Das Gfrett mit der Sprache

Ich hab mich schon das eine oder andere Mal im kleineren Rahmen über die sprachlichen Unterschiede zwischen Österreichisch und dem, was als „richtiges Deutsch“ bezeichnet wird, ausgelassen.

„Was Österreich und Deutschland trennt, ist die gemeinsame Sprache.“ Dieses geflügelte Wort, einmal Karl Kraus, dann wieder dem Kabarettisten Karl Farkas zugerechnet, und wahrscheinlich war’s ganz ein Anderer, der diese höchst kluge Feststellung getroffen hat, verfolgt mich nun schon, seitdem ich mit dem Schreiben beschäftige.

Nun arbeite ich fast ausnahmslos für deutsche Verlage. Für Leser, die in einem anderen Sprachgefüge aufgewachsen sind als ich. Wohlgemerkt – ich rede nicht von Dialekt-Barrieren, sondern von mitunter recht deutlichen sprachlichen Unterschieden. So muß ich, wenn ich mal in D unterwegs bin, mitunter angestrengt nachdenken, bevor ich eine „Apfelschorle“ bestelle, die bei uns ein „gespritzter Apfelsaft“ ist, und ich erinnere mich noch an die Fassungslosigkeit eines Metzgers, den man in Ostösterreich nicht findet, weil wir „Fleischhauer“ haben, als ich „zehn Deka“ statt „hundert Gramm“ einer Wurst haben wollte. Das Pfund wiederum war mir unbekannt, diese Gewichtseinheit mußte mir jemand erklären.

Ach ja – ich setze mich auf einen Sessel, und nicht auf einen Stuhl, wenn ich arbeite. Beide Worte haben die exakt gegensätzliche Bedeutung in D und Ö. Stuhl hat für mich eher die Bedeutung von Kot, was bei mir, wenn irgendwo über den „Heiligen Stuhl“ gesprochen wird, die Assoziation eines versteinerten Gackhaufens (und nicht Kackhaufens) hervorruft.

Ich ärgere mich, wenn mir die winword-Korrektur das Wort „Geschoß“ wie in „Erdgeschoß“ unterwellt; bei uns wird das „o“ nun mal lang ausgesprochen und das Wort deshalb mit einem „ß“ geschrieben. Der deutsche Tourist wird augenblicklich erkannt, wenn er im Kaffeehaus auf das zweite „e“ vergißt und die erste Silbe statt der zweiten betont, da kann er sich noch so gut tarnen. Heute mußte ich erfahren, daß man die „GesmbH“ in D nicht kennt und man sie mit „GmbH“ abkürzt, und wenn ich von Jänner bis Feber auf Urlaub fahre, dann heißt das jenseits der sogenannten „Weißwurstgrenze“ von Januar bis Februar.

Noch ein Schwenk zurück zum Geschoß: Häuser in Wien können durchaus sechs Stockwerke haben, doch wenn man im letzten Stock angekommen ist, steht groß geschrieben, daß man sich im „3. Stock“ befindet, was deutsche Besucher mitunter verwirrt, aber hier vollkommen normal ist. Denn bevor man überhaupt den „1. Stock“ erreicht, passiert man das Mezzanin, das Hochparterre und das Obergeschoß, übrigens nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Das hat damit zu tun, daß im vorvorletzten Jahrhundert in Wien Hausbesitzern eine Stockwerksteuer aufgebrummt wurde, und findige Leute nun alle möglichen Bezeichnungen erfanden, um nur ja Geld zu sparen. Und um dieser Farce, mit der man die Obrigkeit beschiß, die Krone der Schlitzohrigkeit aufzusetzen, wimmelt es ausgerechnet im Wiener Rathaus nur so von Obergeschoßen und Hochparterren, von „Stöcken“ ist so gut wie keine Rede.

Der Frisör … bei uns heißt er Friseur, manchmal auch noch Coiffeur, man trinkt den Kaffee im Café. Französische Lehnwörter, die uns Napoleon und seine Truppen trotz nur kurzer Besatzungszeit hinterlassen haben, sind so tief in den ostösterreichischen Sprachschatz verwurzelt geblieben, daß ich keinen Gedanken daran verschwende, daß sie woanders nicht in Gebrauch sein könnten.

Es heißt „das“ Mail und nicht „die“ Mail, kruzitürken, und kruzitürken wiederum ist ein Ausruf des Erschreckens, der auf die Türkenheere zur Zeit der zweiten Türkenbelagerung Wiens im Jahr 1683 zurückgeht, die mit den Kuruzzen in Ungarn gemeinsame Sachen machten. Aber warum weiß man das in D nicht?! Sagt man das Joghurt oder die Joghurt, warum werden mir in D keine Schwedenbomben verkauft, und wenn ich mich verkühle, dann bin ich erkältet, nicht wahr?

