Interview mit … Helmut Schulz

Helmut Schulz ist Geschäftsführer des Western Training Center H & D Schulz, eines Paradieses für Westernreiter, nahe Wiener Neustadt gelegen. Auf dem großzügig ausgebauten Gelände findet der Reiter zwei überdachte Turnierplätze, Rundcorrals, zig Einstellplätze, Offenställe, Koppeln, Boxen, ein Geschäft mit riesiger Auswahl für den Westernreit-Liebhaber, von der adäquaten Bekleidung bis zum Turniersattel. Der Saloon lädt ebenso zum Verbleib ein wie im Sommer allerorts lauschige, mitunter schattige Winkel.

Am Wochenende vom 4. bis zum 7. Juli 2012 finden im Western Training Center bereits zum dritten Mal die Europameisterschaften in den Königsdisziplin des Westernreitsports statt, in der Reining, einem Dressur-Bewerb, der eine perfekte Einheit von Pferd und Reiter verlangt. Es werden mehrere tausend Zuseher erwartet.

Ich habe einige Jahre im Western Training Center gearbeitet, damals, als der Betrieb noch längst nicht so groß, aber die Entwicklung zum wohl größten Westernreitstall Österreichs bereits abzusehen war.

F: Helmut, Du bist gelernter Kürschner, hast diesen Beruf aber irgendwann aufgegeben, um Dich ganz Deiner Leidenschaft zu widmen, dem Westernreiten. Der Übergang vom Hobby zum Beruf war fließend …

A: Ja. Als abzusehen war, dass es mit meinem gelernten Beruf immer weiter abwärts ging, bin ich langsam umgestiegen.

F: Damals, zu Beginn der Achtziger des vorigen Jahrhunderts, war das Westernreiten etwas Exotisches. Gab’s Hinweise, daß Du Dich in dieser Reitsparte etablieren könntest?

A: Naja, Hinweise … Mir war klar, daß, wenn ich davon leben wollte, ich mich möglichst breit aufstellen mußte. Sei’s jetzt der Handel mit Westernreitsport-Artikel, die Ausbildung von Pferd und Reiter oder die Zucht – mit einer Sparte alleine würde es nicht gehen, dachte ich.

F: Das war Dir also von vornherein klar?

A: Ja. Nur Zucht betreiben kann man zum Beispiel nur dann, wenn man ein großes Vermögen hat – und dann ein kleines draus macht … (lacht).

F: Hast Du dich damals in anderen Reitställen umgesehen?

A: Natürlich hab ich mich interessiert, was anderswo gemacht wird. Aber ich habe mich auf die Besten in ihrem Bereich konzentriert, hauptsächlich in den USA.

F: Wer hat das Westernreiten denn eigentlich nach Österreich gebracht?

A: Das war vor mittlerweile 35 Jahren ein Schweizer namens Jean-Claude Dysli. Er hat in Deutschland unterrichtet und hat als Erster Kurse in Österreich abgehalten.

F: Damals wurde also die AWA gegründet? (Anm.: die Abkürzung steht für „Austrian Western Riding Association“. Die AWA ist heutzutage der größte Verein österr. Westernreiter.)

A: Ja.

F: Und Du warst von Anfang an dabei?

A: Ja.

F: Du bist auch wettkampfmäßig geritten?

A: Mehr als fünfzehn Jahre. Aber die Firma, das ganze Pferdegeschäft, hat derartige Dimensionen angenommen, dass ich mich immer mehr darauf konzentrieren mußte. Alles ist stetig weiter gewachsen. Ich wollte im Geschäft erfolgreich sein und mußte mich um alles kümmern. Die Ware einkaufen, die Pferde betreuen, alles Mögliche organisieren. Da nebenbei erfolgreich mit Pferden zu arbeiten, zu trainieren und sie bei Turnieren zu showen – das ging irgendwann nicht mehr.

