawelt“ eingesetzt. Insbesondere der Namensschriftzug hat’s mir angetan. Es ist kein Wunder, daß er heute ziemlich plakativ über meiner Homepage ‚hängt“. Deshalb möcht ich hier mit einem herzlichen Dankeschön an Dirk Schulz schließen. Er ist der kreative Kopf hinter der Titelbildgestaltung von „Turils Reise“.

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4 thoughts on “Wie ich Turil auf Reisen schickte

  1. Turils Reise fantasy-lastig? Echt? Merkwürdiger Gedanke. Für mich reinste Space Opera in der Tradition von Stephen Baxter oder Alastair Reynolds. Der „es ist, was es ist und basta“ Ansatz gefällt mir gut – ich mag z.B. Baxter, aber bei der gelegentlichen Erklärungswut von ihm krieg ich manchmal Gehirnschmelze…

    Interessant, dass Heyne Autorenpflege betreibt – den Eindruck erwecken sie eigentlich nicht (mehr) unbedingt. Diesen Ruf hat eher Lübbe.

    Wie auch immer, der Kahlsack ist ein großartiges Universum und wie ein Fanboy hoffe ich auf weitere Geschichten von dort 🙂

    • Ja, ich fühle mich bei Heyne gut aufgehoben, das ist nicht einfach nur dahingesagt. Man hat mich von vornherein wissen lassen, daß man sich um mich, den Autor, kümmern wird, und nicht alleine um das Werk.

      Die Fantasy-Vorwürfe bekam ich öfters zu hören – aber was soll’s. Ein Mensch eine Meinung, das ist in Ordnung so.

      Schöne Grüße,

      Michael

    • Die Waffenschmiede/Waffenhändler von Isher fand ich dazumals großartig, bei Zelazny erinnere ich mich bloß an das Buch, das er gemeinsam mit Dick geschrieben hat. Herbert ist nicht so mein Ding.
      Danke für den Link zu Deiner Kritik, fand ich sehr gut …

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