Warum Strukturen beim Schreiben wichtig sind …

… und warum ich sie verdammt nochmal nicht hinbekomme.

Dies ist ein Offenbarungseid. Ich bin wieder mal gescheitert. Ich hatte vor, meine derzeitige Schreibarbeit, ein längeres Projekt, im Vorfeld endlich mal so zu strukturieren, daß ich von vorne bis hinten weiß, wohin mich die Geschichte führen wird.

Ich rede nicht vom selbsterstellten Exposé, das ja bloß eine Orientierungshilfe ist, sondern von einer richtigen strukturellen Gliederung. Ich hätte gern gewußt, wie die einzelnen Kapitel aufgebaut sein werden, wann und wo ich Umschneidungen mache, wie die Charaktere beschaffen sind, was mit Nebenfiguren geschehen wird. Schön fein säuberlich gegliedert, so daß ich alle Entscheidungen, die pro Kapitel getroffen werden müssen, von vornherein feststehen habe und es keine Logikbrüche geben kann.

Ich kenne ausreichend Leute, die derart an die Arbeit rangehen. Manche von ihnen arbeiten mit Excel-Sheets, andere nehmen Hilfs- und Gliederungsprogramme zur Hilfe. Viele arbeiten zumindest mit Schautafeln, auf die sie kleine Post-its anbringen und so die Querverbindungen einer Handlung immer im Auge behalten können oder handlungsrelevante „Pflöcke“ nicht vergessen. Ich bewundere diese Kollegen. Für ihre Disziplin, für ihre Pragmatik, für ihr klar strukturiertes Denken. Sie investieren mehr in die Vorbereitungen und kommen bei der eigentlichen Schreibarbeit dann wesentlich rascher voran, als ich es jemals würde.

Um meine eigene „Arbeitsweise“ zu erläutern: Ich habe ein Grob-Expo im Kopf und weiß in Ansätzen, wie die große Auflösung aussehen soll. Also setze ich Hauptfigur A in Bewegung und lasse sie auf Nebenfigur B treffen . Ich komme während des Schreibens drauf, daß mir Nebenfigur B eigentlich recht gut gefällt, also behalte ich sie mir. Bis mir Nebenfigur C über den Weg läuft und den Status als Hauptfigur C für sich beansprucht. Sie teilt mir das mit, indem sie während des Schreibprozesses eine immer stärkere Rolle für sich fordert. (Über das Eigenleben, das Figuren entwickeln können, werde ich womöglich mal einen eigenen Eintrag verfassen.)  Nun habe ich aber schon Hauptfigur A, und zwei Alphatierchen nebeneinander herlaufen zu lassen, ist selten eine gute Idee. Ich lasse A und C also gegeneinander antreten, C gewinnt, und ich habe einen neuen Helden an der Backe. Einen, mit dem ich überhaupt nicht gerechnet habe und der in meinem Grob-Expo gar nicht vorkam!

Dies sind Prozesse, die sich innerhalb weniger Absätze abspielen können und denen ich wehrlos ausgeliefert bin. Weil ich keine Struktur habe und nicht weiß, wohin mich der Weg führen wird.

Diese Dinge spielen sich während des Schreibens ab. Sie passieren von einem Wort zum nächsten. Ich arbeite völlig assoziativ. Lasse Held C in eine ausweglose Situation geraten und überlege während des Schreibens, wie ich ihn da wieder rausholen könnte. Das geht manchmal gut, viel zu oft leider nicht. Dann muß ich Kapitel kürzen, streichen oder umarbeiten oder gar wieder zu Hauptfigur A zurückkehren. Womöglich löst sich Nebenfigur B aus den Schatten und entpuppt sich als eigentlicher Held meiner Geschichte. Nichts hat für mich Bestand, und je länger ein Manuskript ist, desto schwieriger sind solche Situationen zu handhaben.

Ich wollte bei  meiner derzeitigen Arbeit nun wirklich standhaft bleiben und meine Hauptfigur A von vornherein als derart stark definieren, daß an ihr kein Vorbeikommen möglich ist. Doch mein Unterbewußtsein sabotiert mich auf unglaublich perfide Art und Weise. Es lockt und verführt und zeigt mir ständig Wege auf, wie ich Hauptfigur A eine andere Hauptfigur entgegenstellen könnte. Und ich brauche wohl nicht zu sagen, daß ich schwach geworden bin?

Mein Fazit, nach mehr als zehn Jahren inneren Kampfes: Ich muß meiner inneren Stimme gehorchen. Eine strukturierte Arbeit liegt mir nun mal nicht, ich muß die Gefahren umfangreicher Korrekturen und Umarbeiten in Kauf nehmen. Ich darf mich nicht zu etwas zwingen, das mir nicht entspricht.

Und das ist der Rat, dem ich jedermann mitgeben möchte, der sich ernsthaft mit dem Schreiben auseinandersetzt: Vertraut Eurem Gefühl. Baut Arbeitsstrukturen auf, die Euch als die Besten erscheinen und glaubt niemandem, der behauptet, daß seine Arbeitsmethode die einzig Richtige und Zielführende ist. Probiert aus, was Euch als gut erscheint und übernehmt das, was Euch gut tut.

Noch eine Anmerkung zum Schreibcamp, das Frank Borsch und ich abhalten (siehe Menüpunkt „Schreibcamp“): Wir beide stehen als Autoren am jeweils anderen Ende der vollen Bandbreite in der Herangehensweise an ein Manuskript. Diese Unterschiede in der Methodik machen wir den Teilnehmern auch ganz deutlich klar, und ich behaupte mal, daß wir jeder für sich den für uns besten Weg beschreiten. Viele Wege führen zum Ziel …

Fragen, Anmerkungen, Widerworte und Kommentare zu diesem Thema sind ausdrücklich erwünscht.

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4 thoughts on “Warum Strukturen beim Schreiben wichtig sind …

  1. Tja, das erinnert mich stark an meine Deutschschularbeiten, bei denen habe ich auch immer die erste Seite freigelassen, und am Ende der Stunde dort die Gliederung hingeschrieben. Der Herr Fesser hatte natürlich den umgekehrten Eindruck, nämlich, dass ich mich stark an die Gliederung gehalten hätte.

  2. Diese Quälerei hindert mich seit nunmehr 4 Jahren, den begonnenen Roman fertigzustellen! Ich habe als des Lesens kundiger Laie begonnen, einen teils biografischen, teils erdichteten Roman zu „bauen“. Indem ich einzelne Episoden entwarf, leistete ich mich eine Hauptfigur und mehrere Nebenrollen, die sich teils selbst auflösen, teils in der Versenkung verschwinden nach getaner Arbeit. Nun scheitere ich derzeit an fachlichen Details, die Geschichte kommt nicht voran. Endlich sollen die Episoden an den Ausgang des Romans heranführen und die Geschichte zu einem „runden“ Abschluss bringen. Ein Expose stand bislang nur in meinem Koipf, ebenso jedwede Gliederung. Während der Schreiberei kamen neue Figuren „einfach so“ herein und wollten mit aufs Papier. Die dann wieder loszuwerden…

    • Jaja, die können ganz schön hartnäckig sein, diese Figuren … Das Wichtigste ist: weitermachen. Nicht aufgeben, bis das gute Ding mal fertig ist. Und bei den Korrekturdurchläufen so konsequent wie möglich das rausschmeißen, was der eigentlich Geschichte im Weg ist.

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