Und dann die Gschicht mit der Speisekarte … Gucky ißt Karotten und bitteschön keine Mohrrüben, und ich hätte gerne, daß das in künftigen Auflagen von PERRY RHODAN ausgebessert wird. Für Palatschinken fällt mir grad das „deutsche“ Wort nicht ein, ich liebe Zwetschken und keine Pflaumen, und die Powidl wird für Buchteln, Powidltascherln (manchmal auch Powidltatschkerln) sowie Golatschen (manchmal auch Kolatschen) verwendet. Na gut – jetzt sind wir bei den vielen böhmischen Köchinnen, die im 19. Jahrhundert in Ostösterreich die Eßkultur bereicherten und ihre eigenen Begriffe mitbrachten und ein“deutschten“. Aber der Karfiol bitteschön, der Erdäpfel und die Paradeiser klingen doch tausendmal schöner als Blumenkohl, Kartoffel und Tomate. Die Wiener Würstchen heißen womöglich überall so, nur nicht in Wien, hier gibt’s nämlich Frankfurter. Der Überlieferung nach wurden diese Würstchen mit Haut in Wien von einem aus Frankfurt zugewanderten Fleischhauer (Metzger) erfunden. Das erklärt das Tohuwabohu oder das Durcheinander.

Nicht alle diese Worte sind mir bei der Textarbeit im Weg; aber ich bekomme immer wieder vom Lektorat Hinweise, daß dieser oder jener Begriff in D nicht gebräuchlich ist (mit Ausnahme des bayrischen Sprachraums). Es ist in der Tat so, daß ich diese seltsame Fremdsprache lernen mußte und mich nach wie vor damit abmühe.

Zum Schluß: Der Piefke, das ist ein nicht sonderlich gut gelittener Deutscher im österreichischen Wortschatz, und dieser Begriff hat einen historischen Hintergrund, der nicht eindeutig geklärt ist. Als Ausweichwort dafür wird manchmal der Begriff „Marmeladinger“ verwendet (auch dazu gibt’s eine Geschichte, die sich in der Wikipedia nachlesen läßt). Vor einigen Jahren gab’s nun diese saublöde EU-Verordnung, daß der Marmeladen-Begriff nur noch für Zitrus-Produkte verwendet werden durfte, in den Geschäften (Läden) verschwindet das Wort zunehmends. Deshalb bürgert sich da und dort statt des Worts „Marmeladinger“ der Begriff „Konfitüringer“ ein, ganz EU-konform, aber damit sind wir schon einigermaßen tief im Dialekt, und da bleibt mir nur noch, auf eine Bestellung hinzuweisen, die man an Würstlständen (Wurstbuden) in Wien immer wieder hört: Dort bestellen die Kunden des Nachts nämlich gerne „a Eitrige und a Sechzehner-Blech“. Aber, wie gesagt: Da sind wir tief im tiefsten Dialekt, und ohne Recherche im Internet ist diese Bestellung für einen Ortskundigen nicht verständlich. Wer sich den Spaß machen möchte und phantasievolle Übersetzungen für „Eitrige“ und „Sechzehner-Blech“ liefert – ich bin auf möglichst amüsante Wortmeldungen gespannt.

Und jetzt geh ich wieder an die Arbeit, die ein ganz schöner Tschoch ist. Es ist echt ein Gfrett mit der Sprache …

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13 thoughts on “Das Gfrett mit der Sprache

  1. Hallo MMT 😉
    Um dir mal ein bisschen auf die Sprünge zu helfen. Der „Frisör“ ist Neudeutsch. Bei uns (hier in Norddeutschland), kennt man ebenfalls die Schreibweisen Friseur und Coiffeur. Und es heißt die Mail, weil es ja auch die Post heißt. Womit ich jetzt nicht die deutsche Post AG meine 😉
    Den Begriff kruzitürken kenne ich auch schon seit meiner Kindheit, inklusive der Bedeutung. Mein Opa, der ebenfalls Norddeutscher war, hatte Karotten und keine Mohrrüben in seinem Garten.
    Der Palatschinken heißt bei uns Pfannkuchen oder auch Eierpfannkuchen. Den Fleischhauer nennt man in D unterschiedlich. Von Süd nach Nord: Metzger, Fleischer und Schlachter. Schlachter klingt ziemlich fies, ich weiß.^^
    Normalerweise komme ich mit österreichischen Begriffen gut klar. Was Paradeiser und Erdäpfel sind wusste ich auch schon. Nur bei einem Begriff, den du in einem deiner PR-Romane verwendet hast, bin ich doch ins stolpern gekommen. Du hast da immer Stiegenhaus geschrieben. Hab ne Weile gebraucht, bis ich dahinter gekommen bin, das du das Treppenhaus meintest. 😉
    Aber du hast schon recht. Es ist schon ein Kreuz mit der Sprache.^^

