Wie aus einem Fan-Roman ein Planetenroman wurde

Es muß um 1999 herum gewesen sein; ich hatte einige SF-Kurzgeschichten in Fanzines veröffentlicht und beim „William Voltz Gedächtnispreis“ den drittten Rang belegt. Ich tat also die ersten Schritte ins Schreibgeschäft, hatte aber noch keinerlei Erfahrungen mit längeren Texten.

Nun war dazumals die PERRY RHODAN Fan-Zentrale höchst aktiv. Es erschienen fast regelmäßig Fan-Romane in einer eigenen Edition, und ich dachte, da könnte ich mich auch mal dran wagen. Diese Edition war zu dieser Zeit eng an Verlagsmitarbeiter von VPM gekoppelt; so las Klaus N. Frick mein Exposé und gab seine Meinung dazu ab, während und nach der Schreibarbeit stand mir Sabine Bretzinger (heute: Kropp) als Lektorin zur Verfügung.

Du meine Güte, was habe ich beim Schreiben gelitten! Ich hatte gehörig Schwierigkeiten, einen Spannungsbogen aufzubauen, der den Leser über die gesamte Länge des Textes bei der Stange hielt. Ich mußte Personen tiefgehender charakterisieren, mußte mich mit Nebensträngen der Handlung beschäftigen, neue und mir unbekannte Gesetzmäßigkeiten beachten. Es dauerte wohl ein halbes Jahr, bis ich das Manuskript fertig hatte – ich war damals noch im Motorrad-Zubehörhandel tätig – und mich traute, es abzuschicken.

Natürlich bekam ich es von Sabine ordentlich um die Ohren geschmissen, ich hatte einen Haufen Anfängerfehler begangen – und ich hatte mich in der Länge geirrt! So sollte die Manuskriptlänge mit Leerzeichen etwa 185.000 Anschläge betragen, ich aber hatte es ohne Leerzeichen mit dieser Länge abgegeben, hatte also etwa 20 Prozent zu viel geschrieben!

Nun – einen Text zu kürzen, das schadet in den meisten Fällen nicht, ganz im Gegenteil. Aber ich war schrecklich unerfahren und weit von dem entfernt, was man „professionell“ nennen könnte. Mir schmerzte jedes Wort, jede Silbe, die ich entfernen mußte. Das waren doch meine Kinder, meine Ideen, die ich da begrub! Weinen hätt ich können, als ich ganze Szenen entfernte, aber was sollte ich tun …

Die Gestaltung des Fanroman-Titelbilds hatte übrigens Michael Wittmann übernommen, der sich einmal in einer derartigen Arbeit üben wollte. Wir waren mehrmals deswegen zusammengesessen, er zeigte mir einige Entwürfe, und wir einigten uns schließlich darauf, zwei den Roman bestimmende Elemente zu übernehmen: erstens das symbolisch abgebildete Augenpaar, das für meinen Helden von zentraler Bedeutung werden sollte. Und zweitens meinen Protagonist selbst, mit gezückter Waffe, der von träumenden Menschen umgeben ist. Von Menschen, die in einem Simusense-Netz eingewoben sind, einem Träume steuernden System, das älteren PERRY RHODAN-Lesern wohl bekannt sein wird.

Der Fanroman erschien 2001 oder 2002 unter dem Titel „Mit den Augen des Mörders“, und ich war gehörig stolz darauf. Er markierte einen von vielen, kleinen Schritten auf meinem Weg zum professionellen Autor.

Etwa acht Jahre später brachte VPM Taschenhefte unter dem Titel „PERRY RHODAN Planetenromane“ auf den Markt, die bei den Lesern sehr beliebt waren und sind. Es handelt sich um sorgsam redigierte Manuskripte der früheren PERRY RHODAN-Taschenbücher; um solche aus den höheren Nummernbereichen, die nach wie vor „frisch“ wirken und interessante Themen verfolgen.