F: Dennis (Schulz), Dein Sohn, ist nach wie vor erfolgreicher Turnierreiter?

A: Dennis ist Profitrainer, der keine eigenen Pferde trainiert, sondern sie von Anderen zur Verfügung gestellt bekommt, sie zwei, drei Jahre lang vorbereitet, sie dann bei Championships vorstellt und möglichst gute Plazierungen zu erreichen versucht.

F: Er bewegt also „seine“ Pferde jeden Tag, jede Woche, und übt mit ihnen?

A: Er bereitet sie gezielt auf die Turniere vor. Wenn Meisterschaften anstehen, ist die Intensität natürlich höher.

F: Ist der Erfolg bei Turnieren denn eine Geldsache?

A: Natürlich. Aber: Selbst wenn man sich ein Pferd um viel Geld mit den bestmöglichen Zuchtlinien kauft, ist das noch lange keine Garantie, daß man auch gewinnt. Da kann so viel Unvorhergesehenes passieren. Und das macht ja auch die Faszination des Pferdesports aus. Sie bringt gut betuchte Leute dazu, mögliche Siegerpferde teuer Geld zu kaufen, während jene, die weniger investieren, glauben und hoffen, sie schlagen zu können. Es ist egal, ob sich’s nun um Springpferde oder Traber oder eben um Quarter Horses handelt – es ist überall dasselbe, es ist ein Spiel mit offenem Ausgang.

F: Das Western Training Center H & D Schulz ruht auf mehreren Säulen. Gibt’s einen Bereich, der den Hauptanteil am Erfolg hat?

A: Das ist schwer zu sagen, es ändert sich auch immer wieder. Die Zucht ist sicherlich ein bedeutender Faktor, das Verkaufsgeschäft bringt auch einen gewissen Umsatz im Jahr.

F: Spürst Du die Wirtschaftskrise? Interessieren sich heutzutage weniger Leute fürs Reiten?

A: Eigentlich nicht. Man muß auch nicht unbedingt reich sein, um mit dem Westernreiten zu beginnen. Da ist halt der Anschaffungspreis des Pferdes, den man sich leisten muß. Aber die Pferdehaltung kostet alles zusammen viel mehr Geld. Das ist wie ein Auto, das allmählich zum Oldtimer wird und in das man Monat für Monat Geld reinsteckt. Du hast ein Pferd fünfzehn Jahre oder länger und investierst in dieser Zeit viel mehr, als Du beim Kauf dafür ausgegeben hast. Daran denken manche Leute nicht. Einen Auto-Oldtimer stellt man, wenn man möchte, für ein Jahr in die Garage und schaut ihn nicht mehr an. Das geht bei einem Pferd halt nicht. Es muss gefüttert und gepflegt werden, braucht den Hufschmied und den Tierarzt …

F: Du hast mit den Pferden in Moosbrunn angefangen?

A: Ja. Danach ging es auf den Herminenhof in Pottenstein im Triestingtal, und als dort der Platz zu eng wurde, sind wir im Dezember 1998 hierher umgesiedelt, in der Nähe von Wiener Neustadt.

F: Das Gelände ist zum Teil gepachtet. Ich kann mich erinnern, daß hier ein Autoausbadler ansässig war, der seine Teile in Betonschüsseln eines ehemaligen Schweinezüchters lagerte. Wenn man das Gelände heute sieht, kann man sich das gar nicht mehr vorstellen. Du hast es immer weiter aus- und umgebaut. Hast Du Pläne, dich noch weiter auszubreiten?

A: Nein. Wir haben das Maximum erreicht. Es ist alles da, was wir brauchen. Es bringt nix mehr, noch größer zu werden. Der Aufwand ist jetzt schon riesig. Du darfst nicht vergessen, daß dies hier kein normales Geschäft ist, das man übers Wochenende zusperrt und nicht weiter drüber nachdenkt. Die Tiere brauchen sieben Tage in der Woche Betreuung, an 365 Tagen im Jahr.