    lg
    Michael „ESTARTU“ Czapura

    • Servus Michael,

      verflixt, wie kommen die Karotten nach Norddeutschland?! Ich dachte, je weiter nördlich, desto mohrrübiger.
      Das Beispiel mit dem Stiegenhaus zeigt aber sehr schön mein Problem: Es gibt Begriffe, bei denen ich um die Welt nicht glauben würde, daß sie bloß regional verwendet werden …
      Danke für die Richtigstellungen/Ergänzungen,

      Michael

      • Also, hier im Fränkischen klingen „Karotten“ sehr nördlich. Bei uns sagt man „Gelbe Rüben“ – und „Mohrrüben“ kenne ich überhaupt nur aus PR …

  2. Achja… Nachtrag. „a Eitrige und a Sechzehner-Blech“. Käsekrainer (also ne Käsewurst 😉 ) und ein Ottakringer Bier… Schmeckt das denn?^^

  3. Alsdann, zum Karotten- und Mohrrüben-Dilemma: Laut wikipedia – und wer würde es schon wagen zu behaupten, daß sich die Leute dort irren könnten? – stammt der Begriff „carota“ aus dem Lateinischen, während die Mohrrübe einen Wortstamm aus dem Slawischen und Griechischen synonym für „Wurzel“ enthält und sich als Begriff übers alt- und mittelhochdeutsche bis in die Gegenwart weiterentwickelt hat. Seltsamerweise gibt’s kein sprachliches Nord-/Südgefälle. Beide Bezeichnungen haben sich regional durchgesetzt. Hier die Karotte, dort die Mohrrübe, aber auch die Steckrübe oder die Gelbe Rübe.
    Wenn’s nun aber so zahlreiche Karottensprachler gibt, im Fränkischen, im hohen Norden, in Österreich und wasweißichnochwo, dann fordere ich um so mehr, daß die Mohrrübe endgültig aus den PERRYS verbannt wird, jawoll! Oder wagt es jemand, ein Plädoyer für die Mohrrübe als Hauptnahrungsmittel für Gucky zu halten? 🙂

    • Ich wär ja dafür, das es Karotte heißt, aber dann musst du noch an Elena-Gucky aus dem PR-Forum vorbei. 😉

  4. Zum Thema „Pfund“: Die Erklärung ist ganz einfach, am besten an Hand eines Beispiels.
    Eine alte Dame kommt zum Fleischer (Metzger, Schlachter, Fleischhauer). Die Verkäuferin stellt die übliche Frage: „Was darfs denn sein?“
    Die Dame sagt: „Ich hätte gerne zwei Pfund Hack.“
    Darauf die Verkäuferin:“Das heist jetzt Kilo.“
    Die Dame:“Nicht mehr Hack?“

    • Herzlichen Dank für die nette Erklärung. 🙂
      Was allerdings gleich zum nächsten Problem führt, denn hier in Ö gibt’s kein Hackfleisch. Es heißt „Faschiertes“.

  5. Hmm, Zwetschgen und Pflaumen sind zumindest in Niedersachsen zwei unterschiedliche Obstsorten.

    Und zur Mohrrüben/Karottenproblematik kann ich noch die Möhre einwerfen, so kenn ich die Dinger.

    • In meinen jüngeren Jahren war mir die Pflaume gänzlich unbekannt, das war für mich eindeutig deutsch bzw. „fremdsprachlich“. Ich habe immer nur Zwetschken/Zwetschgen gegessen, ab und zu Kriecherln (das sind kleinere und süßere Zwetschken) und Ringlos bzw. Ringlotten (das sind helle, gelbe Zwetschken).
      Mohrrüben, Karotten, Möhren – sind wir bloß froh, daß es keine EU-Sprachverordnung dazu gibt …

      • Ringlo ist der Regional- oder Dialektbezeichnung für die Edelpflaumenart Reneklode. Der Name geht auf Claude de France die Ehefrau des französischen Königs Franz I. zurück.
        Da wo ich herkomme heisen die Dinger Ringello (mit der Betonung auf dem o).

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