Die Taschenbücher hatten bis in die Neunziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts ein klein wenig als Spielwiese für Autoren gedient, die man für die PERRY RHODAN-Erstauflage antesten wollte. Man hatte die Serie jedoch Jahre vor meiner Zeit eingestellt. Mir war klar, daß ich niemals in den Genuß einer Neuauflage in Form eines Taschenhefts kommen würde, eine Tatsache, die mich gehörig wurmte.

Doch dann erinnerte ich mich  an meinen Fanroman. Daran, daß ich das Manuskript gehörig hatte kürzen müssen, um auf Heftlänge zu kommen und daran, daß es sehr viel Potential für einen längeren Text geboten hatte. Ich schlug also Klaus N. Frick vor, „Mit den Augen des Mörders“ aufzupeppen und als ersten „neuen“ Roman in der Reihe der PERRY RHODAN-Planetenromane auf den Markt zu bringen. Er war von der Idee sehr angetan und gab mir sein Okay.

Es dauerte dennoch ein Jahr, bis ich mich an die Arbeit machte; es kamen mir einige andere Dinge dazwischen. Klaus hatte mittlerweile das ursprüngliche Manuskript durchgeblättert und mich gewarnt, daß mich ziemlich viel Arbeit erwarte. Und wie recht er doch hatte! Nicht nur, daß ich neue Szenen einfügen mußte; mein Stil hatte sich seit der Erstveröffentlichung gehörig verändert und auch ein wenig verbessert. Ich ging das ursprüngliche Manuskript Satz für Satz durch, schwitzte Blut und Wasser bei den Formulierungen, beschrieb Situationen völlig neu. Es war eine Hundsarbeit, und ich hab mich mehrmals dafür verflucht, Klaus diesen Vorschlag gemacht zu haben.

Doch letztlich war ich mit dem Endresultat sehr, sehr zufrieden. Es war nun runder als der Fanroman, es besaß wesentlich mehr Tiefe. Und es entsprach viel mehr dem, was ich beinahe zehn Jahre zuvor hatte machen wollen.

Der neue Titel lautete „Der Killer von Terra“, das Titelbild steuerte diesmal Dirk Schulz bei, und auch da gab es einige Mails, bis alle Beteiligten mit dem Resultat zufrieden waren. Dirk hat was wirklich Gutes aus meinen Angaben gemacht; doch ich bedaure es, daß die Taschenhefte bloß so kleine Abbildungsflächen besitzen. Die Sandlandschaft, die meine Roman-Welt prägt, hätte sich meiner Meinung nach ein größeres Bild verdient.

Ach ja, zum Abschluß einige Worte darüber, was den Leser dieses Romans erwartet: Mein Held heißt Stendal Navajo, er spielte in der PERRY RHODAN-Erstauflage vor langer Zeit eine gewisse Rolle. Dort wurde angedeutet, daß er und die Chefin des Terranischen Liga-Dienstes, Gia de Moleon, eine gehörige gegenseitige Abneigung hegten. In meinem Roman erzähle ich nun über die Ursache für diesen Haß. Sie hat sehr viel mit Machtgier, mit Zynismus und mit dem Agentengeschäft zu tun,  das bei mir viel böser und dreckiger beschrieben wird, als es sonst bei PERRY RHODAN der Fall ist.

Was mir beim Schreiben besonders viel Spaß machte: Stendal Navajo ist ein schwuler Charakter. Homosexualität ist etwas, das in der Erstauflage eh kaum mal erwähnt wird.

Der PERRY RHODAN-Planetenroman (Nummer 14) ist übrigens über die Backlist vieler Internet-Händler nach wie vor erhältlich, den Fanroman gibt’s nach wie vor bei der Fanzentrale (deren Internet-Auftritt ohnedies immer wieder einen Besuch wert ist): www.prfz.de

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One thought on “Wie aus einem Fan-Roman ein Planetenroman wurde

  1. Ich wünschte, ich hätte mal beide Versionen zum Vergleich und die nötige Zeit, sie entsprechend zu würdigen… :-)…

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