F: Der Reitstall ist weit über Österreichs Grenzen hinaus bekannt. Ihr habt einen sehr guten Ruf …

A: Ja. Die Leute kommen aus allen Teilen Europas immer wieder gerne hierher, weil die Anlage sehr schön und reiterfreundlich ist. Es ist genug Platz da, auch für andere Trainer, die unsere Möglichkeiten nutzen wollen.

F: Kommende Woche findet die Europameisterschaft der NRHA statt (Anm: „National Reining Horse Association“, der US-amerikanische Dachverband des Reining-Sports). Wie viele Pferde erwartest du?

A: So um die 170 oder 180 Pferde, die über 400 Starts absolvieren werden. Wir haben Teilnehmer aus fast ganz Europa. Italiener, Deutsche, Engländer, Ungarn, Slowenen, Polen, Schweizer …

F: Sind auch Amerikaner am Start?

A: Es werden ein paar Amerikaner kommen, die Pferde aus europäischer Zucht showen.

F: Ist es denn allgemein üblich, daß Amerikaner nach Europa kommen, einige Jahre lang Pferde in Europa trainieren und dann wieder zurück in die Heimat gehen?

A: Genau, so ist es.

F: Brauchen die Europäer denn noch amerikanische „Entwicklungshilfe“?

A: Nein. Es gibt mittlerweile sehr, sehr gute Reiter und Trainer. World Champions. Solche, die in die USA rübergehen und dort Erfolg haben. Der Rudi Kronsteiner zum Beispiel, ein Österreicher, der in Deutschland trainiert, ist mittlerweile dreifacher World Reining Champion. Er hat in den USA im Oklahoma State Fair Park, im Mekka des Westernreitens, vor allen Amerikanern gewonnen. Und es gibt auch andere Europäer, die mit der amerikanischen Spitze mithalten können.

Auch das Pferdematerial in Europa ist mittlerweile sehr gut. Natürlich ist es so, daß die Masse an Reitern und Pferden in den USA wesentlich größer ist, und dementsprechend gibt es an der Spitze der Bewerbe mehr US-Amerikaner.

F: Was für einen Stellenwert hat die österreichische Westernreitszene in Europa?

A: Einen sehr hohen. Wir liegen mittlerweile an dritter Stelle. Nur die Italiener und die Deutschen liegen vor uns, was die Klasse betrifft.

F: Diese Gegend hier ist auch ein ideales Einzugsgebiet für Reiter aus dem Osten. Kommen denn Pferdeinteressierte denn auch aus den Nachbarländern?

A: Ja, klar. Wir haben slowenische, tschechische und ungarische Reiter. Insofern ist unser Reitstall ideal gelegen …

Wir müssen das Interview abbrechen, die Arbeit ruft nach Helmut, nein, sie schreit nach ihm. Es ist gerade noch Zeit für ein Photo, dann ist er dahin. Ein Reitstall erfordert, wie gesagt, viel Einsatz, an 365 Tagen im Jahr …

Zu den Photos:

Helmut und Dennis Schulz, beide ein bißl müde wirkend, stehen vor den Reihen mit jenen Trophäen, die die Sieger nebst Geldpreisen bei der Europameisterschaft in Empfang nehmen dürfen.

Weitere Bilder zeigen die weitläufigen Koppeln, hauptsächlich mit Stuten, ihren Fohlen und jüngeren Pferden gefüllt, vor dem Panorama des Schneebergs. Dazu kommen Impressionen vom Gelände mit Offenställen, ein Blick aufs Innere des Saloons, auf einen der vielen stillen Winkel, die zu finden sind, auf das Hauptgebäude und auf die Reithallen, die zur Seite hin offen stehen.

Nähere Infos über das Western Training Center H & D Schulz erhält man auf der Homepage http://www.westernstar.at/

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